Brecht-Tage in Berlin: Auf Brechts Traktor in die Zukunft

Dieser Brecht hat auch noch andere Gedichte geschrieben, hätte man den Jugendlichen am liebsten zugerufen. Wunderbare Gedichte! Liebesgedichte! Aber eben auch die „Erziehung der Hirse“, deren erste Strophen nun an die Wand projiziert wurden: „Erd und Himmel hat es lang gegeben, doch nun gab es auch noch den Kolchos“. Drohend tönte dazu der Bariton aus Paul Dessaus Vertonung dieser Hymne auf die landwirtschaftliche Produktionssteigerung in der stalinistischen Sowjetunion; eine Vertonung, in der man die Erfüllung von Brechts Wunsch, Kinder sollten Vergnügen an dem Epos finden, vergeblich sucht. „Nicht mehr gab es ‚mein Feld hier‘ und ‚deins daneben‘. Und die Felder waren plötzlich groß“, dröhnte der Sänger.

In den Augen der Elftklässler meinte man schon die Resignation zu entdecken, mit der Schüler mal wieder als lebensfern empfundenen Stoff über sich ergehen lassen. Dann verteilten sie sich in dem Raum im ersten Stock des Berliner Museums für Naturkunde an Tische, eine Literatur- und eine Politikwissenschaftlerin, ein Agrarwissenschaftler und ein Biologe saßen da schon. Drei Stunden lang sollte es um die sperrigen 49 Strophen gehen, aus verschiedenen Perspektiven.

Auch der Mensch wird umgestaltet

Der Schulausflug war Teil der vom Literaturforum im Brecht-Haus organisierten Brecht-Tage, die sich in diesem Jahr vorgenommen hatten, ein Licht nicht nur auf weniger bekannte, sondern auch auf pro­blematischere Aspekte von dessen Denken zu werfen. „Die Erde, ‚die große Nährerin‘ – Brechts grüne Revolution“ befragte, wie Brecht in einer Zeit, in der die Grüne Revolution ab den Sechzigerjahren – die Einführung neuer Technologien in die Landwirtschaft – ihre Schatten vorauswarf, zur Natur und ihrer Indienstnahme stand, und auch, wie gut diese Texte vor dem Hintergrund des heute drohenden ökologischen Kollaps gealtert sind.

Das Langgedicht „Die Erziehung der Hirse“, in der DDR lange Zeit Schullektüre, war dabei der Ausgangspunkt, von dem aus die an drei Orten organisierten Thementage klug kuratiert weit ausgriffen. Faszinierend etwa im Zeiss-Großplanetarium die Aufführung von Oleksandr Dowschenkos Stummfilm „Erde“, dessen Kopie erst am Tag zuvor aus Kiew angekommen war. Ende der Zwanzigerjahre in der Ukraine gedreht, komplettiert das Meisterstück sowjetischer Filmavantgarde reizvoll die Lektüre der Hirsen-Hymne: Hier ist die bäuerliche Lebensart, der die Kollektivierung ein Ende bereiten wird, die Technologie, die als Traktor triumphal im Dorf Einzug hält, die Rationalisierung, die den alten Bauern beim Anblick des übers Feld ratternden Arbeitsgeräts die Sense senken lässt. Bei „Erde“-Regisseur Dowschenko wie bei Brecht ist die Kollektivierung – „und die Felder waren plötzlich groß“ – ein nötiger Schritt in eine Zukunft, in der nicht nur die Natur umgestaltet wird, sondern damit auch Gesellschaft und Mensch.

Die „Erziehung der Hirse“ in der Originalausgabe von 1951Archiv

Was Brecht in seinem Hohelied auf das Ende des Nomadenlebens, das ins Kolchosen-Dasein überführt wird, unterschlug, konnten die Jugendlichen im Naturkundemuseum erfahren: Repression und Hungersnot, weil das landwirtschaftliche Großprojekt auf Pseudowissenschaft basierte, die ins revolutionäre Weltbild passte. Dass man Nutzpflanzen erziehen, ihnen beibringen könne, auch an schwierigen Standorten zu wachsen, und sie die erlernte Robustheit vererben würden, daran hielt Stalins Chef-Agrarwissenschaftler auch noch fest, als Missernten das Gegenteil bewiesen.

Im Museum für Naturkunde bekamen die Jugendlichen solche Informationen nicht vorgesetzt, sondern im Gespräch mit den Wissenschaftlern angeboten. Es ging um die Frage, wann Propaganda beginnt, was gute Wissenschaft ist und warum auf Hirse heute wieder Hoffnungen als nährstoffreiches Superfood gesetzt werden. Allein zu sehen, wie die 16- und 17-Jährigen durch kluge Heranführung einen Zugang und eine Haltung zu der spröden Kantate entwickelten – also zu sehen, was Schule im besten Fall kann –, machte diese Brecht-Tage lohnend.

Die sanfte Utopie von der halbverwilderten Erde

Die in Ost wie West vorangetriebene Produktionssteigerung und Industrialisierung zeigt mit der Überschreitung der planetaren Grenzen heute ihre Kehrseite. Die Thementage wären unvollständig gewesen, hätten sie nicht auch gefragt, ob und wo sich marxistische und ökologische Positionen heute befruchten. Aus den USA war der Geohistoriker Jason Moore zugeschaltet, der in Abgrenzung zum „Anthropozän“ den Begriff „Kapitalozän“ prägte, um klarzumachen, wo für ihn Naturzerstörung und Klimawandel wurzeln. Wann die Klimabewegung den „Substanzfetischismus“, die Konzentration auf Kohle und Öl, hinter sich lasse und sich den dahinterliegenden Machtstrukturen zuwenden werde, wollte er von Carla Reemtsma wissen, der Sprecherin von Fridays for Future in Deutschland. An ihrer nachdenklichen Antwort, dass eine Verbindung zwischen Umwelt- und Arbeiterbewegung bislang tatsächlich schwer herzustellen gewesen sei, war er dann aber gar nicht interessiert.

Ungnädig griff er auch die sanfte Utopie an, die das Autorenduo Drew Pendergrass und Troy Vettese in seinem Buch „Half-Earth Socialism“ skizziert: Der Vision des Evolutionsbiologen E. O. Wilson entsprechend, wird die Hälfte des Planeten der Natur zugeschlagen, auf der anderen Hälfte praktiziert die Menschheit einen demokratischen Sozialismus kon­trollierter Ökonomie. Nicht erklären mussten die Autoren, wie sich eine solche Vision in politisches Handeln übersetzen lässt und wie das mit dem Rückzug des Menschen von 50 Prozent der Erdoberfläche konkret gehen soll. Als Schlaglicht war die Diskussion ernüchternd: Während von rechts Fakten geschaffen und Klima- und Biodiversitätskrise als Pro­blem abgeräumt werden, steckt die Linke in Theorielastigkeit und Streit fest.

Gegen Ende der fünf Tage schien die Möglichkeit auf, Brecht doch noch als Verbündeten zu gewinnen „Herr K. und die Natur“ wurde vorgelesen, jene von Brechts Kürzestgeschichten, in der Herr Keuner aus dem Haus tritt und sich Bäume herbeiwünscht. Natur doch nicht nur als das zu Unterjochende, sondern etwas, das in seinem Anderssein anzieht – für Drew Pendergrass ein wichtiger Anknüpfungspunkt, der sich im Marxismus kaum finde. Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, Autor eines Buches über Brecht und den Taoismus, sekundierte mit der „Morgendlichen Rede an den Baum Griehn“, in der die stille Widerständigkeit der Pflanze in bemerkenswerter Spannung stehe zu Brechts Bewunderung für stalinistische Naturunterwerfung. Überhaupt, sagte Detering, Brecht und Bäume: Das wäre ein eigenes Buch wert.

Source: faz.net