Mr. Korgy, der „verständige“ Creative-Writing-Lehrer, verführt seine 17-jährige Schülerin Waldo: Die US-Bestsellerautorin Jennette McCurdy entlarvt in ihrem Roman „Half his Age“, wie linksliberale Sensibilität zur Falle wird
Jennette McCurdys Debütroman „Half his Age“ ist in der gleichen mitreißend lakonischen Prosa geschrieben wie ihr weltweit erfolgreicher autobiografischer Bestseller „I’m glad my Mom died“
Foto: Noam Galai/Getty Images
Die 17-jährige Waldo wächst in prekären Verhältnissen im Trailerpark in Anchorage auf, einer Stadt in Alaska. Sie hat es nicht gerade leicht, mit den Trendsettern in der Highschool mitzuhalten. Ihre alleinerziehende Mutter schlittert von einer toxischen Beziehung in die nächste, und Waldo hat immer wieder kurze Affären mit den Jungs aus ihrer Schule. Bis sie sich in ihren Creative-Writing-Lehrer Mr. Korgy verguckt, der sich der Klasse mit den Worten vorstellt: „Ich bin ein Versager … Das hier war alles andere als mein Traum … Ich wollte Schriftsteller werden. Romanautor.“
Jennette McCurdys Debütroman Half his Age ist in der gleichen mitreißend lakonischen Prosa geschrieben wie ihr weltweit erfolgreicher autobiografischer Bestseller I’m glad my Mom died, der sich mittlerweile mehr als vier Millionen Mal verkauft hat. Darin beschreibt sie das missbräuchliche Verhältnis ihrer Mutter ihr gegenüber – und wie das ihre Karriere als Schauspielerin später prägen sollte. Mit sieben hatte McCurdy ihre erste TV-Rolle in einer Akte-X-Folge, in der Teenager-Soap iCarly auf Nickelodeon spielte sie jahrelang eine der Hauptrollen.
Jennette McCurdy hatte mit 18 eine Beziehung zu einem doppelt so alten Mann
Auch in Half his Age verarbeitet die 33-Jährige persönliche Erfahrungen. In einem Interview erzählte sie kürzlich, dass sie im Alter von 18 Jahren eine Beziehung mit einem doppelt so alten Mann hatte und wie die jugendliche Hauptperson ihres Romans lange Zeit brauchte, um sich aus dieser Missbrauchssituation zu befreien. Dabei ist es kein widerlicher Macho, über den Jennette McCurdy schreibt. Im Gegenteil: Mr. Korgy wird als ein verständiger, sensibler Mann beschrieben – Marke linksliberaler Bildungsbürger, der vorgibt, verantwortungsvoll zu sein.
Er lässt sich dann aber doch auf das Verhältnis mit Waldo ein und tut irgendwann alles, damit dieses nicht endet. Er manipuliert seine Schülerin und vermittelt ihr, dass sie reifer sei als die anderen Mädchen. Für sie als Außenseiterin ist das natürlich ein Kompliment. Neben dem Altersunterschied ist es aber auch die sozial prekäre Situation, die diese hierarchische Beziehung in dieser Form erst ermöglicht. Sich den Wünschen der Männer anzupassen, das wird Waldo von ihrer Mutter vorgelebt, die stets versucht, gut auszusehen und den Ansprüchen ihrer wechselnden Lover gerecht zu werden. Ähnlich verhält sich auch Waldo gegenüber ihrem Literaturlehrer.
Der lädt sie sogar zu sich nach Hause ein, wo sie die Ehefrau und seinen Sohn kennenlernt. Für den verhinderten Schriftsteller bietet die 17-Jährige dann schließlich auch Grund und Anlass, um seine Ehe zu beenden. Waldo erfüllt für den Mann in seiner vermeintlichen Midlifecrisis eine Funktion und nimmt dabei selbst maximalen Schaden, weil sie ihre Bedürfnisse zurückstellt.
Eine zeitgemäße, sozialkritische Coming-of-Age-Geschichte
„‚Mir geht’s gut‘, sage ich dann, in einem Tonfall, der so falsch, höflich und nach einem Mädchen, das unbedingt gemocht werden will, klingt, dass ich mir am liebsten selbst die Kehle rausreißen würde“, heißt es einmal. McCurdys Text überzeugt, da er zwar auf Waldos Perspektive fokussiert, aber alle Vorgänge und sozialen Verhältnisse mit dem Wissen einer Frau reflektiert.
Dieser erzählerische Kniff erlaubt es, die Geschichte auf verstörende Weise in all ihren Nuancen mitzuerleben. Dabei geht es auch um die Schwierigkeit, dem eigenen sozialen Getto zu entfliehen. „Du hast viel zu viel Persönlichkeit fürs College. Das ist nur was für Leute, die in Schablonen reinpassen“, redet die Mutter Waldo noch dazu ein, die selbst im Supermarkt jobbt.
Ihren Frust verarbeitet Waldo dann mit entgrenztem Shopping: „Im Bett verwandele ich mich dann in diesen vom Internet befeuerten Dämonen, der mich von zehn bis zwei Uhr nachts beherrscht, während das blaue Bildschirmlicht in meine Poren sickert und diese fragwürdige Laptop-Hitze auf mein Gesicht und in meinen Schoß abstrahlt.“ So verhandelt Jennette McCurdy eben nicht nur das missbräuchliche Verhältnis eines Lehrers zu seiner Schülerin, sondern ihr Roman ist auch eine zeitgemäße, sozialkritische Coming-of-Age-Geschichte, die es in sich hat.
Half his Age Jennette McCurdy Olivia Kuderewski (Übers.), Blumenbar 2026, 335 S., 24 €