Börsen uff Talfahrt: Größter Ölschock seither Jahren

Gut eine Woche nach Beginn des Krieges im Nahen Osten hat sich die Lage auf den Energiemärkten am Montag weiter zugespitzt – und die Börsen global auf Talfahrt geschickt. Erstmals seit vielen Jahren überschritt der Ölpreis wieder die Marke von 100 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) für die Nordseesorte Brent. Schon in der Nacht zum Montag legte er zeitweise um bis zu 29 Prozent zu, auf fast 120 Dollar. Damit kletterte der Preis für die Referenzsorte des Großteils der in aller Welt gehandelten Ölsorten auf den höchsten Stand seit Sommer 2022. Seit dem Start des Irankriegs vor etwas mehr als einer Woche beläuft sich das Plus auf fast 50 Prozent.

Auch der Gaspreis schoss am Montag abermals in die Höhe, nachdem er sich Ende vergangener Woche ein wenig erholt hatte. Am virtuellen Handelsplatz TTF in den Niederlanden wurde der Energieträger zeitweise zu mehr als 63 Euro je Megawattstunde gehandelt, das war ein Plus von 21 Prozent gegenüber Freitag. Die Börsen in vielen Teilen der Welt gaben nach. Der deutsche Aktienindex Dax notierte zeitweise rund 2,5 Prozent tiefer auf 23.001 Punkten.

Steigende Inflation und kühlere Konjunktur?

„Der jüngste Preisschub bei Öl dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass der Konflikt jetzt doch länger andauern wird als bislang gedacht“, sagte Frank Schallenberger, Ölfachmann der Landesbank Baden-Württemberg. Iran attackierte am Montag abermals mehrere Golfstaaten; in Bahrain traf ein Geschoss den Raffineriekomplex Al Ma’ameer. Der staatliche Betreiber Bapco machte daraufhin höhere Gewalt geltend und ließ somit erkennen, dass er seine vereinbarten Lieferverpflichtungen wohl nicht in vollem Umfang wird erfüllen können. Auch in Saudi-Arabien wurde laut Verteidigungsministerium abermals ein iranischer Drohnenangriff auf ein Erdölfeld im Osten des Landes abgewehrt.

Anleger befürchten eine steigende Inflation und eine Abkühlung der Konjunktur, sollten die Öl- und Gaspreise über einen längeren Zeitraum auf dem hohen Niveau verharren. „Zieht sich die Krise über Monate, könnte es für die deutsche Wirtschaft ernst werden“, sagte Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Ihren Berechnungen zufolge würde ein Ölpreis von 150 Dollar je Barrel die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr rund 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes kosten, 2027 dann bereits 1,3 Prozent. „Real verliert Deutschland damit über 80 Milliarden Euro in zwei Jahren“, sagte Sultan. „Das trifft die ohnehin fragile Erholung hart.“ Auch das Bundeswirtschaftsministerium teilte mit, das Risiko für einen „Rückschlag bei der erwarteten Erholung der Industriekonjunktur“ sei „deutlich gestiegen“.

Angesichts des „schwersten Angebotsausfalls auf dem Ölmarkt seit den Siebzigerjahren“ richte sich nun „alle Aufmerksamkeit auf die Reaktion Washingtons“, sagte Helima Croft, Chefstrategin bei der Royal Bank of Canada. Es sei schwer abzuschätzen, ob die Angriffe auf Iran mehrere Wochen oder mehrere Monate andauern würden. „Bislang haben weder politische Maßnahmen aus dem Weißen Haus noch optimistische Fernsehstatements die akute Nervosität der Märkte lindern können.“

IEA wurde nach erster Ölpreiskrise 1973 gegründet

Die Finanzminister der G-7-Staaten berieten am Montag über eine mögliche Freigabe ihrer Ölreserven. Es habe Einigkeit darüber geherrscht, alle erforderlichen Werkzeuge zu nutzen, sagte im Anschluss daran Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsminister Roland Lescure. Noch sei man aber nicht an dem Punkt angelangt, Reserven freizugeben. Nach Einschätzung von Beobachtern wäre es möglich, 300.000 bis 400.000 Barrel am Tag freizugeben, das wären ein Viertel der gesamten Reserve. Der globale Verbrauch von Rohöl liegt bei etwa 100 Millionen Barrel am Tag.

Koordiniert wurden die Beratungen der G-7-Finanzminister von der Internationalen Energieagentur (IEA). In der in Paris ansässigen Organisation sind alle großen Industrieländer Mitglied. An die Industrieländervereinigung OECD angedockt, ist sie die zentrale Informationsquelle und Schaltstelle, um in Krisen die Versorgungssicherheit mit Erdöl sicherzustellen. Genau zu diesem Zweck ist die IEA nach der ersten Ölpreiskrise von 1973 gegründet worden.

Die 32 IEA-Mitglieder sind seither dazu verpflichtet, Vorräte in Höhe von mindestens 90 Tagen ihrer Nettoölimporte zu halten und bereit zu sein, gemeinsam auf „schwerwiegende Versorgungsunterbrechungen“ auf dem Ölmarkt zu reagieren. Eine Freigabe von Reserven hat es erst viermal gegeben: 1991 im zweiten Golfkrieg, 2005 nach dem Hurrikan Katrina, 2011 während des Libyen-Kriegs und 2022 nach Ausbruch des Ukrainekriegs.

Eine mögliche Freigabe der Ölreserven stieß nicht nur auf Zustimmung. „Die Ölreserven sollten nicht dazu genutzt werden, um Marktpreise zu senken, sondern um im wirklichen Knappheitsfall das Funktionieren unseres Gemeinwesens sicherzustellen“, sagte Georg Zachmann von der Denkfabrik Bruegel. „Wer weiß, welche geopolitischen Schocks auf uns in den nächsten Monaten warten, wenn wir diese jetzt leeren.“ Die Maßnahme könne dazu führen, dass Marktteilnehmer künftig selbst weniger versorgen, wenn sie in Zukunft antizipierten, dass Staaten ihre strategischen Reserven zur Preismanipulation einsetzen.

Auch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) nannte eine mögliche Entscheidung zu Gunsten einer Freigabe der Ölreserven verfrüht. „Wir sehen, dass die Finanzmärkte stabil sind, aber wir sehen natürlich auch Unsicherheit an den Märkten“, sagte der Minister nach dem G-7-Treffen und vor einem Treffen der Eurogruppe in Brüssel.

Wichtiger als die Freigabe der Reserven sei, der „unanständigen Preistreiberei der Mineralölkonzerne“ entgegenzuwirken. Diese nutzten die geopolitische Lage, um die eigenen Gewinne nach oben zu schrauben. Deshalb müsse Wirtschaftsministerin Katherina Reiche prüfen, „was kartellrechtlich zu tun ist“. Als eine Möglichkeit nannte der Minister, eine Änderung der Benzinpreise an Tankstellen in Deutschland nur einmal am Tag zu erlauben, wie dies bereits in anderen Eurostaaten üblich sei. „Politik muss da jetzt auch zügig handeln“, sagte Klingbeil.

Nachfrage nach Flüssiggas dürfte steigen

Ein Preis von mehr als 100 Dollar je Barrel Brent-Öl sei durchaus für eine längere Zeit denkbar, sagte Cyrus de la Rubia, Ölfachmann der Hamburg Commercial Bank: „Alles hängt davon ab, wie lange die für Öltanker wichtige Straße von Hormus blockiert ist.“ Rund 25 Prozent des globalen Seetransports von Öl sowie fast 20 Prozent des globalen Exports von Flüssiggas (LNG) werden nach Angaben der IEA normalerweise durch diese Seeverbindung vom Persischen Golf zum Arabischen Meer transportiert. De la Rubia zufolge fehlten dem Markt während der Blockade bis zu 20 Millionen Barrel Öl am Tag. „Einen Teil davon wird man über andere Kanäle wie etwa die Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien und die Abu-Dhabi-Pipeline transportieren können“, sagte er.

Aber selbst wenn man dadurch die fehlenden Mengen auf zehn Millionen Barrel je Tag reduzieren könnte, was vermutlich zu hoch gegriffen sei, würden immer noch knapp zehn Prozent an Öl dem Markt fehlen. Das schlage dann auf die Preise durch, die bei einer länger anhaltenden Blockade auch 150 Dollar erreichen könnten. Halte die Blockade jedoch mehrere Monate an und bleibe der Ölpreis entsprechend auf dem hohen Niveau oder steige gar noch weiter, werde es irgendwann zu einer Nachfragevernichtung kommen, meint der Ökonom.

Die IEA beurteilt vor allem die Erdgasversorgung kritisch, während der Ölmarkt seit Anfang 2025 einen „erheblichen Überschuss“ aufgewiesen habe. Die Erdgasmärkte blieben in den ersten beiden Monaten dieses Jahres „angespannt“, und die erschöpften Lagerbestände nach der Heizsaison auf der Nordhalbkugel dürften die Nachfrage nach Flüssiggas in den kommenden Monaten weiter steigern.

Ein längerer Produktionsausfall der Anlage in Ras Laffan in Qatar könnte diese angespannte Marktlage „erheblich verschärfen“, so die IEA weiter. Die Produktion dort ist nach einem iranischen Angriff auf die Anlage am 2. März eingestellt worden. Analysten wiesen darauf hin, dass es beim Flüssiggas anders als beim Öl kaum alternative Exportrouten zur Straße von Hormus gebe. Auch in anderen Staaten wie Russland oder den USA sei es kurzfristig kaum möglich, die Produktion auszuweiten.

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