Boygroup BTS zurück: Eine Stadt steht Kalium-Pop

Eine der Keimzellen des K-Pops liegt in einer unscheinbaren Seitenstraße des hippen Viertels Gangnam in Seoul. Versteckt hinter einer Tankstelle betreibt hier Kang Soon-ja ihr Lokal „Yoojung Sikdang“. Hinter einem kleinen Tresen kocht die alte Dame mit ihren beiden Töchtern und einem Helfer Bibimbap, ein koreanisches Reisgericht, in schwarzen Steingutschalen direkt auf der Gasflamme. Sie grillt Schweinebauch und bereitet feurigen Wursteintopf zu. Kimchi, das für Korea typische scharf eingelegte Gemüse, kommt natürlich auch immer mit auf die mit grünem Linoleum ausgelegten Tische.

Die Speisekarte ist durchaus typisch für Südkoreas Hauptstadt. Doch das kleine Restaurant, das Kang seit mehr als 30 Jahren betreibt, ist ein echter Touristenmagnet in Seoul, und schon von außen lässt sich erahnen, warum: Rund um das Namensschild ihres Restaurants, das die Umrisse von schwarzen Schweinen zieren, hat sie mehrere Fahnen mit sieben gut aussehenden jungen Männern aufgehängt: den Jungs von BTS.

Die Boygroup ist das erfolgreichste Exportprodukt, das die koreanische Unterhaltungsindustrie bislang hervorgebracht hat. Rund um das Jahr 2020 und ihren wohl bekanntesten Song „Dynamite“ konnten sie in kurzer Zeit sechs Nummer-eins-Singles und vier Nummer-eins-Alben in den Vereinigten Staaten landen; was vor ihnen nur die Beatles geschafft hatten. Mit seiner Mischung aus Elektro-Pop, Hip-Hop und Schmacht, makellos durchchoreographiert mit viel Pastell und Glitzer, hat das Septett das Erfolgsrezept „K-Pop“ auf die Weltbühne gehoben.

„Bei Soon-ja schmeckt es wie bei meiner Mama“

Doch lange bevor sie zu Megastars des K-Pops aufstiegen, in ihren Lehrjahren als junge Band, haben sie hier im Restaurant von Kang Soon-ja ihre Mittagspausen verbracht. Das Musiklabel Big Hit Music, das die Band damals zusammengecastet hat und in einer Art Lehre zu einer K-Pop-Combo formte, hatte sein Hauptquartier damals gleich um die Ecke. Das Wohnheim, in dem Jin, Suga, J-Hope, RM, Jimin, V und Jung Kook lebten, liegt ebenfalls nicht weit entfernt.

„Bei Soon-ja schmeckt es wie bei meiner Mama“, sagt RM, der Rapper der Gruppe, in einem Video aus dem Jahr 2013, das bis heute im Internet kursiert. Seit die Bubis, die damals zwischen 16 und 21 Jahre alt waren, zu Weltstars geworden sind, ist auch die inzwischen 74 Jahre alte Wirtin Kang zu einem Liebling der A.R.M.Y avanciert. So nennt sich der Fanklub der Gruppe, der mehr als 90 Millionen Mitglieder in aller Herren Ländern zählen soll. „Oft stehen hier Trauben von Menschen vor der Tür“, erzählt Kang. Die Wirtin in beigem Rollkragenpulli und weinroter Schürze klingt tatsächlich wie eine Mutter, die stets strahlend über all ihre Kinder spricht.

Dreieinhalb Jahre lang war Funkstille um BTS, weil ein Mitglied nach dem anderen seinen 18 Monate dauernden Wehrdienst leisten musste. Am 20. März bringen sie nun ihr heiß erwartetes Comeback-Album „Arirang“ heraus – und der nächste kommerzielle Triumphzug ist schon in vollem Gange. Auf Streamingplattformen wie Spotify führt „Arirang“ seit Wochen die Countdown-Charts an – also die Download-Bestellungen von Alben, die noch gar nicht veröffentlicht sind. In dieser Kategorie könnten die sieben Koreaner sogar noch das jüngste Werk von Taylor Swift vom Thron stoßen. Die anschließende Welttournee, die sie zunächst für 82 Shows in 23 Länder führen soll, war innerhalb weniger Stunden ausverkauft. In Deutschland spielt BTS im Juli zwei Konzerte in München.

„We are back“

Ayane und Natsumi, die an diesem Tag im Februar in dem Restaurant „Yoojung Sikdang“ Bibimbap und Kimchi essen, sind extra von Tokio nach Seoul angereist, um sich drei Tage lang auf die Spuren ihrer großen Idole zu begeben. Ayane schwärmt für V („so attraktiv und so freundlich“), Natsumi bevorzugt JK („kann so toll performen und singen und tanzen“). Nun sitzen sie bei Wirtin Kang, machen Selfies und Videos und giggeln über die süßen Bilder und Plakate der BTS-Jungs, von denen das kleine Restaurant überquillt. „Das wollten wir schon seit der Highschool machen“, erzählt Ayane, die sich die Wangen rosa geschminkt und helle Kontaktlinsen eingesetzt hat.

Natürlich waren die beiden 20 Jahre alten Studentinnen aus Japan auch schon am früheren Wohnheim von BTS und am früheren Gebäude der Plattenfirma Big Hit Entertainment. Die Wände des ehemaligen Big-Hit-Gebäudes sind über und über mit Edding-Liebesbekundungen von Fans beschriftet, in Englisch, Russisch, Deutsch und unzähligen weiteren Sprachen. Nach dem Essen müssen die beiden Japanerinnen schnell weiter, sie wollen schließlich auch noch das Gebäude von HYBE sehen, wie das Label von BTS heute heißt.

Das heutige Hauptquartier der Plattenfirma liegt in einem gläsernen Hochhaus deutlich zentraler in der Innenstadt von Seoul als das einstige Big-Hit-Gebäude. Schon wegen des riesigen K-Pop-Fanshop darf es auf keiner Seoul-Reise von BTS-Fans fehlen. Seit einigen Monaten prangt mit großen Lettern an seiner Fassade: „We are back“. Auch das bezieht sich auf das große Comeback von BTS, die aus dem einst kleinen Label einen Milliardenkonzern gemacht haben. Seit sich die Rückkehr der großen Stars nach ihrem Wehrdienst im vergangenen Sommer abzeichnete, hat der Aktienkurs von HYBE um gut 50 Prozent zulegt.

Koreanischen Megaerfolge

Für das ganze Land ist der K-Pop längst zum Wirtschaftsfaktor geworden. Forscher des Hyundai Research Institute berechneten den Wert von BTS für die koreanische Wirtschaft schon im Jahr 2018 nicht nur anhand der verkauften Musik und Fanartikel, sondern bezogen auch den positiven Schub für das Image von Korea und den Tourismus mit ein. Allein 800.000 ausländische Touristen seien damals nur wegen BTS nach Südkorea gereist. Da die Popularität der jungen Männer konsequent von Werbepartnern ausgeschlachtet wird, fördern sie auch die Verkäufe von Kosmetik, Designertaschen und sogar den Familien-Vans des koreanischen Autoherstellers Hyundai. Insgesamt schätzten die Forscher den wirtschaftlichen Beitrag von BTS damals auf umgerechnet 48 Milliarden Euro in fünf Jahren. Im Jahr 2024 schätzte das koreanische Kultur- und Tourismusinstitut die Einnahmen, die der K-Pop insgesamt für Korea im Ausland erzielte, auf 1,24 Billionen Won (900 Millionen Euro).

Darin sind die koreanischen Megaerfolge des vergangenen Jahres noch gar nicht mit eingerechnet. Die Netflix-Produktion „KPop Demon Hunters“, die die koreanische Popkultur zugleich feiert und persifliert, ist nach Angaben der Streamingplattform mit mehr als 325 Millionen Ausstrahlungen der erfolgreichste gestreamte Film aller Zeiten. Mit dem dazugehörigen weltweiten Ohrwurm „Golden“ hat im Februar erstmals eine K-Pop-Produktion einen Grammy gewonnen. Zugleich erreichte der Song „APT.“, den der US-Star Bruno Mars gemeinsam mit der K-Pop-Künstlerin Rosé aufgenommen hat, in mehr als 50 Ländern der Welt Platz eins der Charts.

Den wirtschaftlichen Erfolg des K-Pops befeuert seine eng getaktete Vermarktung. Um die Fans vermeintlich nah an ihre Stars heranzulassen, hat das Label HYBE das Weverse aufgebaut. Wie auf einer eigenen Social-Media-Plattform können die Bands und Performer dort ständig neue Videos, Sprachnachrichten und Texte veröffentlichen, die dann von der begeisterten Fanschar gefeiert werden. Gelegentlich werden Livestreams von Konzerten oder auch nur der Shoppingtour übertragen. Das passende Merchandise ist immer nur einen Klick entfernt. So hat der K-Pop inzwischen eine ganze Reihe international erfolgreicher Bands wie Stray Kids, Enhypen oder Blackpink hervorgebracht, die allesamt nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren.

260.000 Zuschauer auf dem Platz und die anliegenden Straßen

Das Comeback von BTS soll nun der großen K-Welle weiteren Schwung geben. Rund um die Veröffentlichung des neuen Albums soll die gesamte Innenstadt von Seoul mit einem Festival zum Epizentrum des K-Pops werden. Den Höhepunkt bildet das Comeback-Konzert von BTS auf dem zentralen Gwanghwamun-Platz, auf einer Bühne, die einst den Königen vorbehalten war. Offiziell dürfen 15.000 Fans das Gratiskonzert besuchen. Doch die Platzkarten, die Anfang März online vergeben wurden, waren innerhalb einer halben Stunde vergriffen.

Die Polizei von Seoul rechnet damit, dass bis zu 260.000 Zuschauer den Platz und die anliegenden Straßen bevölkern werden. Sie bereitet sich generalstabsmäßig darauf vor, wie der Polizeipräsident kürzlich auf einer Pressekonferenz erläuterte, und habe bereits Spezialeinheiten aus dem ganzen Land in die Hauptstadt beordert. Die Innenstadt werde in vier Zonen unterteilt: Kern, heiß, warm und kalt. Aus Sicherheitsgründen wurde die Konzertdauer inzwischen auf eine Stunde begrenzt. Netflix ist auch wieder mit von der Partie und will das Großereignis in 190 Ländern live übertragen.

Für das Konzert und die Tour-Eröffnung Anfang April werden die Fans wohl aus der ganzen Welt anreisen, wie sich aus den Zahlen schließen lässt, die einige Reiseplattformen veröffentlicht haben. Innerhalb von 48 Stunden nach der Ankündigung der Konzerte am 13. Januar stiegen die Suchanfragen für Reisen nach Seoul laut der Reisebuchungsplattform Hotels.com im Vergleich zur Woche davor um 155 Prozent, für die Küstenstadt Busan seien die Anfragen sogar um 2375 Prozent gestiegen. Auch andere Städte, in denen BTS auftreten wird, erleben einen Fan-Andrang. Suchanfragen nach der taiwanischen Stadt Kaohsiung rund um die vier angesetzten Konzerte im November stiegen laut der Reiseplattform Booking.com im Jahresvergleich um mehr als das Sechzigfache.

Auch Ayane und Natsumi aus Tokio würden am liebsten für das Konzert am 21. März wieder nach Seoul reisen. Falls das nicht klappen sollte, haben sie aber immerhin Tickets für die Show kurz darauf in Tokio bekommen. Restaurantbetreiberin Kang freut sich schon auf das große Comeback von BTS. Rund um den 20. März haben schon mehrere Fanklubs aus der ganzen Welt bei ihr Tische à 50 oder sogar 100 Personen gebucht. Diverse Youtuber und Influencer hätten auch schon nach Terminen mit ihr gefragt, sagt die 74-Jährige und lacht.

Für die Tage rund um das große Comeback-Konzert werde sie wohl besonders viel Essen vorbereiten müssen. Kimchi sei sowieso immer genug da. „Es bleibt bestimmt für jeden etwas übrig“, sagt Kang – und klingt wieder wie eine Mama.

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