Boom jener Datacenter: Gebäude nicht mehr z. Hd. Menschen, sondern z. Hd. Daten

Seit der Corona-Pandemie und dem Siegeszug des Home Office schlagen sich Stadtplaner und Investoren mit verwirrenden und widersprüchlichen Vorhersagen zur Zukunft des Büros herum. Ist das Büroviertel, das die Innenstädte prägte, ein Auslaufmodell – und mit ihm die urbane Infrastruktur von Cafés und Restaurants, in denen die Angestellten mittagessen, und Läden, in denen sie nach der Arbeit einkaufen?

Dagegen sprachen Meldungen, nach denen die Umsätze mit Büroimmobilien, den so genannten Kategorien „Class A“ und „Trophy“, wieder stiegen. Dazu gehören sogenannte „hochwertige Arbeitswelten“ mit Ruhezonen, Erlebnisgärten, Saunabereichen und allerlei anderen Wellness-Zugaben, von denen man früher eher gesagt hätte, sie halten die Leute nur von der Arbeit ab, die aber heute nach dem Mantra der „New Work“-Gurus, dass Arbeit, Freizeit und „Leben“ ein ganzheitlicher Fluss zu werden haben, zu einem attraktiven Büro dazugehören. Gerade Branchen, die ihre Mitarbeiter nicht einfach per Antrittsbefehl wieder zur Büropräsens verdonnern können, kämpfen mit allen Mitteln um ihre Rückkehr ins Büro.

Was tun, damit Menschen ins Büro zurückkommen: Massagen?

Kai Grundwitz, Deutschlandchef des internationalen IT-Dienstleisters NTT, vermeldete es in einem Gastbeitrag in der Fachpublikation „IT Matchmaker News“ als Erfolg, dass „wieder mehr Mitarbeitende das Büro“ aufsuchen – wenn auch oft nur stundenweise.“ Zu seinen Vorschlägen, mit „dem Smart Office Büroarbeit in Zeiten von New Work attraktiv zu gestalten“, gehören nicht nur hochwertige „Meeting-Räume, Lounge-ähnliche Flächen und Co-Working Spaces“, sondern auch „Anreize wie Massagen und gemeinsame Lunches.“

Trotz solcher Anstrengungen sieht es für die Zukunft des Bürobaus jenseits des Luxussektors nicht gut aus: In den Vereinigten Staaten arbeiten bereits um die 36 Millionen Menschen teilweise von zuhause aus, achtzig Prozent aller amerikanischen Unternehmen bieten Home Office an. Zusätzlich zu dieser internationalen Tendenz bremsen hohe Bauzinsen und -kosten den Bürobau. Laut einer Analyse von BNP Paribas stieg selbst an sogenannten deutschen Top-Standorten der Büroleerstand um rund 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr; in Frankfurt und Berlin stehen jeweils über eine Millionen Quadratmeter Büroflächen leer.

Wenig Hoffnung dürfte den Freunden des Büros die kleine Meldung machen, die nun von Bloomberg und anderen Analysten veröffentlicht wurde: 2025 waren die Investitionen in Rechenzentren in den Vereinigten Staaten erstmals höher als die in „human-centric real estate“ – also Bürobauten. Was bedeutet es, wenn das „menschenzentrierte Bauen“ so unattraktiv wird, dass Investoren lieber Gebäude errichten, in denen sich vor allem Algorithmen und Daten wohlfühlen sollen? Es bedeutet nicht, dass das Büro sofort aussterben wird. Es zeigt aber, wie sich in der Folge der Digitalisierung und des Durchmarschs von Künstlicher Intelligenz der Wandel dessen, was „Arbeit“ genannt wird, auch in der Architektur und im Stadtraum niederschlägt.

Was passiert mit der „menschenzentrierten“ Stadt?

Die Verschiebung der Investments aus dem Bürosektor hin zu Rechenzentren, die meist in der Peripherie oder auf dem Land errichtet werden, hat Folgen für die Stadt. Sie wurde jahrhundertelang geprägt von Bauten, an denen sich politische und ökonomische Machtverhältnisse ablesen ließen – von der Burg über die Fabrik bis hin zu den Bürotürmen der großen Konzerne. Das Rechenzentrum ist nicht nur die größte und teuerste Bautypologie des 21. Jahrhunderts, es wird auch zum Symbol für den Sitz einer neuen Macht, die jenseits der Städte siedelt: Elon Musks „Colossus“ genanntes Rechenzentrum, wo das Sprachmodell Grok trainiert wird, sieht aus wie ein Dagobert-Speicher, in dem die teuerste Ressource der Gegenwart arbeitet: Daten.

Was aber wird, wenn die gewinnbringendsten architektonischen Behälter für „Arbeit“ nicht mehr Büro, sondern Data Center heißen und ohne die physische Anwesenheit von Menschen auskommen, ein Stadtzentrum sein – wenn dort langfristig alles wegfällt, was bisherige Definitionen von Stadt ausmachte, nämlich hochkonzentrierte Produktion, Austausch und Vertrieb von Waren und Informationen; wenn wegen Home Office dort nicht mehr gearbeitet und wegen des Siegeszugs des Online-Handels auch kaum mehr eingekauft wird? Die moderne Großstadt war eine Folge des historisch gewachsenen Verdichtungsdrucks von Arbeitskräften in Fabriken oder Bürotürmen. Wenn dieser Verdichtungsdruck durch robotisierte Fabriken und Home Office wegfällt, was treibt Menschen dann langfristig noch in Großstädte mit ihren Staus und hohen Preisen: Kultur? „Lebensgefühl“? Tourismus? Vordringlicher ist aber die Frage: Was soll mit den Millionen von leerstehenden Büroflächen passieren?

Systemische Optimisten argumentieren, man könne die Büros ja in Wohnraum umwandeln, dann finde das Home Office physisch doch wieder im Stadtzentrum statt, die Cafés und Restaurants gingen so doch nicht ein und das Zivilisationsmodell Stadt wäre vorerst gerettet.

Ob das gelingt, hängt aber auch davon ab, ob das Geld, das in den Rechenzentren mit der Verwaltung und Auswertung von Daten verdient wird und das herkömmliche, die heutigen Städte finanzierende Geschäftsmodelle bedroht, im Land bleibt oder abwandert. In diesem Jahr wollen allein die Digitalkonzerne Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta zusammen über 650 Milliarden Dollar in Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren. Gemeinsam mit Apple erreichen diese fünf Unternehmen einen Börsenwert, der die Marktkapitalisierung von Europas gesamtem Aktienmarkt um eine Milliardenzahl übertrifft. In diesem Licht sehen die einst stolzen Büroturm-Skylines europäischer Städte ziemlich alt aus.

Source: faz.net