Blackout in Berlin: Wie ruhelos ist Deutschlands Stromnetz?

Ein Feuer nur, gelegt an der richtigen Stelle – und schon verwandelt sich ein Teil der deutschen Hauptstadt in ein Katastrophengebiet. Um die 100.000 Berlinerinnen und Berliner in gut 45.000 Haushalten haben am Samstagmorgen gegen sechs Uhr plötzlich keinen Strom mehr. Ampeln und Straßenlaternen erlöschen. Elektrische Rollläden und Garagentore lassen sich nicht mehr öffnen. Beatmungsgeräte in einem Hospiz stoßen einen Alarmton aus, weil auch sie auszufallen drohen. Das Mobilfunknetz kollabiert. Und die Betroffenen haben lange keine Ahnung, wie lange es dauern wird, bis endlich wieder Strom durchs Netz fließt. Es wird der längste Ausfall in Berlin seit Kriegsende. Erst am Mittwochmorgen ist das Problem behoben.

Viney Lugani harrt auch am Dienstag noch in seiner Erdgeschosswohnung in Zehlendorf aus. Der 60-Jährige sitzt im Rollstuhl, eine Spätfolge der Kinderlähmung, die ihn als Baby ereilte. Jetzt übersteht er die Nächte unter drei Decken, mit Wärmflaschen, die ihm Helfer organisieren. Die Temperatur in seiner Wohnung ist auf zehn Grad gefallen. Aber er will bleiben. Auch weil er Angst hat, dass sonst Einbrecher kommen.

Draußen läuft eine Rentnerin mit Stirnlampe zum Supermarkt. Sie will Brennpaste einkaufen, erzählt sie, und dann zu Hause auf dem Holzkohlegrill die Reste vom Weihnachtsessen erwärmen, ehe sie verderben, weil die Kühltruhe ausgefallen ist. Gulasch und Rouladen.

Der Edeka hat geöffnet, seit ein Notstromaggregat aus Magdeburg geliefert wurde. Am Eingang laden Menschen ihre Handys an Mehrfachsteckdosen auf. Daneben wird das verkauft, was jetzt gefragt ist: Kerzen und Thermoskannen.

Viele Berliner sind beeindruckend zäh in diesen Tagen. Und zeigen damit eine Eigenschaft, die in Zukunft womöglich noch mehr Bürger brauchen könnten – denn während die Bedrohungen wachsen, sind weite Teile der Infrastruktur kaum geschützt. Was sich heute in der Hauptstadt abspielt, könnte morgen auch andernorts geschehen.

Die Temperaturen im Berliner Süden fielen in der Nacht auf Dienstag auf minus acht Grad. In den sechs Notunterkünften versammelten sich die Menschen, die es zu Hause nicht mehr aushielten und nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen konnten. Eine 78-jährige Zehlendorferin und ihr Mann zum Beispiel. Ihre Bronchitis sei in der Kälte daheim immer schlimmer geworden, sagt sie.

All das ist die Folge einer Brandstiftung wenige Kilometer entfernt. Die Täter griffen eine kleine Brücke an, die ein ganzes Bündel Stromkabel vom stadteigenen Gaskraftwerk Lichterfelde über den Teltowkanal leitet. Auf Google Maps kann jeder diese Brücke leicht erkennen, sie führt direkt neben dem Kraftwerk über das Wasser zu einer kleinen Grünanlage. Dort lässt sich in Ruhe ein Feuer legen, ohne gleich entdeckt zu werden.

Man habe „die angeschmorten Kabelstränge mit herumliegenden Stahlstangen zusätzlich kurzgeschlossen“, brüstet sich am Samstag eine „Vulkangruppe“ auf einer linksextremistischen Internetseite. Das Ziel sei die klimaschädliche Gasindustrie gewesen, schreibt sie. Aber irgendwie auch die ganze Gesellschaft in ihrem „Wachstumswahn“ und ihrer „Gier nach Energie“.

Doch so richtig überblickten die Täter offenbar nicht, was sie mit ihrem Anschlag auslösen würden: dass sie Zehntausende im tiefsten Winter tagelang ins Chaos stürzen. Sie forderten die Betroffenen sogar auf, sich „gegenseitige solidarische Hilfe“ zu leisten.

Dass der Anschlag derart gravierende Folgen hat, liegt wohl an mehreren unglücklichen Zufällen. Normalerweise ist das deutsche Stromnetz so aufgebaut, dass jederzeit eine Leitung ausfallen kann. Auf der Brücke am Teltowkanal allerdings lag die Ersatzleitung direkt neben der normalen Leitung, sie wurde beim Feuer gleich mit zerstört. Dazu kommt, dass die Ortsteile Lichterfelde, Zehlendorf, Nikolassee und Wannsee am Stadtrand liegen und nicht aus einer zweiten Richtung mit dem 36.000 Kilometer langen Berliner Stromnetz verbunden sind. Die Täter haben also einen besonders verwundbaren Punkt erwischt.

Das Problem ist: Deutschland ist voller solcher verwundbarer Punkte. Was den mutmaßlich linksradikalen Angreifern in Berlin mit simplen Mitteln gelang, kann jederzeit auch anderen Akteuren wie russischen Provokateuren gelingen, an Tausenden Orten im Land. Denn die deutsche Infrastruktur ist kaum geschützt – und das lässt sich nur schwer ändern.

Ein paar Zahlen illustrieren das: Allein die deutschen Höchstpannungsleitungen, die Strom quer durchs Land transportieren, sind 38.000 Kilometer lang. Sie stehen überwiegend schutzlos in der Landschaft. Wer mehrere von ihnen gleichzeitig ausschaltet, kann weit mehr Menschen vom Strom abknipsen als jetzt in Berlin. Dann wird es nicht nur in ein paar Stadtteilen dunkel, sondern in ganzen Regionen. Und das Stromverteilnetz, das die Energie aus diesen Leitungen bis zu den Gebäuden transportiert, ist fast zwei Millionen Kilometer lang.

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