Für ihn beginnt Gerechtigkeit mit Gleichheit. Doch vielleicht heißt gerecht handeln, Menschen nicht als Gleiche, sondern als Einzelne zu sehen? In jedem Fall ist Gerechtigkeit für Bernhard Schlink kein Konstrukt, sondern Arbeit und Handeln
Bernhard Schlink
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Über Gerechtigkeit wird von Philosophen viel geschrieben, Gerechtigkeitstheorien sind ein eigenes philosophisches Genre. Da ist es schon mal eine Freude, dass der Rechtsphilosoph Bernhard Schlink mit seinem Essay Gerechtigkeit keine weitere Theorie vorlegen möchte. Gerechtigkeit, so meint er, ist kein philosophisches Konzept aus einem Guss, sondern Arbeit, Handeln, praktisches Suchen und Verwirklichen.
Das klingt erfrischend und verlockend. Schlink will uns kein theoretisches Gebilde vorlegen, nach dem wir erkennen können, ob etwas gegebenes gerecht ist oder nicht, er will uns einen Weg zeigen, wie wir Gerechtigkeit suchen und herstellen – erarbeiten können. „Gerechtigkeit fängt mit Gleichheit an“, sagt Schlick. Gleichheit ist für ihn das erste und unhintergehbar.
Die Erwartung der Gleichbehandlung sei primär. Gerechtigkeit würde mit Gleichheit beginnen, weil sie alle Menschen als gleich voraussetzen würde. Das scheint für Schlick auch nicht anders möglich, auch wenn er sagt, dass diese Voraussetzung eben eine Setzung sei, denn die Menschen seien ja verschieden. Aber vor allem seien wir eben doch gleich: alle Gottes Kinder, fast identische Gene, vernunftbegabt, der gleichen globalen Situation ausgesetzt.
Komplexes Geflecht von Gleichheiten und Ungleichheiten
Vielleicht liegt hier der große Fehler der Gerechtigkeitstheorien und auch des Modells, das Schlick präsentiert. Vielleicht kommt es gerade nicht darauf an, ob wir gleich oder ungleich sind, sondern darauf, dass wir je individuell sind, dass jeder eben ein Individuum ist. Vielleicht käme es darauf an, uns gerade nicht in Kategorien einzuordnen, die uns zu gleichen oder zu ungleichen machen – vielleicht begänne da die Gerechtigkeit in dem Sinne von: jemandem gerecht werden.
Aber natürlich ist unsere Gesellschaft heute und seit Langem so eingerichtet, dass sie nach Gleichheit und Ungleichheit sortiert. Wenn Gleiches dann gleich behandelt wird und Ungleiches ungleich, dann kann das gerecht sein. Schlinks Modell geht von der Gleichheit aus und sagt, dass es einen guten Grund geben muss, eine Ungleichheit zu behaupten, nach der man dann ungleich behandelt wird.
Interessant ist seine Überlegung, dass jeder gute Grund wieder eine neue Ebene der Gleichheit schafft, in der die, für die der Grund zutrifft, dann wieder gleich sind. Das schafft ein komplexes Geflecht von Gleichheiten und Ungleichheiten. Gerechtigkeitsarbeit ist die Suche und Bewertung der guten Gründe, das Navigieren in diesem vielschichtigen Gewebe von Gründen, die gerechte Ungleichheiten erzeugen.
Bernhard Schlink tut zivilen Ungehorsam mit wenigen Worten ab
Schlink schreibt viele einfache Hauptsätze. Seine Argumentation geht meistens so, dass auf einen Hauptsatz, der etwas behauptet, eine Kette von Beispielen aus ganz unterschiedlichen Bereichen folgt, die den Hauptsatz plausibel machen, illustrieren und stützen sollen. Das ist oft anregend und gibt Stoff zum Weiterdenken.
Oft ist man aber auch etwas ratlos, weil man die gemeinsame Logik nicht immer zu entdecken vermag. Gelegentlich illustrieren die Beispiele auch, dass ein Argumentieren in Hauptsätzen es sich doch zu einfach macht, etwa wenn es zur Illustration von guten und zwingenden Gründen heißt: „Wenn die Impfung vor einer schlimmen Krankheit schützt, ist die Einführung einer Impfpflicht gerechtfertigt; wenn die Impfung eine tödliche Epidemie verhindert, ist sie geboten.“
Dass zur Gerechtigkeitsarbeit auch gehört, nach Alternativen zu Ungleichbehandlungen zu suchen, erfährt man in diesem Essay zwar an anderer Stelle an einem anderen Beispiel auch, aber hier hätte es aus dem einfachen Hauptsatz „Gute Gründe sind manchmal zwingende Gründe“ eher eine fragwürdige These gemacht.
Nicht immer sind die Argumentationen so holzschnittartig, dann wird es richtig interessant, etwa, wenn das Konzept der Generationengerechtigkeit diskutiert wird. Da wird dann auch verständlich, was Gerechtigkeitsarbeit leisten kann. Man muss Schlink dann nicht immer zustimmen, etwa wenn er zivilen Ungehorsam mit wenigen Worten abtut. Schlinks Essay ist anregend, es sucht einen neuen Weg für den Umgang mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit. Am Ziel angekommen ist es aber noch nicht.
Gerechtigkeit Bernhard Schlink Diogenes 2026 208 S., 21,99 €