Im Kino werden Filmfiguren von Schauspielern dargestellt. In İlker Çataks Film „Gelbe Briefe“ dagegen wird Ankara von Berlin und Istanbul von Hamburg gespielt. Das erfährt man zu Beginn in Einblendungen, aber man hätte es auch so erkannt: den Fernsehturm, den Alexanderplatz, die Elbphilharmonie, die Landungsbrücken. Zwei Städte als Ersatz für zwei andere, in denen Çatak nicht drehen konnte.
Dieses Rollenspiel funktioniert erstaunlich gut. Die Verfremdung wirkt nicht störend, im Gegenteil: Sie macht die Geschichte, die der Film erzählt, noch welthaltiger. Es geht um ein Ehepaar, Derya und Aziz, das Ärger mit einem namenlosen Regime bekommt, hinter dem man unschwer die Regierung Erdoğan erkennen kann. Die beiden sollen in E-Mails und Social-Media-Posts den Präsidenten beleidigt und die Protestbewegung gegen ihn unterstützt haben. Aziz, ein Theaterautor, verliert seine Professur an der Universität, Derya, der Star des Nationaltheaters, erhält ihre Kündigung. Die beiden ziehen von Ankara nach Istanbul, wo sich Aziz als Taxifahrer durchschlägt und Derya sich zwischen einem Auftritt in seinem neuen Vierpersonenstück „Gelbe Briefe“ und der gut bezahlten Hauptrolle in einer Fernsehserie entscheiden muss. Dann ist da noch ihre Tochter Ezgi, die in der Großstadt am Bosporus eigene Wege geht und so das eigentliche Drama des Films auslöst.
Wie immer, wenn zwei Menschen in eine Krise geraten, kommen ihre besten und ihre schlimmsten Seiten gleichermaßen zum Vorschein: Aziz’ patriarchales Gehabe, aber auch seine Unbeugsamkeit, Deryas Geltungssucht, aber auch ihre Fähigkeit, in der Not einen kühlen Kopf zu behalten. Çataks Inszenierung lässt die beiden keinen Moment aus den Augen und behält dabei zugleich den Überblick, was keine selbstverständliche Kunst ist, zumal auf der Berlinale, wo das gut Gemeinte oft genug das gut Gemachte ersetzt. Aber sein Film hat noch eine andere Qualität, die über das Handwerkliche hinausgeht: die der Einfühlung.
Er zeigt nicht nur, was seine Hauptfiguren erleben, er zieht uns in ihr Leben hinein, er lässt uns ihre Angst spüren, dem Zugriff der Macht nicht gewachsen zu sein, und ihren Trotz, wenn der Kern ihres Daseins in Gefahr ist, ihre Kunst, ihre Unabhängigkeit, ihre Liebe zu ihrem Kind. Dabei helfen dem Regisseur seine großartigen Schauspieler, vor allem Özgü Namal als Derya, aber auch seine Idee, diese türkische Geschichte in Deutschland zu drehen. Denn in „Gelbe Briefe“ fragt man sich immer wieder einmal, ob das alles auch hierzulande passieren könnte, und wenn man auf einer Wand vor einem Gerichtsgebäude in riesigen Ziffern die Jahreszahl 1933 liest, erinnert man sich, dass es ja längst passiert ist. Der Film steht mit beiden Beinen in der Gegenwart, aber er streckt einen Fühler in die Vergangenheit aus, in der sich seine Handlung spiegelt – so wie Ankara in Berlin und Hamburg in Istanbul.
Alles, was man für ein amerikanisches Familiendrama braucht
Während „Gelbe Briefe“ sich auf das Künstlerpaar und seine Tochter konzentriert, zeigt Grant Gees Film „Everybody Digs Bill Evans“ eine depressive Familienaufstellung der erweiterten Art: den titelgebenden Jazzmusiker, den seine Heroinsucht zugrunde richtet; seine gleichfalls süchtige Frau Elaine, die nichts Rechtes mit sich anzufangen weiß; seinen Bruder Harry, der Bill um sein Talent beneidet und schizophrene Schübe hat; und die Eltern der Brüder, die sich in ihrem Ruhesitz in Florida bei großer Hitze ständig auf die Nerven gehen. Das klingt nach hundert Kinominuten, denen man unbedingt aus dem Weg gehen muss, aber so trostlos ist „Everybody Digs Bill Evans“ gar nicht.
Es gibt komische Momente, wenn Vater und Mutter sich beharken, während der Sohn im Bett nebenan im kalten Entzug vor sich hin zittert, und Augenblicke echter Tragik, wenn Bill und Harry einander mit Worten umkreisen, die gerade genügend Helligkeit verbreiten, um den Abgrund zwischen ihnen anzudeuten. Der Film hat so gesehen alles, was er braucht, um das tausendunderste amerikanische Familiendrama seit Robert Redfords „Ordinary People“ zu sein. Aber er leidet an einer Krankheit, die ihn daran hindert, ins Erzählen zu kommen. Und diese Krankheit heißt Kunst.
Denn Bill Evans war kein gewöhnlicher Pianist, sondern eine Legende der Jazzmusik, und der Engländer Gee müht sich verbissen, mit diesem Genie ästhetisch auf eine Höhe zu kommen. Deshalb taucht er seinen Film in edelstes Schwarzweiß, baut Kulissen von perfekt aufgeräumter Tristesse und illustriert die Drogenräusche seines Helden mit avantgardistischen Bild-Exzessen, deren sich ein Buñuel oder Dalí nicht hätten zu schämen brauchen. Es hilft nur nichts: Die Geschichte kommt nicht vom Fleck, sie hängt einen Stehdialog an den anderen, und die wilden Sechzigerjahre sehen bei Grant Gee wie ein in Formalin konserviertes Museumsstück aus. „Everybody Digs Bill Evans“ hat von Bill Evans leider nur den Namen, nicht den Jazz.
So macht die Berlinale gleich in den ersten Wettbewerbsbeiträgen ihre gewohnte Rechnung auf: hier das Verkünstelte, dort das kunstvoll Schwere und Gute. Man wird sehen, welche Spielart in den nächsten zehn Tagen die Oberhand behält. Das wirklich große Kino liegt jenseits von beiden. Vielleicht kommt es ja auch zu diesem Festival.
Source: faz.net