Brigitte Macron sagt „Dreckige Schlampe“ – und nichts daran ist harmlos

Sales connes. Zwei Worte, eine Beschimpfung, ein Video und eine First Lady, die in Frankreich gerade für Debatten sorgt. Brigitte Macron, Ehefrau des amtierenden Präsidenten, wohnte am Sonntag im Théâtre des Folies Bergère einem Stück des Schauspielers und Komikers Ary Abittan (bekannt aus der Filmkomödie Monsieur Claude und seine Töchter) bei.

Einen Tag zuvor war es bei der gleichen Aufführung zu einer Unterbrechung gekommen, nachdem feministische Aktivistinnen der Bewegung #NousToutes in den Theatersaal eingedrungen waren, die Gesichter bedeckt von Masken mit dem Antlitz des Schauspielers und darüber die Aufschrift „Vergewaltiger“.

2021 war Abittan tatsächlich von einer 23-jährigen Frau der Vergewaltigung beschuldigt und angezeigt worden. Die Frau hatte angegeben, Abittan, mit dem sie seit einiger Zeit ausging, habe sie in seiner Pariser Wohnung zu nicht einvernehmlichen Sexpraktiken gezwungen. Aus Mangel an Beweisen wurde der Prozess 2024 eingestellt. Der Schauspieler hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Als die Präsidentengattin dem Schauspieler also am Abend im Flur begegnete und die beiden Smalltalk hielten, sagte Macron in Anspielung auf die Aktivistinnen, man werde die „dreckigen Schlampen“ schon hinauswerfen, wenn sie sich wieder blicken ließen.

Marcons frauenverachtende Worte

Nun ist es mit der Übersetzung von Schimpfwörtern ja so eine Sache. Während die Bild-Zeitung vom „Schlampen-Eklat“ schreibt, belässt es der Spiegel mit der Übersetzung „dreckige Vollidiotinnen“, dazu merkt die Redaktion unter dem Artikel noch an: „In einer früheren Version des Artikels wurde „sales connes“ als „dreckige Deppinnen“ übersetzt. Wir haben diese Übersetzung angepasst, da der Begriff zu schwach war.“

Man sieht: überall stiften die zwei Wörter Verunsicherung. Fragt man Übersetzer-Programme zu „sales connes“ gibt es tatsächlich eine gewisse Spannbreite. Aus der Praxis heraus, seit fast zwanzig Jahren in Frankreich beheimatet, kann ich Ihnen versichern, dass man „conne“ (oder con bei einem Mann) in Frankreich durchaus auch im Straßenverkehr benutzen könnte, so in die Richtung „Du Penner!“. In Verbindung mit „sale“ allerdings, wird’s tatsächlich einen Zacken schärfer. Nichts, was Sie einer Frau einfach so an den Kopf werfen sollten, es sei denn, Sie begreifen sich selbst als frauenverachtenden Macho.

Wenn diese Bezeichnung nun aber so en passant von der Präsidentengattin fällt, dazu noch mit süffisantem Lachen und von Kameras festgehalten, wird man hellhörig. Zum einen, was den Stil angeht, denn die Szene stammt ja nicht von einem Stammtisch mit besoffenen Kerlen. Zum anderen aber fragt man sich, was die Präsidentengattin tatsächlich über die Feministinnen denkt, die dort zugegen waren.

Nichts gelernt von Gisèle Pelicot, Madam Macron?

Jene Brigitte Macron, die noch vor einem Jahr, im Zuge des Prozesses gegen die Peiniger von Gisèle Pelicot gesagt hatte, sie stehe an der Seite aller Opfer von sexueller und sexualisierter Gewalt und begrüßte, dass die Dinge endlich ausgesprochen werden. Nun fühlen sich Feministinnen verraten und sehen in Macron keine Verbündete mehr, sondern eine Verräterin. Denn Brigitte Macron selbst hatte Unterstützung aus feministischen Kreisen erhalten, weil gegen sie seit Jahren eine transphobe Verschwörungskampagne läuft, fußend auf der Behauptung, die Präsidentengattin sei in Wirklichkeit als Mann geboren.

Doch der Skandal geht weit über die zwei Wörter hinaus, über die alle gerade reden. Viel grundsätzlicher wird darüber debattiert, wieso erneut ein prominenter Mann von den Macrons in Schutz genommen wird. Noch im März dieses Jahres sagte Emmanuel Macron über Gérard Depardieu, der seinerseits wegen Belästigungsvorwürfen vor Gericht stand, der Schauspieler „mache Frankreich stolz“ und er selbst sei ein großer Fan des Künstlers. Schon damals hatte man den Eindruck, die Opfer seien in der Beurteilung von Depardieu nebensächlich.

Nur 7 Prozent aller Vergewaltigungs-Fälle werden angezeigt

Es gab noch Zeiten, da hielt man Emmanuel Macron und er sich selbst für den großen Frauenversteher. Das war zu Beginn seiner ersten Amtszeit 2017, als er die Gleichstellung zwischen Mann und Frau zu einem großen Anliegen seiner Präsidentschaft erklärte. Große Ziele hatte er sich gesetzt: angefangen von besseren Bildungschancen, bis hin zu Lohngleichheit, aber vor allem mehr Hilfe für Opfer von sexueller und sexualisierter Gewalt.

Keinen Frauentag ließ er seitdem aus, um sich immer wieder bei diesem Thema als der große, progressive Vorreiter zu inszenieren. Zu Recht, denn noch immer enden 86 Prozent aller angezeigten Vergewaltigungsfälle mit einem Freispruch und schätzungsweise 7 Prozent aller Fälle werden überhaupt angezeigt.

Genau das wollen die Aktivistinnen von #NousToutes ändern. Der Gegenwind in der Öffentlichkeit ist schon jetzt gewaltig. Der Hashtag #saleconnes geht in den sozialen Netzwerken durch die Decke. Schauspielerin Marion Cotillard, die Grünen-Vorsitzende Marine Tondelier und bekannte Feministinnen outen sich in den sozialen Netzwerken als „dreckige Schlampe“. Schon werden T-Shirts und Poster bedruckt.

Die Regierungssprecherin Maud Bregeon stellte sich inzwischen vor die First Lady, denn die Äußerungen seien im privaten Kontext gefallen und dazu noch sehr spontan, was angesichts der offensichtlich ja anwesenden People-Journalisten mit Kamera ein äußerst merkwürdiges Argument ist. Natürlich kann man argumentieren, dass die Justiz ein Urteil zugunsten Abittans ausgesprochen hat und ihn nach Ermittlungen, die sich drei Jahre gezogen aber nicht zu einer Verurteilung geführt haben, freigesprochen hat.

Dennoch: Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Thema beweist man nicht mit derlei grenzüberschreitenden Beschimpfungen. Für viele französischen Feministinnen zeigen die Äußerungen ein weiteres Mal, wie sehr sich die „culture du viol“ in der Gesellschaft hält. Gemeint ist ein Klima der Verharmlosung, Banalisierung von Gewalt gegen Frauen. Wahrscheinlich wird der Schlampen-Eklat in ein paar Tagen von einem neuen Hashtag verdrängt.

Neues Motto à la Ikkimel

Was also bleibt hängen von diesen zwei Worten? Die Erkenntnis, dass ein frauenfeindliches Klima nicht nur männergemacht ist. Das Gefühl, dass in gutbürgerlichen Milieus wie jenem der Macrons alte reaktionäre Ressentiments weiterleben. Die Überzeugung, dass sich viele Gegner des Feminismus von der Äußerung bestätigt fühlen werden, nach dem Motto „na wenn es schon die First Lady sagt, darf man das doch!“ …

Für die feministische Bewegung ist immerhin ein neues Motto rausgesprungen, das fast wie ein Songtitel der deutschen Rapperin Ikkimel klingt und jetzt schon ikonisch ist: „Ich bin eine dreckige Schlampe und stolz drauf!“.

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