Der Ausbruch des neuen Irankriegs und der folgende steile Anstieg der Preise für Öl und Gas haben die Londoner Aktienmärkte am Montag zunächst relativ wenig belastet. Mit einem Minus von 1,3 Prozent notierte der Leitindex FTSE 100 bei 10.770 Punkten. Am Dienstagmorgen ging es indes nochmal rund 2,6 Prozent bergab auf 10.500 Punkte.
Der Index blieb damit aber noch in Reichweite des Ende vergangener Woche erreichten Rekordhochs von 10.934 Punkten. Zudem hat der britische Aktienmarkt weniger verloren als der deutsche Dax, der am Montag mehr als zwei Prozent sank und am Dienstagmorgen nochmals rund vier Prozent nachgab. In London stützten unter anderem die großen Ölkonzerne den Index.
Verlierer British Airways und Banken
Zu den größten Verlierern an der London Stock Exchange zählte der British-Airways-Mutterkonzern IAG, dessen Kurs am Montag und Dienstag bis zu sieben Prozent an Wert einbüßte. Ein weiterer großer Börsenverlierer war die Großbank Barclays, deren Aktienkurs um mehr als sechs Prozent sank. Auch die auf Handelsfinanzierungen spezialisierte Bank Standard Chartered büßte mehr als fünf Prozent ein. Für HSBC – den größten Wert im FTSE 100 – ging es insgesamt um rund sieben Prozent bergab.
Auf der anderen Seite gehörten die Öl- und Gaskonzerne Shell und BP zu den größten Tagesgewinnern. Sie gaben aber einen Teil der Gewinne dann wieder ab. Shell lag am Montagnachmittag noch rund zwei Prozent über dem Wochenschluss, BP um 1,7 Prozent. Beide profitieren von höheren Öl- und Gaspreisen. Der Kurs des Goldproduzenten Endeavor Mining stieg um rund zwei Prozent. Mit Abstand am meisten gewann BAE Systems, Europas größter Rüstungskonzern. Die Aktie legte am Montag um rund fünf Prozent zu. Damit gewann der Hersteller von Kampfflugzeugen, Kriegsschiffen, Panzern und Raketen gut drei Milliarden Pfund an Wert. Anleger spekulieren, dass der neue Krieg im Nahen Osten die Nachfrage nach Rüstungsgütern steigern wird.
Goldman Sachs empfiehlt „Halo“-Unternehmen
Abgesehen von den Turbulenzen rund um den Irankrieg, den Ölpreis und die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft: In London wurde zuletzt auch intensiv über die Frage debattiert, was die KI-Revolution für die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen und deren Börsenbewertung bedeutet. Die Aktienkurse einiger Software-, IT- , Börsen- und Medienunternehmen sowie unternehmensnahe Dienstleister kamen unter Druck, je mehr sich zeigt, dass neue KI-Werkzeuge wie von Anthropic in Zukunft deren Geschäfte ersetzen und Gewinne erodieren können. Der Aktienkurs des Börsen- und Finanzdatenkonzerns LSE Group etwa ist innerhalb von zwölf Monaten um ein Viertel gesunken.
Goldman Sachs meint, dass sich nun eine größere Verschiebung der Anlagen hin zu „KI-resistenten“ Aktien empfiehlt. Diese ist schon seit einiger Zeit zu beobachten. Die Goldman-Analysten sprechen von einem „Halo“-Effekt – wobei das englische Wort Halo übersetzt Heiligenschein bedeutet. „Der britische Aktienmarkt wendet sich von kapitalarmen Sektoren ab und bevorzugt kapitalintensive Unternehmen mit hohen Vermögenswerten und geringer Obsoleszenz (Heavy Assets and Low Obsolescence – HALO)“, schreibt Goldman in einer aktuellen Analyse. Dahinter stehen neben der KI-Revolution andere Faktoren: höhere Realzinsen, die geopolitische Fragmentierung und der stärkere Fokus auf physische Produktionskapazitäten.
Der weniger kapitalintensive Sektor, der derzeit ins Hintertreffen kommen könnte, umfasst Software, IT, Medien und unternehmensnahe Dienstleistungen. Der kapitalintensive Bereich, den Goldman empfiehlt, umfasst Versorger, Rohstoffkonzerne, Telekommunikation, Fluglinien und Energiekonzerne. In den anderthalb Jahrzehnten nach der globalen Finanzkrise hatten die kapitalleichten Bereiche die höchsten Renditen erzielt; nun könnte sich das umdrehen: „Kapitalintensive europäische Aktien haben seit 2025 kapitalarme Aktien (plus 35 Prozent) übertroffen, was auf eine Neubewertung vermögensintensiver Unternehmen zurückzuführen ist“, heißt es in der Analyse. Die vorige Bewertungslücke verringere sich.
Zu den kapitalintensiven „Halo“-Unternehmen, die sie zum Kauf empfehlen, zählen die Goldman-Analysten folgende in London notierten Aktien: Antofagasta, BAE Systems, BP, BT, IAG, Sainsbury, Marks & Spencer, Melrose, National Grid, Rolls-Royce und SSE.
Die Stärke der Rohstoffaktien war natürlich durch die hohen Preise für wichtige Rohstoffe, jüngst den Ölpreisanstieg und die Hausse einiger Metalle wie Kupfer getrieben. Das muss nicht immer so weitergehen. „Diese Sektoren könnten mit Gegenwind konfrontiert sein, da wir davon ausgehen, dass die Preise für Basismetalle gegen Ende des Jahres 2026 sinken werden“, so Goldman.
Während die in London börsennotierten Großkonzerne den Hauptteil ihrer Umsätze außerhalb des Landes machen, steht die heimische Konjunktur eher auf wackeligen Füßen. Die Unternehmen des breiteren FTSE-250-Index, die mehr auf den Binnenmarkt konzentriert sind, haben weniger zugelegt als die FTSE-100- Großkonzerne. An diesem Dienstag wird Finanzministerin Rachel Reeves die neue Konjunkturprognose des OBR-Budgetamtes vorlegen. Die Bank of England hat ihre Wachstumsprognose für 2025 von 1,2 auf 0,9 Prozent gesenkt.
Source: faz.net