Die Liste deutsch-französischer Streitpunkte wird länger. Ob bei Rüstung, Freihandel oder dem alten Hut von den Eurobonds – in zentralen Fragen kommen Berlin und Paris auf keinen gemeinsamen Nenner. Man muss den Dissens nicht dramatisieren, wie es einige Beobachter sogleich tun. Beschönigen darf man ihn aber auch nicht.
Das Signal ist verheerend, dass ausgerechnet in der aktuellen Bedrohungslage bei FCAS ein Fiasko droht. Das Luftkampfsystem soll einen veritablen Technologiesprung ermöglichen – aus der schon in Donald Trumps erster Amtszeit gewonnenen Erkenntnis heraus, dass auf die USA nur noch bedingt Verlass ist und Deutsche und Franzosen bei teuren Waffensystemen ihre Kräfte bündeln müssen.
Dies- wie jenseits des Rheins muss man sich fragen, ob man die Tragweite der geopolitischen Umwälzungen verstanden hat. Frankreichs Widerstand gegen das so wichtige Handelsabkommen mit Südamerika weckt Zweifel, wie ernst es Paris mit der viel beschworenen Stärkung Europas meint, wenn man den Bauern nicht mal etwas mehr Wettbewerb zumuten will. Umgekehrt legt die deutsche Verteidigungspolitik immer noch eine naive Bereitschaft an den Tag, auf US-Wehrtechnik zu vertrauen.
Missverständnisse erschweren die Sache. Paris mag eine unselige Neigung zu Etatismus und Protektionismus haben, und seine Definition von Autonomie und Souveränität bleibt oft diffus. Aber die Forderung der Franzosen nach „Buy European“-Klauseln ist keine Absage an den Außenhandel, verkauft ihre Luxus-, Kosmetik- und Luftfahrtindustrie doch selbst in großem Stil Waren in alle Welt.
In Wahrheit gibt es zwischen Berlin und Paris Raum für Verständigung. Das Ziel, Sektoren zu schützen, in denen gefährliche Abhängigkeiten drohen und China und andere Mächte den Handel auch als strategische Waffe einsetzen, sollte heute konsensfähig sein. Das meint zuvorderst die Rüstungsindustrie.
Man kann den Prinzipien von Markt und Wettbewerb treu bleiben und trotzdem „Buy European“ beschaffen, will man der hiesigen Industrie zu Kraft verhelfen – und sich so befähigen, die Freiheit und den Wohlstand selbst verteidigen zu können.