Die Berlinale zählt nach geläufiger Meinung zu den drei wichtigsten Filmfestivals der Welt. Aus amerikanischer oder asiatischer Perspektive mag man das bestreiten wollen, auch Toronto oder Busan erheben Ansprüche, aber wenn man die Reisepläne von Journalisten, Influencerinnen, Produzentinnen, Kinobürokraten anschaut, wird man feststellen, dass Berlin im Februar für viele Menschen aus aller Welt ein Fixpunkt ist. Mit dieser Bedeutung gehen auch Forderungen einher:
Die Berlinale möge sich erklären, und zwar möglichst deutlich, möglichst eindeutig. Möglichst im Sinne einer bedingungslosen Gaza-Solidarität, wie es diese Woche ein offener Brief verlangte (F.A.Z. v. 19. Februar), den mittlerweile 104 Menschen unterschrieben haben, darunter Tilda Swinton, Nan Goldin oder Ben Russell, der vor zwei Jahren bei der Schlusszeremonie der Berlinale, auf der er eine Auszeichnung erhielt, ein Palästinensertuch trug und von Genozid sprach und sich damit Vorwürfe des Antisemitismus einhandelte.
Als sie ins Gespräch kommen, fällt gleich das entscheidende Wort
Die Berlinale hat aber, gerade als das politische Festival, als das sie sich gern vermarktet, nicht die eine Stimme, die etwas dekretiert, nicht einmal die der Leiterin Tricia Tuttle, die im Übrigen bevorzugt im Team auftritt. Die Berlinale hatte dieses Jahr 278 Stimmen, so viele Filme liefen auf dem Festival, und jeder dieser Filme steht wiederum für ein Mehrfaches an Stimmen. Wer diese Arbeit der Perspektivierung, der Differenzierung abkürzen will, führt auch Ideen von Politik eng auf Parolen. Wer aber das Festival konkret verfolgte, konnte unter den 278 Filmen durchaus Hinweise finden, wie die Berlinale zu Gaza, Israel, Palästina und auch Deutschland steht. Zwei dieser Filme erwiesen sich als besonders bedeutsam: „Where To?“ von Assaf Machnes und „Chronicles From the Siege“ von Abdallah Alkhatib. Beide liefen in der Reihe Perspectives, dem „kleinen“ Wettbewerb für Debüts, den Tricia Tuttle gleich in ihrem ersten Jahr in ihrer Verantwortung für die Berlinale 2025 etabliert hat.
„Where To?“ könnte man auf den ersten Blick für ein Ausweichmanöver halten, für eine Alibiprogrammierung, die von den harten Tatsachen in Gaza wegführt. Ein Mann fährt in Berlin nachts Taxi, schnell stellt sich heraus, dass er aus Palästina stammt, und als er mit einem Fahrgast aus Israel ins Gespräch kommt, fällt auch gleich das entscheidende Wort: 1948, und damit die Nakba, Vertreibung. Der junge Mann auf dem Rücksitz ist auf eine andere Weise ein Vertriebener: Er liebt Männer, und um dieses Geheimnis vor seiner Mutter besser zu hüten, ist er nach Berlin gekommen, die Zuflucht so vieler queerer Menschen aus aller Welt, wie es im Vorjahr Jochen Hicks Dokumentarfilm „Queer Exile Berlin“ schilderte.
Zwei Menschen, zwei Diskriminierungen, zwei Schicksale, gekreuzt mit weiteren, die sich auf den Fahrten durch die Nächte zu erkennen geben. Assaf Machnes ist ein guter Erzähler, so dass nicht störend auffällt, wie systematisch er sich von Gegensätzen zu Übergängen hin bewegt. „Where To?“ ist ein melancholisches Manifest für Möglichkeiten der Vermittlung und steht damit im Gegensatz zu der radikalen Polarisierung, mit der viele Teile der Palästina-Solidarität auf Israels oft grausame Machtdemonstration nach dem Massaker der Hamas reagieren. Dass der Film vom Israeli Film Fund unterstützt wurde, macht ihn in den Augen vieler Unterzeichner des offenen Briefs vermutlich sowieso boykottwürdig.
„Chronicles From the Siege“ kann man als Versuch sehen, Mitgefühl zu üben und dabei politische Überblendungen vorzunehmen. Denn Abdallah Alkhatib erzählt von einer Belagerung („siege“) aus dem syrischen Bürgerkrieg. Das Assad-Regime ging ab Dezember 2012 systematisch gegen das Viertel Jarmuk am Rande von Damaskus vor, das auch als Hauptstadt der palästinensischen Diaspora gilt. Lebensmittel, medizinische Versorgung, jegliche andere Unterstützung wurde den Menschen vorenthalten. Alkhatib erzählt von einer Notlage in Bildern und Geschichten, in denen sich mitteilt, dass Gaza nach 2023 mitgemeint ist.
Aus beiden Filmen geht hervor, dass die Berlinale genau weiß (und auch zu wissen gibt), wie die Lage in Israel, Palästina, Gaza, Syrien ist. Das Gleiche gilt für Libanon und Iran, von wo es ebenfalls „Stimmen“, also Filme, gab. Was nicht aus den Filmen hervorgeht, sind unausgesprochene, aber häufig mitschwingende Positionen, die so tun, als könnte oder müsste man Israel als Faktor (oder gleich als Staat) einfach tilgen, um den Palästinensern zu den Rechten zu verhelfen, die sie verdienen. Die Berlinale macht sich dazu die Mühe der Details. Es wäre trotzdem gut, wenn sie sich vor der Abschlusszeremonie am Samstagabend darauf vorbereiten würde, einem Bedürfnis nach klaren Worten nach bestem Wissen und Gewissen zu entsprechen.
Source: faz.net