In Al-Hol im Nordosten Syriens waren IS-Terroristen und deren Familien inhaftiert. Die syrische Übergangsregierung hat das Lager nun aufgelöst. Experten warnen, Tausende IS-Sympathisanten seien jetzt auf freiem Fuß.
Schwarz-vermummte Männer mit Gewehren sitzen auf der Ladefläche von Pickups, sie rollen in Kolonne durch ein großes Tor. Bilder vor wenigen Wochen zeigen, wie die Truppen der syrischen Übergangsregierung das berüchtigte Al-Hol-Lager im Nordosten Syriens einnehmen.
Hier saßen seit Jahren Familienangehörige von Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ein. Tausende, vor allem Frauen und Kinder, unter schwierigsten humanitären Bedingungen, waren eingesperrt ohne verurteilt zu sein. Streng bewacht von kurdisch geführten Kräften. Ein Nährboden für weiteren Terrorismus, warnten Beobachter.
Al-Hol ist „tickende Zeitbombe“
„Wir haben gewarnt, dass Al-Hol eine tickende Zeitbombe ist“, sagt Thomas Renard, Terrorismus-Experte vom International Center for Counter-Terrorism. „Dass man eine nachhaltige Lösung finden muss für IS-Anhänger, mit richtiger Verurteilung und einer Chance auf Rehabilitierung. Al-Hol war dagegen ein illegales Wegsperren ohne Chance auf Reintegration. Ein Dorn im Fuß der internationalen Gemeinschaft, die so tut, als täte sie alles, um Terrorismus weltweit zu verhindern.“
Damit soll nun Schluss sein. Nachdem die kurdisch geführten SDF im Nordosten Syriens von den syrischen Truppen massiv zurückgedrängt wurden, übernahm die islamistische Übergangsregierung die Kontrolle über das Lager und beschloss, es aufzulösen. Der letzte Konvoi habe am Wochenende das Camp verlassen, teilte das syrische Außenministerium mit. Al-Hol ist offenbar Geschichte.
„Dieses Lager war vielleicht der einzige Ort auf der Welt, an dem Frauen und Kinder ohne Gerichtsverfahren und ohne Schuld bestraft wurden, nur weil einer ihrer Verwandten möglicherweise ein IS-Mitglied war“, sagt Monther al Salal von einer syrischen NGO, die offenbar bei der Räumung des Camps geholfen hat, im Sender Sky News Arabia. „Folglich war das Ziel des syrischen Staats mit der Räumung in erster Linie, das Leid dieser Bewohner zu beenden.“
IS-Anhänger teilweise in Irak verlegt
Aber waren die Insassen wirklich so harmlos? Tausende Frauen und Kinder sollen in ein anderes Lager in der Provinz Aleppo umgesiedelt worden sein, manche zu ihren Familien, andere wurden in den Irak gebracht. Die UN-Flüchtlingshilfe erklärte, man habe bei der Rückführung von etwa 200 irakischen Bürgern aus dem Al-Hol-Lager Richtung Irak geholfen. Ebenfalls in den Irak verlegt wurden mehrere Tausend als gefährlich eingestufte IS-Anhänger.
„Das ist ein Prozess, der fortgesetzt wird“, so der irakische Außenminister Fuad Hussein. „Wir sind sehr besorgt über den IS in Syrien, er ist gerade sehr aktiv. Wir hoffen, dass wir uns mit der syrischen Regierung koordinieren können. Es gibt viele Menschen, die in Syrien an diese Ideologie glauben und das ist sehr gefährlich.“
Massenflucht aus Al-Hol?
Eine Gefahr, die zunehmen könnte: Mehrere Tausend Insassen aus Al-Hol sollen das Lager Berichten zufolge ohne Kontrolle verlassen haben – sie konnten offenbar fliehen. Eine neue Bedrohung für die Region?
„Das war ein Deaster mit Ansage“, so Terrorismus-Experte Renard. „Wir haben eine unkontrollierte Flucht oder Freilassung aus Al-Hol, bestimmt könnten sich einige jetzt dem IS anschließen, es wird aber vor allem vom IS sicherlich in der Propaganda als Erfolg gefeiert. Für den IS ist das ein Sieg. Und zwar ein Sieg, den wir dem IS ermöglicht haben. Wir hätten das schon lange verhindern müssen.“
Unklar ist auch, was mit ausländischen IS-Anhängern geschieht. Australien weigerte sich bereits, Staatsbürger zurückzunehmen. Auch deutsche IS-Anhänger waren in Syrien inhaftiert, einige von ihnen sollen in den Irak überführt worden sein.
IS-Schläferzellen weiter aktiv
Die Terrororganisation gilt zwar militärisch als besiegt, doch gerade im Nordosten Syriens gibt es immer noch Schläferzellen, die Anschläge verüben. Erst vor wenigen Tagen sagte der IS offen dem syrischen Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa den Kampf an und rief zu Anschlägen auf. „Der IS in Syrien restrukturiert sich“, sagt Thomas Renard. „Er ist zwar nur ein Schatten dessen, was er mal war, aber hat immerhin etwa 3.000 Kämpfer plus Sympathisanten und generiert weitere – und er ist deutlich aggressiver und aktiver, wenn es um Anschläge geht.“
Ungeachtet dessen haben die USA ihren Truppenabzug in Syrien offenbar fortgesetzt. Die US-Soldaten räumten Augenzeugen zufolge den größten Stützpunkt im Nordosten. Das Wall Street Journal hatte berichtet, die USA zögen alle verbliebenen etwa 1.000 Soldaten aus Syrien ab – bereits im März könnte der Rückzug abgeschlossen sein.
Kinder mit Zukunft?
Für die Kinder, die im Al-Hol-Camp aufgewachsen sind, dürfte nun ein neues Leben anfangen. Nach jahrelanger Isolation sollen sie in die syrische Gesellschaft integriert werden. „Es gab Kinder, die noch nie einen Baum gesehen hatten oder noch nie ein Gebäude oder einen Fluss“, so NGO-Chef Monther al Salal. „Wir haben es erlebt, wie sie ihre Mütter während des Transports fragten, was das ist.“
Es gebe viele Programme für psychologische Betreuung, die diesen Kindern angeboten werden könnten, so der syrische Aktivist Satiyaa Yassin im syrischen Staatsfernsehen. „Die Kinder unter den bisherigen Bedingungen im Lager zu belassen, hätte sich in eine tickende Zeitbombe verwandelt.“
Traumatisierte Kinder – „Welpen des Kalifats“ wurde die jüngste Generation aus Al-Hol oft genannt – isoliert und mit islamistischen Ideologien indoktriniert. Die Frage ist, ob es Syrien in Zukunft gelingt, aus ihnen aufrechte Bürger zu machen oder ob der IS in der Region bald neuen Zulauf erhält.
Source: tagesschau.de