Beschaffungsamt welcher Bundeswehr will innovativer werden

Stand: 21.03.2026 • 18:45 Uhr

Deutschland gibt Rekordsummen für die Rüstung aus. Doch die oft kritisierte Beschaffungsbehörde steht unter Druck: Der Einkauf muss schneller und unbürokratischer werden.

„Willkommen in Hogwarts!“ Die Begrüßung des Pressesprechers könnte passender nicht sein. Denn das Beschaffungsamt der Bundeswehr hat gewisse Ähnlichkeiten mit der fiktiven Schule für Zauberei von Harry Potter. Der Hauptsitz der Behörde ist im ehemaligen preußischen Regierungspräsidium in Koblenz direkt am Rhein untergebracht: ein verwinkeltes, mehr als 100 Jahre altes Gebäude mit zwei Türmen.

Mit rund 12.000 Mitarbeitern ist das Amt die größte technische Behörde der Bundesrepublik. Allein 7.000 Menschen arbeiten am Hauptstandort Koblenz/Lahnstein. Es sind vor allem Ingenieure und Juristen, die über neue Anschaffungen für die Truppe entscheiden und dafür sorgen sollen, dass das Material im Betrieb auch funktioniert. Projektteams begleiten militärisches Gerät oft über Jahrzehnte. Denn so lange bleibt zum Beispiel ein Kampfpanzer von Typ Leopard II in Betrieb. Die Fachleute wissen dann genau, wo es bei dem Panzer haken könnte und welche Ersatzteile nötig sind.

Beschaffung soll schneller werden

Markus Hantel ist im Beschaffungsamt für Fahrzeugprojekte zuständig. Er kümmert sich zurzeit um das neue Aufklärungs- und Gefechtsfahrzeug, im Bundeswehr-Deutsch AFG 2 genannt. Es ist etwa so groß wie ein kleiner Militär-Lkw, geschützt etwa gegen die Explosion von Minen, auf dem Dach können verschiedene Waffen installiert werden. Das Fahrzeug ist besonders beweglich, weil es über beide Achsen lenken kann.

„Man hat einen Lkw, der konstruiert ist wie ein Rallye-Fahrzeug“, erklärt Hantel. Gedacht sei es für spezialisierte Einsatzbereiche wie Geiselbefreiungen, Aufklärungs- oder Gefechtsaufträge. Ein niederländischer Rüstungskonzern baut das Fahrzeug nach genauen Vorstellungen der Bundeswehr – und zwar als komplette Neuentwicklung. Ab Mitte nächsten Jahres soll es ausgeliefert werden, insgesamt 49 Exemplare, rund sechs Jahre nach der Bestellung und einer intensiven Erprobungsphase.

An solch detaillierten Tests soll im Prinzip nicht gerüttelt werden. Aber die Politik wünscht sich, dass die Beschaffung für die Truppe schneller läuft. Thomas Bertram aus dem Leitungsstab des Beschaffungsamts bringt es so auf den Punkt: „Während wir früher viel Zeit und wenig Geld hatten, weil die Bedrohungslage eine andere war, ist es momentan so: Wir haben Geld und die Zeit drängt.“

Fokus auf marktverfügbares Material

Jahrelang war die Koblenzer Behörde mit dem desolaten Zustand der Bundeswehr in Verbindung gebracht worden. Eben weil sich viele Verfahren über Jahre zogen, da Zeit keine Rolle spielte. Entstanden sind die sogenannten Goldrandlösungen: Sehr ausgereifte Technik, die militärisch den Systemen auf dem Markt meist überlegen war.

Nun muss das Beschaffungsamt auf marktverfügbares Material zurückgreifen und hat dafür deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung. „Wir können einfach mal kaufen. Die Dinge, die die Truppe braucht, um einsatzfähig zu werden“, sagt die Präsidentin des Beschaffungsamts, Annette Lehnigk-Emden, im ARD Interview der Woche. Sie spricht von einem Kulturwandel in ihrem Haus. Man sei mutiger und risikofreudiger als früher. „Wir sollen die eingetrampelten Pfade mal verlassen.“ Wer gute Ideen habe, Projekte anders umzusetzen als bisher, sei aufgefordert, genau das zu tun. Sie werde dahinterstehen, kündigt Lehnigk-Emden an.

Die Behördenchefin lobt die Zusammenarbeit mit US-Unternehmen, von denen sich die Bundesregierung bekanntlich verabschieden möchte. Die Forderungen nach mehr Eigenständigkeit kämen zu schnell, sagt Lehnigk-Emden. Man habe bisher keine Schwierigkeiten, die Verträge abzuwickeln. Deutschland kauft in den USA zum Beispiel Kampfjets vom Typ F-35 und Chinook-Transporthubschrauber. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr betreibt ein eigenes Kontaktbüro in den USA.

Teure Fehlentscheidungen?

Auch in dieser Umbruchsphase sorgt die Beschaffungspolitik der Bundeswehr immer wieder für Schlagzeilen. Recherchen von Plusminus zeigten vor einigen Wochen: Insider zweifeln, ob geplante Rüstungsvorhaben wirklich geeignet sind für sich ändernde Anforderungen im Ernstfall, während Haushälter im Bundestag vor milliardenschweren Fehlentscheidungen warnen.

Ende Januar 2026 hatte der Haushaltsausschuss das erste Mal einen Rüstungsdeal gestoppt, den das Verteidigungsministerium und das Beschaffungsamt der Bundeswehr geplant und bereits mit der Industrie verhandelt hatten. Der zuständige Minister Boris Pistorius stellt sich demonstrativ hinter die Koblenzer Behörde. Er fordert zwar mehr Innovationsfreude und mehr Tempo bei Beschaffungen. Bei einem Besuch in Koblenz Ende Februar sicherte er aber zu, dass das Beschaffungsamt in seiner jetzigen Form eine Zukunft hat.

Source: tagesschau.de