In einem Klima, in dem Großbritannien sich bescheinigt, dass es „kaputt“ sei, liefert eine Kaskade von Hiobsbotschaften besonders trübe Aussichten für die Jugend. Es fängt mit dem beunruhigenden Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Sechzehn- bis Vierundzwanzigjährigen auf 16,1 Prozent an. In kausalem Zusammenhang damit steht der stetig zunehmende Behandlungsbedarf psychischer Leiden, der Schulen, Behörden und dem Gesundheitsdienst über den Kopf wächst.
Fast eine Million junger Menschen Jahren werden als „NEETs“ eingestuft, ein für deutsche Ohren abwertend klingendes Akronym für jene, die weder zur Schule gehen noch arbeiten oder in einer Berufsausbildung sind. Sechzig Prozent dieser Kategorie gelten als wirtschaftlich inaktiv, das heißt, dass sie arbeitsunfähig sind oder keine Arbeit suchen.
Weniger Handy, mehr Buch
Dementsprechend sind die jüngsten Erhebungen des National Literacy Trust zum anhaltenden Rückgang der Lesefreude bei britischen Kindern und Jugendlichen bezeichnend, zumal diese 1993 zur Förderung der Lese- und Schreibfähigkeit gegründete Wohltätigkeitsorganisation in früheren Jahresberichten auf die neurowissenschaftlich belegte Verbindung zwischen Lesen, kritischem Denken, psychischer Gesundheit und der Entwicklung sozioemotionaler Kompetenzen (Ausformung des Empathievermögens durchs Hineinversetzen in literarische Figuren) hingewiesen hat.
Der Autor Frank Cottrell-Boyce, der zurzeit die auf jeweils zwei Jahre befristete Rolle des „Children’s Laureate“ zur Förderung von Kinderliteratur innehat, warnt denn auch vor einer „Rezession des Kinderglücks“. Bei Fünf- bis Achtjährigen, die weniger Zugang zum Smartphone haben, ist die Lesefreude trotz eines deutlichen Abfalls in den letzten sechs Jahren von mehr als 76 auf nur noch 62,6 Prozent noch stärker vorhanden.
Dieser Anteil sinkt aber mit dem Alter: Seit 2005 ist die Zahl der täglich oder mindestens einmal in der Woche gern oder ziemlich gern Lesenden in der Altersgruppe von acht bis achtzehn Jahren von knapp mehr als fünfzig auf 32,7 Prozent geschrumpft. Bei Jungen, die generell weniger lesen als Mädchen, ist die fehlende Lesefreude im Alter von elf bis sechzehn Jahren besonders ausgeprägt; danach wird allerdings ein Wiederanstieg des Interesses verzeichnet.
Die Ursachen der Leseunlust liegen auf der Hand. Doch haben die Ablenkungen der digitalen Medien nicht nur negative Auswirkungen. Filme und Fernsehserien nach literarischen Vorlagen sowie Online-Empfehlungen von Influencern animieren auch vom Lesen weniger Begeisterte, sich in ein Buch zu vertiefen. Hinzu kommen Initiativen, wie die des Penguin-Verlags, der im vergangenen Jahr den Sekundarschulen der Kulturhauptstadt Bradford mehr als 4000 Bücher geschenkt hat – in der Hoffnung, dass junge Leser sich in deren Geschichten wiederfinden.
Und der Booker-Preis hat in diesem Jahr des Nationalen Lesens eine neue Auszeichnung für solche Kinderliteratur ausgelobt, die sich an Acht- bis Zwölfjährige richtet. Drei Jugendliche sollen bei der für 2027 erstmals angekündigten Vergabe miteinscheiden. Dass die Dotierung mit 50.000 Pfund für den Sieger und jeweils 2500 Pfund für jene Autoren, die es in die letzte Runde schaffen, genauso hoch sein wird wie beim renommierten Booker-Preis, zeigt, wie viel auf dem Spiel steht.
Source: faz.net