Apple-TV-Fans kennen Mick Herron als Schöpfer der „Slow Horses“ – jener grandios verlebten Spione um Gary Oldman. Nun kehrt sein erster Oxford-Krimi „Down Cemetery Road“ als Buch in deutscher Übersetzung zurück
Mick Herrons Romane liefern die Vorlagen für sehr erfolgreiche Verfilmungen
Foto: Matt Dunham/AP/picture alliance
Wie Sarah Tucker war man einmal: stolperte nach dem Studium planlos ohne Ziel im Erwachsenenleben herum, auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, einem Job – kurz, nach einer Existenzberechtigung. Man vertrieb sich die Tage mit Büchern, einem Putzfimmel und einem notorisch schlechten Gewissen. An der Seite ein Mann, der einen – so schien es – aus irgendetwas gerettet hatte und nachweislich das Geld nach Hause brachte. Nichts Außergewöhnliches also.
Ein Unterschied: Die Heldin in Mick Herrons (in Großbritannien vor mehr als 20 Jahren erschienenem, hervorragend gealtertem) Roman Down Cemetery Road hat keine kleinen Kinder – was für die Handlung wichtig wird. Nicht nur, dass Sarah von ihrem Mann Mark – der Literatur studiert hat, nun aber „in Finanzen macht“ – immer wieder einen Kinderwunsch nahegelegt bekommt: Gleich zu Beginn des Romans explodiert in der Nachbarschaft – einem aufstrebenden, noch nicht ganz gehobenen Viertel von Oxford – ein Haus, und das ohnehin furios missratene Dinner mit dem äußerst unsympathischen Geschäftspartner Gerard Inchon endet in einer Katastrophe, also das Gegenteil von dem, was sich Mark davon erhofft hatte.
Denn Mark hatte Gerard nur aus Karrieregründen eingeladen, während Sarah durchaus passiv-aggressiv ihre arglose links-grüne Freundin Wigwam samt Freund mit dem auch lächerlichen Namen Rufus dazugeladen hatte. Den ganzen Abend über hatte sie keinen Hehl daraus gemacht, wie abstoßend sie den dicken Gerard findet. Allerdings ließ der sich – gar nicht so grässlich unsympathisch – auch nichts gefallen. Ein Kind, das die Explosion überlebt, verschwindet anschließend spurlos aus dem Krankenhaus.
Sarah Tucker, die wirklich nicht auch noch Kinder haben will, um ihr Hausfrauenelend zu perfektionieren, kann sich nicht erklären, warum sie jetzt ausgerechnet das vierjährige Mädchen Dinah unbedingt finden zu müssen meint. Aber ebensowenig versteht sie, wie sie als Studentin einst unter Drogeneinfluss von einem Dach stürzte und seither einen Aktenvermerk hat. Also schlittert sie halb freiwillig und 100 Prozent konfus in die Story hinein – britische Ex-Soldaten aus dem Golfkrieg, vertuschte Kriegsverbrechen, Schreibtischtäter, ein unheimlicher Mann in Stan-Laurel-Verkleidung inklusive.
Moralische Tristesse
Fans der Apple-TV-Kultserie Slow Horses dürfen jubeln. Wer in Staffel 5 eingeschaltet hat, die seit September läuft, wartete bis zuletzt fürchterlich angefixt auf das Finale. Die Vorlage dieser Serie über ausgemusterte britische Geheimdienstagenten ist Mick Herrons gleichnamige Krimi-Reihe. Gary Oldman spielt den ehemaligen MI5-Chef Jackson Lamb so, als hätte er nie etwas anderes als diesen schmuddeligen Colombo-Trench getragen.
Nun ist auch die Verfilmung von Down Cemetery Road zu sehen – erneut in Starbesetzung: die ketterauchende Privatdetektivin Zoë Boehm, die Sarah einschaltet, wird von Emma Thompson verkörpert, die dem Auftakt der Reihe ein charmantes Vorwort spendiert hat. Die Rezensentin jedenfalls ist glücklich, die einzig wahre Reihenfolge eingehalten zu haben: erst lesen, dann schauen! So verdoppelt sich das Vergnügen, und ja auch nur, wenn die Verfilmung die Vorlage nicht ruiniert.
Herron ist witzig, sarkastisch, jedoch nie flach, es sei denn, der Flachwitz ist doch unvermeidlich und daher lustig. Herron beherrscht das elegante Spiel mit dem legendär süffigen britischen Humor kombiniert mit moralischer Tristesse. Und er ist tatsächlich kein Londoner, wie Thompson vermutete. Geboren 1963 in Newcastle-upon-Tyne, studierte er Englische Literatur in Oxford, wo er heute lebt. Die ketterauchende Privatdetektivin übrigens taucht in Down Cemetery Road erst spät auf und geht wieder ab – was Methode hat, bei Herron taucht immer jemand auf, mit dem man nicht gerechnet hätte, wie in einem Screewball-Krimi. Dass man über 500 Seiten gelesen hat, glaubt man kaum.
Down Cemetery Road – Zoë Boehm ermittelt in Oxford Mick Herron Stefanie Schäfer (Übers.), Diogenes, 560 S., 19 €