Biopic | Wolf Biermann wie Drachentöter am Staatstheater Meiningen: Sieben Mal Schnauzbart

Das Staatstheater Meiningen bringt mit „Biermann – Drachentöter“ das Leben des 89-jährigen Liedermachers auf die Bühne, überraschend kurzweilig und einleuchtend


Im Bild: desinteressierte SED trifft Künstler:innen, die nach der Biermann-Ausbürgerung einen Protestbrief unterzeichneten

Foto: Christina Iberl


Es beginnt damit, dass Wolf Biermann die Zunge rausstreckt. Das ikonische Schwarz-Weiß-Foto vom legendären Kölner Konzert am 13. November 1976 zeigt den Liedermacher im Halbprofil. Riesengroß prangt er auf dem Vorhang des Meininger Staatstheaters und schaut auf das eintretende Publikum herab. Als das Saallicht erlischt, bilden schattenhafte Gestalten am Bühnenrand mit Papp-Elementen die Fratze eines fauchenden Drachen. Damit ist das Thema des Abends gesetzt. Biermann – Drachentöter ist ein gut dreistündiger Ritt durch Wolf Biermanns bewegtes Leben, eine turbulent verspielte, aber auch immer wieder todernste Mischung aus Dokumentartheater und Revue.

Der Titel geht auf eine Inszenierung von Jewgeni Schwarz’ Stück Der Drache zurück, zu dem der junge Biermann 1965 einige Lieder beisteuern sollte. Aufgrund des im selben Jahr verhängten Auftrittsverbots in der DDR, feierten sie erst sechs Jahre später im Stück Der Dra-Dra an den Münchener Kammerspielen Premiere.

Das Meininger-Stück folgt in größten Teilen seiner Autobiografie Warte nicht auf bessre Zeiten! von 2017. Darin ließ Biermann einen Helden namens Hans Folk sagen: „Ich bekehre die Drachen – nie. Ich töte sie halt.“ Im Pressegespräch, das der Uraufführung von Biermann – Drachentöter voranging, reagierte der leibhaftig anwesende Held des Stückes auf die Frage des Rezensenten, wie viel Drache denn nun in ihm selbst stecke, mit der ihm eigenen Angriffslust. „Man soll den Drachen nicht nach Drachen fragen“, konterte er die seiner Meinung nach „eitle Journalistenfrage“. Die Einsicht „Wer mit den Schweinen im Clinch ist, stinkt“, sei uralt, banal und „gerade gut für den ,Freitag‘.“ Fürs Protokoll: Zu seinem Lieblingsmedium hatte Biermann, einstmals „Chefkorrespondent Kultur“ von Die Welt, zuvor noch den ebenfalls anwesenden Deutschlandfunk erklärt.

Auch auf der Bühne wechseln dann Drachen und Töter immer wieder die Rollen. Sieben SchauspielerInnen tragen den charakteristischen Biermann-Schnäuzer. Die Bühne ist zurückgenommen und gibt der siebenfachen Hauptperson angemessenen Raum. Im Hintergrund stehen Schlagzeug, Klavier und Notenständer. Dort formiert sich das Ensemble immer wieder zur Band. Sie gibt Biermann-Weisen in Rock-Arrangements der 70er Jahre, wenn nicht gerade ein „Solo-Biermann“, klassisch mit Konzertgitarre, an die Rampe tritt. 20 Lieder flankieren die chronologisch geordneten Szenen aus Biermanns Leben: von der Ermordung des Vaters in Auschwitz über die Flucht vor dem Feuersturm in seiner Heimatstadt Hamburg bis zu seiner Ausbürgerung aus der DDR infolge des besagten Kölner Konzertes 1976.

Drachentöter – Biermann fokussiert auf die DDR

Konsequent im Schnauzbart werden dabei auch die anderen Rollen gespielt, sei es „Oma Meume“, Helene Weigel, die Gefährtin Eva-Maria Hagen oder auch „Scharfmacher“ Klaus Höpcke, der als Redakteur im Neuen Deutschland 1965 „mehr Angriffsgeist gegen Positionen ideologischer Koexistenz“ gefordert hatte. Dass dabei Höpcke nur scheinbar versehentlich „Höcke“ ausgesprochen wurde, erntete in dem Land, in dem die AfD derzeit bei 38 Prozent Zustimmung liegt, Gelächter und Szenenapplaus.

Generell begeistert Drachentöter – Biermann in seiner ersten, knapp zweistündigen Hälfte mit manchen inszenatorischen Kabinettstückchen. Wenn etwa von Biermanns feucht-fröhlichem Boheme-Leben aus der Sicht zweier Stasi-Spitzel erzählt wird, bewegen sich die anderen pantomimisch hin und her, wie in einem Überwachungsvideo, inklusive Vor- und Rückspulmodus. Nach der Pause, die von Biermanns unfreiwilligem Verbleiben in der BRD markiert wird, verlagert das Stück allerdings seinen Fokus – und bleibt in der DDR.

Der wirkungsvolle Kunstgriff führt zu einem Reenactment des Treffens von hochrangigen SED-Funktionären mit DDR-KünstlerInnen, die gerade ein Protestschreiben gegen Biermanns Ausbürgerung unterzeichnet hatten. Bekanntermaßen zeichnete Gastgeber Manfred Krug alles heimlich auf Tonband auf und veröffentlichte es 20 Jahre später im wiedervereinten Deutschland als Buch. Frank Behnke und Martin Heckmanns, die beiden Westler im Meininger-Team, haben daraus eine höfische Posse gemacht, in der nervöse Gestalten in Rokoko-Kostümen einen Eiertanz um ihren missmutigen König veranstalten. Das funktioniert als theatrale Überspitzung hervorragend, wird aber der historischen Situation und ihren ProtagonistInnen, allen voran dem Schriftsteller Jurek Becker, nicht wirklich gerecht.

Wie zum Ausgleich tauscht Schauspieler Gunnar Blume bald darauf seinen Schnäuzer gegen einen gestutzten Vollbart und tritt als Jürgen Fuchs auf. Der Schriftsteller hatte Ende 1976 ebenfalls gegen Biermanns Ausbürgerung protestiert und saß daraufhin fast 300 Tage im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Fast regungslos hält Blume einen Monolog aus Fuchs’ Erinnerungen an die Haft – und im Theater wird es sehr still.

Beim tosenden Schlussapplaus tritt der mittlerweile 89-jährige Biermann auch selbst auf die Bühne, blickt auf typische Biermann-Art ein wenig skeptisch und wehmütig ins Publikum und scheint wie schon so oft die Reihen zu taxieren, als würde er wissen wollen, wo Freund und Feind ihm gegenüberstehen. Erst Minuten später, Arm in Arm mit den anderen „Biermännern“, erhellt ein befreites, geradezu glücklich wirkendes Lächeln sein Gesicht – und verschwindet gleich wieder.

Biermann – Drachentöter Regie: Frank Behnke Staatstheater Meiningen

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