Kein WhatsApp, kein TikTok, kein Scrollen – drei Wochen lang. 70 Berliner Schülerinnen und Schüler wagen das Experiment und verzichten komplett auf ihr Handy. Was macht das mit ihnen?
„Drei, zwei, eins“ – gemeinsam zählen sie den Countdown runter. Ein Klick und die Handys sind wieder an. Auch Hannah aus der siebten Klasse strahlt, als der Bildschirm wieder leuchtet. „Ich habe mir eigentlich vorgestellt, dass ich über 100 Nachrichten habe, aber tatsächlich habe ich ganz wenige“, sagt Hannah. Mitschülerin Matilda erlebt das Gegenteil: „Ich habe von meiner Freundin 1.977 Nachrichten bekommen – und in Gruppen auch über 100.“
Etwa 70 Schülerinnen und Schüler der evangelischen Schule Berlin-Köpenick haben freiwillig an dem Experiment teilgenommen. Sie wollten herausfinden, wie sich ihr Alltag verändert, wenn sie nicht ständig aufs Handy schauen. Für viele ist das Ergebnis überraschend positiv. „Die drei Wochen war ich sehr viel gechillter, haben meine Eltern auch gesagt“, erzählt Matilda. „Ich habe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Brüdern verbracht und war mehr an der frischen Luft.“
Drei Wochen ohne Handy, das fällt dem einen oder der anderen schwer. AUf dem Schulhof teilen die Jugendlichen ihre Erfahrungen.
Idee stammt aus Österreich
Die Idee zu dem Projekt kommt ursprünglich aus Österreich: Der Lehrer Fabian Schenk startete das Handyexperiment 2025 am Konrad-Lorenz-Gymnasium in Gänserndorf. Inzwischen hat das Projekt deutlich an Größe gewonnen: Mehr als 70.000 Kinder und Jugendliche haben sich für das Experiment angemeldet – auch Schulen in Deutschland, wie die in Berlin-Köpenick. Die Jugendlichen hätten eine Fortsetzung des Experiments „regelrecht eingefordert“, sagt der wissenschaftliche Leiter des Projekts Oliver Scheibenbogen von der Siegmund-Freud-Universität Wien.
Er spricht von einem „gewissen Leidensdruck“, den die Kinder und Jugendlichen durch eine intensive Nutzung des Smartphones verspüren. Deshalb bräuchten vor allem diese jungen Menschen „Grenzen, um deren Einhaltung üben zu können“.
Während des Experiments haben die teilnehmenden Jugendlichen ihre Beobachtungen und Erfahrungen in einem Online-Tagebuch festgehalten.
Zwischen Entzug und Gewohnheit
An der Berliner Schule ist der Komplett-Verzicht auch Thema im Unterricht. Gemeinsam sprechen sie darüber, was anders ist ohne Handy, was schwer fällt und was nicht. „Ich merke sehr, dass ich mein Handy im Alltag brauche und es mir echt fehlt“, sagt die 13-jährige Hannah. Besonders in Wartesituationen: „Wenn ich auf die Bahn oder den Bus warte, weiß ich oft nicht, was ich stattdessen tun soll.“
Mehrere Jugendliche berichten, dass sie nicht TikTok oder Instagram am meisten vermissen, sondern die Kommunikation mit den Freunden. Nachrichten schreiben, Sprachnachrichten schicken – in Kontakt bleiben. Auf der Versammlung auf dem Schulhof, kurz bevor die Handys wieder angeschaltet wurden, berichtet ein Mädchen: „Ich will mich auch bei meinen Freunden bedanken, die über die ganze Zeit trotzdem versucht haben, den Kontakt mit mir zu halten.“ Die Festnetzrechnung, vermutet sie noch, wird wohl in diesem Monat besonders hoch ausfallen.
An der Schule, die unter der Trägerschaft der evangelischen Schulstiftung EKBO steht, gab es schon vor dem Experiment klare Regeln: Für die Klassen fünf bis zehn sind Handys während der Schulzeit tabu. Der vollständige Verzicht – auch in der Freizeit – ist trotzdem für viele eine neue Erfahrung.
Studie warnt vor wachsender Suchtgefahr
Was die Jugendlichen erleben, passt zu aktuellen Studienergebnissen. Eine aktuelle Langzeituntersuchung der DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt, dass problematische Mediennutzung ein großes Thema bleibt.
Etwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland nutzen soziale Medien in einer problematischen Art und Weise, etwa 350.000 gelten als abhängig. Erstmals untersucht wurde auch der Einfluss von Künstlicher Intelligenz. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen nutzt regelmäßig Chatbots. Jeder Zehnte fühlt sich von einer KI besser verstanden als von echten Menschen.
Verbote allein reichen nicht
Angesichts dieser Entwicklungen fordern die Studienautoren schnelle politische Maßnahmen wie Altersregulierungen für soziale Medien.
Fachleute betonen jedoch, Verbote allein lösen das Problem nicht und können außerdem zu leicht umgangen werden. Medienpsychologin Katharina Scheiter von der Universität Potsdam sieht die Verantwortung zum einen bei den Plattformen, aber auch bei Eltern und Schulen: „Kinder müssten lernen, bewusst mit digitalen Medien umzugehen – und Strategien entwickeln, wann sie das Handy auch wieder weglegen.“
Nachhaltige Wirkung
In Berlin-Köpenick bleibt vor allem ein Eindruck: Der Verzicht hat etwas verändert. „Ich möchte öfter rausgehen und mein Handy nicht mitnehmen“, sagt Matilda. „Und ich will mehr Zeit mit meinen Brüdern verbringen. Die haben gemerkt, dass ich viel freier war.“
Auch die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Schwitters stellt fest, dass es ihren Schülerinnen und Schülern insgesamt besser ging. Sie zeigten eine „längere Aufmerksamkeitsspanne und ein größeres psychisches Wohlbefinden“. Sie selbst habe aus Solidarität während der drei Wochen zumindest auf soziale Medien verzichtet, das Handy ganz abgeben wollte sie nicht. Und auch unter den Lehrkräften fand sich niemand, der drei Wochen ganz ohne Smartphone auskommen wollte.
Source: tagesschau.de