Zossen gilt schon lange als sogenannte Steueroase. Eine niedrige Gewerbesteuer lockte offenbar auch Briefkastenfirmen an. Nun spürt die Stadt die Konsequenzen: Zossen steht tief in den roten Zahlen.
In der Friedensstraße in Zossen könnte man einen Unternehmenssitz buchen, wenn man wollte einen „VirtualOffice Unternehmenssitz mit 270 Prozent Gewerbesteuer-Hebesatz“ ab 199 Euro im Monat. So steht es in einer Internetanzeige. Die Bürgermeisterin von Zossen, Wiebke Şahin-Connolly, wundert sich: „Ich frage mich, was ein virtuelles Büro bedeutet.“
Den Fotos im Internet zufolge befindet es sich in einer gelblich-ockerfarbenen Baracke hinter einem Lamellenholzzaun. Daran eine Tafel mit Straße, Hausnummer, Internetadresse, einer Berliner Telefonnummer, einem Briefkasten und dem Hinweis: „Geschäftsadresse mit Sekretariatsservice“. Die Bürgermeisterin wundert sich über noch etwas: über die Fotos. „Man sieht natürlich, dass das eigentliche Gebäude, wo der Firmensitz ist, mit dem virtuellen Büro so gar nichts zu tun hat, weil das ja ein mehrstöckiges Haus ist.“
Briefkästen, Briefkästen und noch mehr Briefkästen
Zossen hat ein Briefkastenproblem, so scheint es. Es gibt einfach zu viele davon, mehr jedenfalls, als es tatsächlich Firmensitze zu geben scheint. Das legen Recherchen von „Frag den Staat“ und dem ZDF-Magazin Royale nahe, nachzulesen auf dem Portal steueroasen.watch.
2.155 Unternehmen gibt es laut dem Portal in der Gemeinde etwa eine Autostunde südlich von Berlin, bei gut 22.000 Einwohnern. 153 Firmen sitzen dementsprechend zum Beispiel in einem überschaubaren zweigeschossigen Altbau an der Hauptstraße. In einem ähnlichen Altbau im Stadtkern, an dem ein Sparkassenlogo prangt, sollen es 129 sein. Im alten Schloss von Zossen sind es laut steueroasen.watch 123 Firmen; auch die Deutsch-Rapperin Shirin David hat hier fünf Geschäftsadressen. Auf unsere Nachfrage, welche Geschäfte das seien, antwortete David bis zum Erscheinen dieses Textes nicht.
Niedrige Gewerbesteuer als fragwürdiger Standortfaktor
Zossen wirbt mit verkehrsgünstiger Lage „an Autobahn und Bundesstraßen sowie in Nähe des Flughafen Schönefeld“ bekannt auch als Berlin-Brandenburgs Flughafen BER. Und: Zossen lockt mit einem vergleichsweise niedrigen Gewerbesteuerhebesatz: nur 270 Prozent. Bis 2021 waren es sogar nur 200. Im nahen Berlin sind es 410, bundesweit im Schnitt 438, das hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) für 2025 erhoben.
Mit den niedrigen Hebesätzen wirbt auch die Site „Gewerbezentrum Zossen“. Auch sie bietet Büroraum in Zossen an, „Coworking-Space“, wie es auf der Homepage heißt, plus Post- und Scanservice. Auf eine Anfrage an die E-Mail-Adresse, die auf der Seite angegeben ist, bekommt man schnell einen Anruf von einem jung klingenden Mann, der seinen Namen hier nicht lesen möchte. So kurzfristig könne er leider kein Interview vor Ort in Zossen geben, doch schriftlich beantworte er unsere Fragen gern: Die Kunden seien überwiegend Einzelunternehmer, kleine GmbHs und UGs aus den Bereichen Beratung, Beteiligungsgesellschaften, digitale Geschäftsmodelle.
„In solchen Gesellschaften fällt oft nur sehr wenig operatives Tagesgeschäft an – vielleicht ein paar E-Mails im Monat“, so seine Auskunft. „Die sind heute hier, morgen dort, bundesweit oder international unterwegs. Trotzdem braucht man einen festen Firmensitz – allein schon aus rechtlichen und organisatorischen Gründen.“ Zossen sei da ideal, schreibt der jung klingende Mann, „nah am Wohnort vieler Unternehmer im Berliner Umland“. Und das „ohne die Kostenstruktur einer Großstadt“. Außerdem gebe es noch „einen leichten Gewerbesteuervorteil“.
Zossen ist kein Einzelfall
Gewerbesteueroasen gebe es in Deutschland im Grunde nahe jeder Großstadt, sagt Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit. Die Grenze zwischen Steuervermeidung und Steuerhinterziehung sei da oft schwer zu ziehen. Das Problem sieht der Ökonom auch noch woanders: „In den Gewerbesteueroasen sehen wir vor allen Dingen große Konzerne und reiche Privatpersonen, die weniger Steuern zahlen, weniger zum Gemeinwohl beitragen, als sie das fairerweise tun müssen.“
Sie nutzten die Infrastruktur und gut ausgebildeten Arbeitskräfte in den Großstädten, verschöben ihre Gewinne aber in die Steueroasen, wie Zossen etwa – und entzögen sich so der Finanzierung genau dieser Infrastruktur und dieser Arbeitsplätze. Jährlichen erzeuge das bundesweit einen Schaden von etwa einer Milliarde Euro. Das sei ein Gerechtigkeitsproblem, sagt Trautvetter. Und: Die Steuerbehörden in Brandenburg hätten lange wenig Interesse gehabt, „da sehr kritisch nachzufragen“. Das habe sich inzwischen geändert.
Stadt muss Millionen zurückzahlen
Nachfrage beim Finanzamt in Luckenwalde, das für Zossen zuständig ist: Die Behörde verweist an das Landesfinanzministerium. Das antwortet, es habe inzwischen Überprüfungen zur „tatsächlichen wirtschaftlichen Tätigkeit“ von Unternehmen gegeben. Bis Oktober 2025 seien in Zossen etwa 360 Unternehmen überprüft worden. „Bei 164 der überprüften Unternehmen konnte kein Ort der Geschäftsleitung in Zossen festgestellt werden.“ In der Mehrzahl dieser Fälle wurde deshalb die Abgabe der Steuerakten an die tatsächlich zuständigen Finanzämter eingeleitet, in 16 Fällen die Einleitung eines Steuerstrafverfahrens veranlasst.
Klar ist schon jetzt: Zossen müsse in den nächsten zwei Jahren 20 Millionen Euro an eingenommenen Gewerbesteuern zurückzahlen, weil das Finanzamt allein für die Jahre 2018 und 2019 festgestellt habe, dass der eigentliche Betriebssitz nicht in der Stadt gewesen sei, sondern in einer anderen Kommune, erzählt Bürgermeisterin Şahin-Connolly.
Der Kämmerer hat auch deshalb eine Haushaltssperre verhängt. Die Bürgermeisterin spricht von „Genickbruch“. Zossen muss nun bei den freiwilligen Aufgaben sparen, bei Sportplätzen etwa, der Straßenbeleuchtung oder der Pflege der Grünanlagen. Aus der Traum von der Steueroase. Doch es gebe Hoffnung, sagt die Bürgermeisterin: ein starker Mittelstand. Nicht jeder Gewerbesteuerzahler in Zossen sei schließlich eine Briefkastenfirma.
Source: tagesschau.de