Der Nahost-Krieg belastet den lang ersehnten Aufschwung der deutschen Konjunktur, hohe Energiepreise schocken die Wirtschaft. Ökonomen aber bleiben vorsichtig optimistisch.
Der Blick in die Glaskugel gehört für Ökonomen zum täglichen Geschäft. Anhand von Daten, Fakten und Statistiken rechnen die Wirtschaftsforscher aus, wie sich Konjunktur und Wirtschaft entwickeln könnten. Der Krieg im Iran hat die Gleichung durcheinandergewirbelt. Unbekannte Variablen sind dazu gekommen.
Das liegt vor allem Preisschock auf dem Energiemarkt. „Man sagt ungefähr, dass ein zehnprozentiger dauerhafter Anstieg im Ölpreis, das Wirtschaftswachstum um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte belasten könnte“, so Stephan Kemper, Investmentstratege bei BNP Paribas Wealth Management.
Wirtschaft dürfte wachsen – aber weniger stark
Von einer ähnlichen Größenordnung geht auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus. Die Wirtschaftsforscher erwarten, dass der Krieg im Iran den Aufschwung der deutschen Konjunktur nur leicht dämpft. Das DIW rechnet damit, dass die deutsche Wirtschaft 2026 um 1,0 Prozent wächst. Im Dezember noch waren die Berliner Forscher von einem Wachstum von 1,3 Prozent ausgegangen.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher zeigte sich im ARD-Morgenmagazin grundsätzlich optimistisch. Vor allem der private Konsum ziehe wieder an, die Konsumlaune habe sich verbessert, so Fratzscher: „Die Menschen geben ihr Geld aus anstelle es auf die hohe Kante zu legen.“
Dauer des Krieges entscheidend
Nach Ansicht des DIW ist Deutschland heute weniger von fossiler Energie aus der Golfregion abhängig als noch während der Energiekrise im Jahr 2022. Dennoch: Die Dauer des Krieges im Iran bleibt die große Unbekannte. Derzeit ist völlig offen, wie lange die Straße von Hormus noch blockiert bleibt.
Die hohen Preise für Gas und Öl könnten zudem die Inflation in Deutschland befeuern. Das DIW rechnet damit, dass die Verbraucherpreise 2026 um 2,4 Prozent steigen. „Das trifft vor allem Menschen mit wenig Einkommen, die überproportional viel ihres Einkommens für Lebensmittel und Energie ausgeben“, so DIW-Präsident Fratzscher.
Bundesregierung hat Prognose bereits gesenkt
Auch andere Wirtschaftsforschungsinstitute dürften ihre Prognosen in Folge des Irankrieges nach unten korrigieren. Schon vor Beginn des Krieges hatte das die Bundesregierung getan. Aus dem Wirtschaftsministerium hieß es Ende Januar, man rechne in diesem Jahr mit einem Wachstum von einem Prozent, zuvor hatte die Erwartung bei 1,3 Prozent gelegen. Als Grund nannte die Bundesregierung unter anderem eine schwache Entwicklung des Exports.
Bundeskanzler Merz sagte am vergangenen Freitag bei einem Treffen mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft, der Krieg im Nahen Osten bedeute eine weitere Herausforderung für die Konjunktur: „Wenn der Konflikt zeitlich begrenzt bleibt, dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten.“ Es gebe aber auch unabhängig vom Krieg im Iran gewaltige Herausforderungen, vor denen Politik und Wirtschaft in Deutschland und Europa heute stehen, so der Kanzler.
Wirtschaft setzt auf staatliche Impulse
Als Treiber für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr gelten vor allem die Milliardeninvestitionen der Bundesregierung in Infrastruktur und Rüstung. Diese Bereiche aber, so Investmentstratege Kemper, seien energieintensive Bereiche: „Das heißt, wenn die Energiepreise lange hoch bleiben, besteht die Gefahr, dass sich diese Programme nicht so positiv auswirken können, wie wir das erwartet haben.“
Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft lässt seit Jahren auf sich warten. Im vergangenen Jahr war das Bruttoinlandsprodukt nur leicht gewachsen, um 0,2 Prozent. Eine Rezession, wie sie die deutsche Wirtschaft in den Jahren 2023 und 2024 gesehen hat, sollte Verbrauchern und Unternehmen, trotz des Krieges im Nahen Osten, in diesem Jahr aber erspart bleiben.
Source: tagesschau.de