Kellou wird von Tagträumen gequält. Da sind geisterhaft aussehende Männer, die nach ihr schlagen, eine Frau mit Blut am Hals, ein Bärtiger mit einem Stock. In ihrem Dorf hört niemand zu, wenn sie von ihren Erscheinungen berichtet, denn sie gilt als Kind des Unglücks, weil ihre Mutter bei ihrer Geburt starb. Nur eine Greisin, eine Ausgestoßene, nimmt sie ernst, sie lässt Kellou in ihr Haus und weiht sie in die Kunst des Wahrsagens ein, und als die Alte stirbt, sorgt das Mädchen gegen den Willen der Dorfbewohner dafür, dass sie ein würdiges Begräbnis erhält. Sie bringt den Leichnam auf einer Schubkarre in ein Felsental im nördlichen Tschad, dessen Höhlen mit Wandmalereien aus der Vorzeit bedeckt sind, in der die Sahara noch keine Wüste, sondern eine blühende Landschaft war, und dort erfährt Kellou, was hinter ihren Visionen steckt.
Auch Lea kämpft um ihren Platz in der Gemeinschaft. Sie lebt in einer Kleinstadt in Thüringen, und ihre Familie ist das, was man alteingesessen nennt, aber hinter der heilen Fassade klaffen Risse, die Pension im Wald, die Leas Großeltern betreiben, ist nicht mehr rentabel, und Leas Eltern haben sich getrennt, weil ihre Mutter ein Kind von einem anderen Mann erwartet. Als das Mädchen für eine Talentshow gecastet wird und der Sender ein Porträt von ihr drehen will, werden die Bruchlinien der Familiengeschichte sichtbar, auch politisch geht man offenbar getrennte Wege, und die neue Dauerausstellung, die Leas Tante im Schloss von Greiz eingerichtet hat, empfindet ihre Großmutter als Affront. Das Lied, das sich Lea für ihren Auftritt im Fernsehen ausgesucht hat, stammt von Coldplay, und es spricht aus, was Lea nicht in Worte fassen kann: „When you try your best, but you don’t succeed / When you get what you want, but not what you need / When you loss something that you can’t replace . . . could it be worse?“
Der eine Film erzählt ruhig, der andere gehetzt und nervös
Sowohl Hahamet-Saleh Harouns „Soumsoum, la nuit des astres“ als auch Eva Trobischs „Etwas ganz Besonderes“ erzählen ihre Geschichte jeweils durch die Augen einer jungen Frau. Aber sonst haben die beiden Filme, die in kurzem Abstand im Wettbewerb der Berlinale liefen, fast nichts gemeinsam. Was sie zeigen, liegt Welten voneinander entfernt: hier das Enedi-Massiv, das zum Unesco-Welterbe gehört, dort die grünen Hügel Thüringen, hier das Dorf, das von Sandstürmen und Fluten heimgesucht wird, dort der bequeme, wenn auch wacklige deutsche Wohlstand. Und auch die Bildsprache der Filme ist verschieden, der eine erzählt in ruhigen, wie Atemzüge fließenden Einstellungen, der andere springt nervös von einem Detail zum anderen, so dass auch seine Erzählung gehetzt und unsicher wirkt.
Aber die Jury, die die Hauptpreise der Filmfestspiele ergibt, muss das Unvergleichbare trotzdem vergleichen, sie muss den Eigensinn jedes Films am Eigensinn aller anderen messen, und weil auch Festivaljuroren trotz aller Professionalität ganz normale Kinozuschauer sind, kann dabei am Ende nur etwas sehr Subjektives herauskommen: ein Geschmacksurteil. Und bei sieben verschiedenen Geschmacksurteilen ein Kompromiss.
Dabei scheint die Qual der Wahl in diesem Jahr gering. Es gibt einen Film, der aus dem Wettbewerb klar herausragt (Lance Hammers „Queen at Sea“) und zwei andere, die darin eine gute Figur machen (İlker Çataks „Gelbe Briefe“ und Markus Schleinzers „Rose“). Es gibt schauspielerische Höhepunkte, die nicht zu übersehen sind (Sandra Hüller, Juliette Binoche) und Kinoerzählungen, die einen Drehbuchpreis verdient hätten (Anthony Chens „We Are All Strangers“). Und es gibt Geschichten, die mit der richtigen Moral und einer holzschnittartigen Dramaturgie punkten wie Emin Alpers „Kurtuluş“ – auch wenn man diesmal darauf hoffen darf, dass ein Jurypräsident wie Wim Wenders auf dem Unterschied zwischen ästhetischer und moralischer Qualität bestehen wird.
Schließlich gibt es den Sonderfall eines Films, der das richtige Kino nahtlos mit dem falschen verbindet. Beth de Araújos „Josephine“ lief als letzter Beitrag im Wettbewerb, und wenn man nur seinen Inhalt liest – ein achtjähriges Mädchen beobachtet im Park eine Vergewaltigung und wird danach von der Erscheinung des Täters verfolgt – möchte man denken, dass in ihren Bildern eigentlich nichts schiefgehen kann. Aber die amerikanische Regisseurin hat die Geschichte, in der sie ihr eigenes Kindheitstrauma verarbeitet, mit so vielen Stereotypen angereichert (zu denen auch das gefällige Spiel von Channing Tatum als Vater gehört), dass man sich zum Mitempfinden nicht befreit, sondern erpresst fühlt.
„Josephine“ erzählt weniger über Josephine als über die Mechanismen einer Bilder-Industrie, in der für den Kinderblick kein Platz mehr ist. Auch dieser Film übrigens endet, wie so viele auf dieser Berlinale, am Meer. Vom dem Berlin weltenweit entfernt ist.
Source: faz.net