Biografie | Aus dem Judentum katapultiert: Wie Michael Moos seine jüdische Herkunft verbarg

Von dem goldenen, fein ziselierten Armreif erzählt mir Michael Moos gleich zu Anfang unseres Gesprächs. Seine Frau Rieke hüte ihn wie ein Kleinod. Josef Jakob Löwenbach, sein Urgroßvater, habe ihn geschmiedet. Er erzählt den Weg des Reifs bis zu ihm: Als Jude schwört Löwenbach 1815 auf die Bibel und darf sich als königlich bayerischer Goldschmied in München niederlassen. Das Schmuckstück, mit einem christlichen Raphael-Engel bestückt, wandert zu seiner Tochter, die ihn wiederum ihrer Tochter Ida schenkt. Die ehelicht 1908 Hugo Moos, der mit seinem Bruder Carl ein angesehenes Bettwäschegeschäft am Ulmer Münster betreibt.

Mit dem über 50-jährigen Hugo landet das Armband – Ida ist ein Jahr vor der Machtübernahme der Nazis gestorben – 1938 in Tel Aviv. Eigentlich soll Hugo sich dort bei seinem Sohn Alfred und dessen Frau Erna, geborene Adler – dem mütterlichen Zweig der Familie – niederlassen. Doch Hugo kehrt nach Ulm zurück. Er ist ein Cousin von Albert Einstein – der seinem Sohn Alfred das Empfehlungsschreiben für London ausgestellt hat.

Eine alte Bekanntschaft

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Wie dieser symbolträchtige Armreif 1953 aus Tel Aviv wieder nach Ulm gelangte und schließlich nach Freiburg, erzählt Michael, der Sohn von Alfred Moos, in einer bewegenden und streckenweise dramatischen Familiengeschichte mit dem Titel „Und nichts mehr wurde, wie es war…“. Vom Armreif ist in dem Buch allerdings keine Rede.

Ich kenne Michel, wie seine Freunde ihn nennen, seit über 50 Jahren. In den 1970er Jahren haben wir zusammen Politik gemacht – ich, blutjung als Teil der Freiburger Schülerbewegung, er, der ehemalige SDS-Führer und Mitbegründer und Ortsvorsitzender des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW). Ab 1999 saß der stadtbekannte linke Rechtsanwalt, der unter anderen 1984 den heute gesuchten Volker Staub wegen RAF-Mitgliedschaft verteidigt hatte, 23 Jahre lang für die „Linke Liste“ im Freiburger Gemeinderat.

Ganz haben wir uns nie aus den Augen verloren, aber erst ein Zufall brachte mich wieder mit seiner Frau Rieke zusammen, und ich war oft Gast im Haus der beiden. Aber so lange haben wir noch nie miteinander geredet, er in seinem leicht schwäbischen Idiom, oft nachdenklich stockend und weit ausholend. Ganz anders als man ihn als toughen Rechtsanwalt vor Gericht kennt, der sich mit dem Staat anlegt.

Jüdische Identität im Verborgenen der Linken Szene

Wovon ich in all der Zeit überhaupt keine Ahnung hatte, waren die jüdischen Wurzeln. 1947 in Tel Aviv geboren? Eine große jüdische Verwandtschaft, die er nie kennengelernt hat, weil der größte Teil der Familie ausgelöscht wurde? Das war in der damaligen radikalen Linken kein Thema – und auch später nicht. Es hat mich so umgetrieben, dass wir, nachdem ich sein Buch gelesen hatte, lange miteinander sprachen. Kein Interview im üblichen Sinn, viel persönlicher.

Warum, frage ich ihn, warum wussten wir das alles nicht? War es damals in der Linken anrüchig, aus einer jüdischen Familie zu stammen? Hast du bewusst nichts davon erzählt? „Es war einfach unwesentlich für mich, deshalb habe ich nicht darüber geredet“, beginnt er. „Ich war tatsächlich der Meinung, es hat keine Bedeutung, in der Organisation nicht und auch nicht privat.“

Antisemitische Reaktionen habe er nicht befürchtet, aber der Antizionismus habe sicher eine Rolle gespielt. „Damals hatte doch niemand Kontakt mit Juden, es gab keine jüdischen Gemeinden, man wusste nur, dass es in Deutschland mal Juden gab und sie umgebracht worden waren. Ich hatte mich komplett aus dem Judentum rauskatapultiert.“

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Von Generation zu Generation

Eine Psychoanalyse trug dazu bei, dass er sich dann doch mit seiner jüdischen Herkunft beschäftigte und sich auch der Krankheitsgeschichte seiner Mutter stellte. Nicht von ungefähr beginnt sein Buch 1949 mit Erna Moos in Tel Aviv, die eines Nachts während einer akuten psychotischen Attacke über dem Balkongeländer hängt.

Ihr Mann Alfred ist gerade in Ulm, um die Übersiedlung der Familie vorzubereiten. Zehn Jahre zuvor hatte sich Ernas Vater Isak Adler, der mit seiner Frau Frieda ebenfalls nach Tel Aviv gekommen war, das Leben genommen. Michels Großmutter Frieda ist die einzige Überlebende der Großelterngeneration, und Erna will auf keinen Fall nach Deutschland zurück.

Es ist die Geschichte zweier weitläufig verzweigter schwäbischer Landjudenfamilien, mit Laupheim und Buchau als Mittelpunkt. Ursprünglich Hausierer, profitierten die Urgroß- und Großeltern von der Aufhebung der Judengesetze, bis sie sich schließlich in Ulm als Kaufleute etablieren konnten.

Isaak Herzfelder, Schwiegersohn des Goldschmieds Löwenbach und Vater von Ida, war einer der ersten jüdischen Rechtsanwälte in Bayern. Eine Assimilierungsgeschichte über mehrere Generationen, die Michael Moos in jahrelanger minutiöser Recherche und mittels vieler zeitgenössischer Bilddokumente lebendig macht.

In London nur geduldet

Michels Großvater väterlicherseits, Hugo Moos, kehrt 1918 dekoriert von der Westfront zurück, wird Pazifist und organisiert sich in der liberalen DDP. Sohn Alfred studiert Jura in Berlin und steht der KPD nahe. 1933 ist Schluss, aber mit seiner Braut Erna kann er durch die Vermittlung Albert Einsteins nach London emigrieren. „Er hatte lange kein Bewusstsein davon, Jude zu sein“, sagt Michel. „Das ist ihm erst durch die Verfolgung klargeworden, die Nazis haben ihn zum Juden gemacht. In London fühlte er sich nur geduldet.“ 1935 entschließt sich das Paar, nach Palästina weiterzuziehen.

Die Emigranten, die in einer „linken Blase“ in Tel Aviv verkehren, fühlen sich dort wohl, trotz des traumatisch wirkenden Selbstmords von Ernas Vater Isak. Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion unterstützte Alfred Moos die Liga V, die Geld zur Ausrüstung der russischen Front sammelte.

Sein nach Ulm zurückgekehrter Vater Hugo erhält im August 1942 wie 116 weitere Juden den „Abwanderungsbefehl“. Nach Umwegen landet er mit seiner zweiten Frau Jenny in Theresienstadt, wo er erkrankt und ohne jede medizinische Versorgung nach wenigen Monaten stirbt. Jenny wird in Auschwitz ermordet. „Immer frage ich mich, warum mein Großvater nicht rechtzeitig nach Palästina ausgereist ist.“

Endgültige Antworten darauf gibt es so wenig, wie auf die Frage, warum sein Vater Alfred sich Anfang der 1950er Jahre entschließt, Palästina den Rücken zu kehren und nach Ulm zurückzukehren. Enttäuschung über die Araberpolitik Israels nach der Gründung des Staats? Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland? „Mein Vater war ein Idealist. Dennoch kam die DDR, die er mehrmals besucht hatte, für ihn nicht in Frage.“

In der Schule hatte ich immer Angst davor, nach dem Geburtsort gefragt zu werden, Tel Aviv. Wo ist das denn? Und die Blicke der Kinder.

Im Winter 1953 sind alle Papiere zusammen, es geht vom warmen Tel Aviv in die kalte Provinzstadt an der Donau. Der Sohn ist mittlerweile schon in der Schule, spricht Ivrit, hat Freunde. In Ulm erlebt er den ersten Schnee. Noch versteht Michel den Dialekt der Leute nicht, aber er passt sich schnell an. „Ich wollte einfach Freunde gewinnen, dazugehören.“

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Ein Foto zeigt ihn bei einem Ausflug, auf dem der damals schon großgewachsene Zehnjährige die Arme schützend um zwei Kameraden gelegt hat. Dennoch bleibt das Gefühl, Außenseiter zu sein. „In der Schule hatte ich immer Angst davor, nach dem Geburtsort gefragt zu werden, Tel Aviv. Wo ist das denn? Und die Blicke der Kinder.“

Die Familie will nicht auffallen. Die jüdische Herkunft, der Vater umtriebiger Sozialist in der SPD und die traumatisierte Mutter, die die Rückkehr nach Deutschland nicht verkraftet und lange Phasen in der „Irrenanstalt“, wie das damals hieß, verbringt, das ist die Hypothek. Michel und sein 1956 geborener Bruder Peter sind oft Haushaltshilfen überlassen.

Über die Vergangenheit wird in der Familie nicht gesprochen, so wenig wie in den Täterfamilien. „Mein Vater hatte kein Gefühl für das, was meiner Mutter widerfahren ist, warum sie krank war. Erstaunlich, dass er das so entpolitisieren konnte.“ Trotzdem schickt Alfred seinen Sohn früh zu den linkssozialistischen Falken. „Sein Wunsch war, dass ich in seine Stapfen trete.“

Das Schweigen der Eltern

Diese Stapfen. Michel studiert in Tübingen und Freiburg Jura, ein Teil der Familientradition. SDS-Aktivist, dann kommunistischer Kader. Wir reden lange über die Freiburger Zeit, den KBW, diese verschworenen Gemeinschaften damals. „War das die Heimat, die Zugehörigkeit, die du immer gesucht hast?“ Ja, sehr, sagt er. „Aber das waren keine bewussten Prozesse.“

Der letzte Teil seines Buches berichtet über diese Zeit, rekonstruierend, nachdenklich und ja, manchmal auch rechtfertigend. Ich mache viele Frage- und Ausrufezeichen. „Ich wollte“, schreibt er mir in einer Mail nach unserem Gespräch, „die Höhen und Tiefen meines Weges beschreiben. Der Rückzug ins Privatleben war jedenfalls nie eine Option.“

Der Preis dafür war, dass er bis in die Zeit als Gemeinderat vom Verfassungsschutz verfolgt wurde. Vor Gericht erzielte er einen Teilerfolg, die Ausspähung als Rechtsanwalt in der JVA Stuttgart-Stammheim und nach 2000 war rechtswidrig. Juristischen Erfolg hatte er auch bei der Wiederaufnahme der Wiedergutmachungsforderung seiner Mutter Erna, die Jahrzehnte lang abgelehnt worden war. 1983 erkannte das Landgericht Stuttgart in einem Vergleichsverfahren ihr Leiden als verfolgungsbedingt an, sie erhielt eine Abfindung. In Ulm wurden 2020 Stolpersteine für deren Familie verlegt.

Erinnerungskünstler

Als Michel 1992 zum ersten Mal wieder nach Tel Aviv reiste, war das eine Begegnung mit seiner Kindheit und der Verfolgungsgeschichte seiner Familie. „Ich war ja nie religiös, aber ich habe mich geöffnet für diese Vergangenheit.“ Das Schweigen in seinem Elternhaus schlug ihm entgegen. „In den 1990ern Jahren, nach den Ausschreitungen gegen Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen habe ich mir überlegt, auszuwandern. Kuba ging nicht. Aber Israel war im Kopf eine Option.“

Das teilweise sehr private Buch hat Michael Moos seinen vier Enkeln gewidmet, um die Geschichte seiner Familie zu überliefern. Oft hatte ich den Impuls, mit Rieke zu sprechen. Deren Erinnerungsarbeit als Laborantin in den Behring-Werken in den 1960er Jahren habe ich verfolgt, sie hat damals den Ausbruch des Marburg-Virus unmittelbar miterlebt und darüber ein Buch geschrieben.

Beide sind auf ihre Weise Erinnerungskünstler. Vielleicht wird die sechsjährige Neri, die Enkelin, den über Generationen gehüteten Armreif von Urgroßmutter Ida einmal weiterreichen.

„Und nichts mehr wurde, wie es war…“ Michael Moos Klemm+Oelschläger 2025, 150 S., 19,80 €

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