Berlinale Berlinale | Zu wenig Stars, hierfür Filmrausch z. Hd. die Gesamtheit? Fünf Mythen hoch die Berlinale

Die „Internationalen Filmfestspiele Berlin“, so der eigentliche Name der Berlinale, beginnen. Filmredakteurin Barbara Schweizerhof klärt über die wahren und nicht mehr ganz so wahren Mythen auf, die zum Festival gehören


Die Berlinale schreibt sich Engagement, Aufklärung und eine Nähe zum Zeitgeist auf die Fahnen. Doch kann sie dem auch entsprechen?

Collage: der Freitag; Material: IMAGO Images, I Stock, DPA


Die Berlinale ist ein Publikumsfestival!

Von allen Selbstbeschreibungen, die die Berlinale schon seit ihrer Gründung im Jahr 1951 begleiten, ist die, ein Publikumsfestival zu sein, vielleicht die älteste – und wahrste! In Cannes werden gar keine Tickets verkauft, nur Einladungen und Akkreditierungen vergeben. In Venedig findet das Festival fast ausschließlich in Kinosälen statt, die einzig zur Festivalzeit aufgemacht oder gar provisorisch errichtet werden.

Nur in Berlin stellt eine Vielzahl von „echten“ Kinos, verteilt über die ganze Stadt, für zehn Tage den Normalbetrieb ein, um ausschließlich Festivalfilme zu zeigen. Außerhalb der Pressevorführungen gehören die Vorstellungen hier weniger dem Fachpublikum als der breiten Öffentlichkeit. Es ist ein Filmrausch, der ansteckend wirkt – gerade weil die jeweiligen Besucher bei jedem Screening andere sind. Und sie kommen tatsächlich mehr wegen des jeweiligen Films, als um an irgendeinem Glamour teilzuhaben. Für 2025 meldete die Berlinale rund 335.000 verkaufte Tickets, das macht ihr so schnell kein anderes Festival nach.

Berlinale ist eine kleine Brücke nach Osteuropa!

Es ist ein Etikett, mit dem die Berlinale heute noch gern hausieren geht: eine besondere Verbindung zu den osteuropäischen Nachbarn zu pflegen. Man siedelt den Anspruch gern bereits in den „Frontstadt-Jahren“ von Westberlin an, als hätte er sich organisch aus den geografischen Gegebenheiten entwickelt. Dabei stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass in den 50er- und 60er-Jahren im Wettbewerb außer dem einen oder anderen Film aus Jugoslawien kein osteuropäisches Land vertreten war.

Das änderte sich erst Mitte der 1970er-Jahre. 1977 gab es den ersten Goldenen Bären für die Sowjetunion: Die Erhöhung von Larissa Schepitko. Zur Erinnerung: Michail Kalatosow hatte mit Die Kraniche ziehen bereits 1958 in Cannes gewonnen. Und Andrei Tarkowski mit seinem Debütfilm Iwans Kindheit 1962 in Venedig. Die 1980er aber waren dann tatsächlich gute Jahre für osteuropäisches Kino in Berlin, mit vielen Filmen in allen Sektionen. Heute dagegen muss man sie wieder mit der Lupe suchen. Der Anspruch ist zur bloßen Behauptung verkommen.

Ein politisches Festival!

Auch das ist ein oft wiederholter Berlinale-Mythos: das politischste unter den A-Festivals zu sein. Positiv formuliert schreibt man sich Engagement, Aufklärung und eine Nähe zum Zeitgeist auf die Fahnen. Die Berlinale sei das „Gewissen des Festivalzirkus“ hieß es mal. Aber der gute Ruf ist nicht mehr das, was er mal war. Die einen beklagen, dass sich manches Programm eher wie eine Aufzählung der aktuell wunden Punkte dieser Welt liest denn als spannende Filmkunst. Man suche nach Themen aus, nicht nach cineastischem Wagemut. Bei der Preisverleihung zähle oft die richtige politische Einstellung mehr als die künstlerische Leistung.

Letzteres gilt aber genauso für Cannes und Venedig. So ist es nun mal: Auch mit Prominenten besetzte Jurys wollen gern Zeichen setzen und sich als gute Menschen fühlen. In unseren von Empörungszyklen gebeutelten Zeiten ist das Politische außerdem so sehr mit Provokation verbunden – einen Star bei einer kontroversen Aussage erwischen! – dass echtes Engagement die Statements eher vermeidet.

Zu wenig Stars!

Es ist die Kehrseite der Zuschreibung, das politischste der A-Festivals zu sein: die jedes Jahr erhobene Klage darüber, dass es der Berlinale an Stars auf dem Roten Teppich mangele. Wie die nostalgisch stimmenden Archivaufnahmen beweisen, waren im Lauf der Jahrzehnte zwar schon viele, viele Stars da – Sophia Loren, Jean-Paul Belmondo, Gary Cooper, Jane Fonda, Jack Nicholson, Jack Lemmon, Mick Jagger, Leonardo DiCaprio und und und –, aber eben nicht in der Dichte wie auf den anderen A-Festivals.

Das Berliner Winterwetter eigne sich wenig zur Premieren-Inszenierung, heißt es als Begründung oft. Oder die Oscar-Saison sei schuld, weil die echten Stars im Februar mit Händeschütteln und Stimmenwerben in Hollywood beschäftigt wären. Sollte man deswegen die Berlinale wieder in den Sommer legen, wie es bis 1977 der Fall war? Aber ob man so kurz nach Cannes im Mai und vor Venedig im September wirklich an die Filme mit den „größeren“ Stars herankäme? Dann wiederum passt das Emblem „kein Glamour“ einfach gut zu Berlin.

Ein neuer Mythos muss her!

Da die Osteuropa-Brückenfunktion gerade nicht mehr so gut funktioniert, es mit dem politischen Anspruch auch nicht mehr so weit her ist, die Stars sich nach wie vor nicht gerade die Klinke in die Hand geben, aber trotz alledem das Publikum in Berlin dem Festival treu bleibt, wäre es vielleicht an der Zeit für ein paar neue Mythen zur Berlinale-Identität.

Vielleicht wird das Offensichtliche zu schnell übersehen, nämlich dass sie ein ziemlich gut organisiertes Festival ist, das seine Besucher und Besucherinnen nur selten sinnlos mit langen Schlangen oder Verspätungen quält. Die einzelnen Filme werden vier- bis fünfmal wiederholt, man hat genug Gelegenheit, die Werke, über die alle reden, doch noch nachzusichten.

Das alles ist keine Selbstverständlichkeit bei den anderen A-Festivals. Hinzu kommt, dass die Nebensektionen Panorama und Forum jeweils so eigen und vielfältig sind, dass es fast unmöglich ist, nicht doch etwas zu entdecken, was einen brennend interessiert. Vielleicht wäre das ein neues Emblem: Festival der Entdeckungen.

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