Berlinale-Favorit: Die letzten Tage welcher Liebe

Das Schneetreiben hatte wieder ein­gesetzt, als Juliette Binoche den roten – Teppich vor dem Festivalpalast betrat. Sie trug ein schwarzes Pelzjackett mit hohen Schulterpolstern zu einer weißen Seidenbluse, und sie sagte in die hingehaltenen Mikrofone, was sie auch schon am Nachmittag auf der Pressekonferenz zu Lance Hammers Film „Queen at Sea“ gesagt hatte: dass die Rolle, die sie in dem Film spielt, für sie eine prägende Erfahrung gewesen sei, dass sie sich unter Hammers Regie nicht nur gut aufgehoben, sondern auch bereichert gefühlt habe, dass das Thema, um das es in „Queen at Sea“ geht, jeden der Schauspieler am Set auf persönliche Weise bewegt habe.

Das waren, anders als sonst auf vielen roten Festival-Teppichen, keine Floskeln. Man sah es an Binoches von Routine ­freiem Gesichtsausdruck, und man sieht es im Film. „Queen at Sea“ ist der seltene Fall eines Berlinale-Wettbewerbsbeitrags, der in alle Raster passt, mit denen die Filmfestspiele in der Welt wahr­genommen werden wollen: Er ist bedrängend aktuell, politisch – wenn auch in einem indirekten, gesellschaftlichen Sinn – und hemmungslos emotional. Und er ist große Kunst.

74. Filmfestspiele in BerlinF.A.Z.

Der Film beginnt damit, dass Amanda (Juliette Binoche) mit ihrer halbwüchsigen Tochter das Haus ihrer Mutter in London betritt. Sie findet die Mutter mit deren Ehemann, Amandas Stiefvater Martin, im Bett beim Sex. Aber Leslie (Anna Calder-Marshall) ist seit längerer Zeit dement, sie kann ihre Wünsche oder ihren Unwillen nicht mehr deutlich äußern. Als Amanda ihren Stiefvater bittet, nicht mehr mit ihrer Mutter zu schlafen, erklärt ihr Martin (Tom Courtenay), dazu habe sie kein Recht. Amanda greift zum Telefon und ruft die Polizei, und das Drama beginnt.

Die Greisin kann sich gegen die Lust ihres Ehemanns nicht wehren

In Filmen, die von Übergriffen, Verletzungen, Geschlechterbeziehungen und familiärem Unglück handeln, gibt es immer einen Schuldigen. Diese Grundregel ist in „Queen at Sea“ außer Kraft gesetzt. Selbst Polizei und die Ärzte, die mit der Untersuchung des Falls beauftragt werden, sind unschuldig, denn sie tun nur ihre Pflicht. Aber sie setzen den Mechanismus in Gang, der das heikle Gleich­gewicht zerstört, in dem Leslie und Martin gelebt haben. Die Greisin kann sich ge­gen die Lust ihres Mannes nicht wehren, aber sie kann ohne ihn auch ihren Alltag nicht mehr bewältigen. Und womöglich hat sie das, was wie sexuelle Nötigung aussah, selbst ausgelöst, denn in dem Pflegeheim, in dem Amanda ihre Mutter nach dem Vorfall versuchsweise unterbringt, passiert es noch einmal, nur diesmal mit einem Wildfremden, der ihr nachts in einem Gang auflauert. Die Aufnahmen einer Überwachungskamera, mit denen der Film dieses Geschehen wiedergibt, sind verstörend, aber sie entsprechen den Tatsachen, die Lance Hammer, von dem auch das Drehbuch zu „Queen at Sea“ stammt, recherchiert hat, sie zeigen ein Stück Wirklichkeit.

Mutter und Tochter: Florence Hunt und Juliette Binoche in Lance Hammers FilmSeafaring LLC

In einem Film wie diesem ist das, was man nicht sieht, ebenso wichtig wie alles andere. Hammer erspart uns die Einzelheiten der Mutter-Tochter-Beziehung von Amanda und Leslie, und er zeigt auch von der Ehe der beiden Alten nur das, was ihre tiefe Verbundenheit verrät: die gemeinsame Liebe zur Musik, das Ritual der Spaziergänge am Nachmittag, die Einnahme der täglichen Pillendosis, bei der er ihr vormacht, was sie wann und in welcher Reihenfolge zu schlucken hat. Dafür erzählt er von der ersten Liebeserfahrung, die Amandas Tochter Sara (Flo­rence Hunt aus „Bridgerton“) mit einem Jungen aus der Nachbarschaft macht. Diese Parallelhandlung ist keine Abschweifung, sie gibt der Tragödie im Zentrum Kontur, sie taucht den Abschied vom Leben ins Licht des Anfangs. Was in der Demenz verloren geht, die Hingabe an den anderen, ersteht hier gerade wieder neu.

Den schwierigsten Part in der Geschichte hat Juliette Binoche

Es hilft dem Film, dass er die erste Garde europäischer Schauspieler vor die Kamera holt. Tom Courtenay ist seit sechzig Jahren ein Star des britischen Kinos, und Anna Calder-Marshall hat schon Shake­speare gespielt, als Hammer noch nicht geboren war. Den schwierigsten Part in der Geschichte aber hat Juliette Binoche, weil sie nach allen Seiten Verluste er­leidet: Ihre Tochter wendet sich von ihr ab, ihre Mutter erkennt sie nicht wieder, und das Buch, an dem sie in London schreiben wollte, kommt nicht voran.

Es ist, anders als die vielen Auftritte, die Binoche seit der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ im Kino hatte, keine Rolle, mit der man glänzen kann, aber gerade in ihr zeigt sich die Klasse dieser Schauspielerin, denn sie füllt jeden Moment aus, als wäre es der letzte. Das hält den Film in Gang, denn bei Amanda laufen alle Fäden zusammen, die er knüpft, auch wenn sie dem Geschehen oft nur hilflos zuschauen kann. Einen Darstellerpreis wird sie dafür in Berlin wohl nicht bekommen, aber Lance Hammers Film hat hier jede Auszeichnung verdient, nicht deshalb, weil er ein wichtiges Thema behandelt, sondern weil er für dieses Thema die richtigen Bilder findet, intim und distanziert zugleich, rücksichtsvoll und schockierend direkt.

Es gibt also nach sieben Tagen Wettbewerb einen Favoriten für den Goldenen Bären. Und es gibt Kandidaten für die übrigen Jurypreise, etwa Fernando Eimb­ckes Film „Moscas“, der vor der Kulisse von Mexiko City so rührend von der Annäherung zwischen einer alten Frau und einem kleinen Jungen erzählt, dessen Mutter im Krankenhaus liegt, dass kein Auge trocken bleibt. Die Ber­linale kriegt, wie es scheint, wieder einmal die Kurve. Wenn auch diesmal nur knapp.

Source: faz.net