Berlin Tag & MachtRettung mit Restalkohol: Wolfgang Kubickis Plan für die FDP
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Krawall statt Konsens: Mit 74 will Wolfgang Kubicki die taumelnde FDP zurück in die Erfolgsspur führen. Oder wenigstens über 5 Prozent. Zwischen Tankstellen-Polemik, Stammtisch-Charme und Schlagzeilen-Rhetorik setzt er auf maximale Aufmerksamkeit. Kann das reichen?
Kürzlich beging Wolfgang Kubicki seinen 74. Geburtstag. Ob es zum Ehrentag ein rauschendes Fest gab, ist nicht überliefert. Viel zu feiern gab es für die FDP sonst zuletzt jedenfalls nicht. Spätestens 2027, wenn es die runde 75 zu zelebrieren gilt, wird sich das Feierbiest in Kubicki, dem sechstbekanntesten Braunschweiger nach Jette Joop, Carl Friedrich Gauß, Dennis Schröder, Albert Oppenheimer und Yeliz Koc, nicht mehr einfangen lassen. Dann wackelt sogar der Status „schillerndste FDP-Sause aller Zeiten“, den aktuell noch Christian Lindners Sylt-Hochzeit hält.
Eine geeignete Location hätte Kubicki dafür eigentlich: seine Stammkneipe „Bruno“ im schleswig-holsteinischen Strande. Dort feierte Kubicki bereits zwei Highlights seines Lebens: seine Hochzeit und seinen größten Boulevardpresse-Coup. Der gelang ihm 2021, als er im großen Leitkultur-Interview mit der „Bild“-Zeitung verriet, in seiner Stammkneipe „nennen sie einen wie Lauterbach Spacken“. Leider hat mir der Regierungsflurfunk kürzlich zugetragen, das „Bruno“ hätte seine Pforten trotz Stammgästen wie Kubicki inzwischen geschlossen.
Mit dem „Spacken“-Vermächtnis hat Kubicki das „Bruno“ aber immerhin in allen politischen Skandaltagebüchern verewigt. Eine verbale Entgleisung, auf die ein amtlicher Social-Media-Empörungs-Tsunami folgte. Oder „Shitstorm“, wie die für den Fortbestand der FDP nicht unwichtige Generation der unter 30-Jährigen sagt. Wobei man da vorsichtig sein muss: Ältere Semester und gängige Gratis-Translation-Programme übersetzen „Shitstorm“ gerne mit „Scheißesturm“ – und da ist man dann gedanklich ganz schnell bei der deutschen Nationalmannschaft.
Rage Bait im Bundestag
Kubicki, der Spacken-Einordnungen offenbar für volksnah hält, sah sich umgehend einer breiten Front von Kommentarspalten-Zurechtweisungen ausgesetzt. Auch Aufmerksamkeitsökonom Lauterbach konterte reichweitenoptimiert mit der leicht vergifteten Souveränitätslektion: „Ich wüsste auch, was über Herrn Kubicki gesagt wird. Aber ich erreiche noch mediale Präsenz, ohne dass ich Kollegen beleidige.“ Rumms.
Andererseits: Einen Standpunkt zu vertreten, für den es in der Öffentlichkeit weniger als 5 Prozent Zustimmung gibt, ist für jemanden von der FDP nichts Ungewöhnliches. Insofern respektabel, dass Kubicki für die Parteispitze kandidieren will. Selbst mit den umstrittenen Rentenplänen der Regierungskoalition wäre er mit 74 Jahren bereits im sicheren Hafen der verdienten Pensionsberechtigung eingelaufen und könnte sich die restlichen Jahrzehnte seines Lebens schönen Dingen zuwenden. Stattdessen möchte er sich seiner großen Berufsliebe widmen und die FDP ausgerechnet jetzt wiederbeleben. In einer Phase, in der die öfter aus Parlamenten fliegt als Michael Wendler aus TV-Sendungen.
Aber warum er? Der FDP-Führungsriege waren zuletzt Ex-One-Man-Showrunner Christian Lindner, Johannes Vogel und nun auch Christian Dürr abhandengekommen. Und wo ist eigentlich Konstantin Kuhle? So verbleibt als einziger Hoffnungsträger offenbar der rüstige Genusstrinker Kubicki. Der hatte dem polit-philosophischen Fachmagazin „Bunte“ dieser Tage verraten, er würde selten weinen. Klar, warum auch? Wer Verantwortung in der FDP trägt, ist Kummer gewohnt. Ihm stünde „bei einer beruflichen Niederlage eher der Sinn nach einem feuchtfröhlichen Abend“!
Grundsätzlich ein verständliches Frustverarbeitungskonzept. Dennoch sollte Kubicki regelmäßig die Leberwerte prüfen lassen. Natürlich aus rein beruflichen Gründen. Wer jedes Mal auch nur ein einziges Bier trinkt, wenn sich die FDP ein blaues Auge einfängt, zählt auf der David-Hasselhoff-Cheeseburger-Skala nämlich statistisch betrachtet bereits zur Kategorie „Betty-Ford-Klinik“. Im RTL/ntv-Trendbarometer fiel die FDP nach Ostern unter die Messbarkeitsschwelle von 3 Prozent. Prost!
Im sogenannten Herbst des Lebens, der laut meiner Oma und einschlägiger Best-Ager-Literatur so um das 65. Lebensjahr beginnt, sollte man sich aber ohnehin engmaschig durchchecken lassen. Das könnte Kubicki auf dem kurzen Dienstweg bei Karl Lauterbach erledigen. Der ist nicht nur Ex-Gesundheitsminister und Ex-Untermieter im TV-Studio von Markus Lanz, sondern auch ausgebildeter, zum Dr. med. promovierter Arzt. So würde sich auch der Kreis zwischen Stammkneipe und politischem Qualitäts-Diskurs schließen.
Wolfgang Kubicki, Feminist
Für viele kommt es überraschend, dass Late Boomer Kubicki überhaupt für den vakanten Job als Parteivorsitzender antritt. Das Porträt in „Bunte“, in dem Kubicki feuchtfröhliche Pleiten-Kompensationsabende beichtet, kommt jedenfalls zum Schluss: „Wolfgang Kubickis Karriere ist zu Ende“. Womöglich ein etwas vorschnelles Urteil, auch wenn alte Wegbegleiter wie die inzwischen ins Europaparlament desertierte Marie-Agnes Strack-Zimmermann offenbar auf der Seite des politischen Leitmediums „Bunte“ stehen: „Die FDP muss von einer neuen Generation in die Zukunft geführt werden, nicht nur von alten Schlachtrössern.“ Ob das „nur“ suggeriert, die Ü65-Fraktion sollte natürlich dennoch weiter die Hand am FDP-Ruder behalten, nur halt nicht in Person von Wolfgang Kubicki, liegt im Ermessensspielraum des jeweiligen Betrachtungswinkels.
Die taktische Marschroute des 74-jährigen FDP-Modernisierers, mit der er die Partei aus ihrem bundesweiten 3-Prozent-Dilemma wachküssen möchte, ist einfach: „Die FDP muss ihre Kernbotschaften wieder klar und deutlich unter die Wählerinnen und Wähler bringen“. Und das sind vor allem: „Wirtschaftliche Vernunft, Schutz der Bürgerrechte und eine Absage an den ideologischen Firlefanz unserer Mitbewerber.“ Ideologischer Firlefanz, oder wie Christoph Ploß und Alice Weidel sagen: Gendern.
Wie er dieses Ziel erreichen möchte, ist unklar. Mit welchem Personal hingegen er den Sprung vom Beckenrand der Bedeutungslosigkeit in den Pool der Kleinstparteien verhindern will, da gibt es erste Signale. Der neoliberale Chef-Feminist und Woke-Kritiker Kubicki setzt auf Frauenpower. Nicht in einer Form natürlich, wie er es seinerzeit angeblich mit Silvana Koch-Mehrin versuchte. Die ehemalige FDP-Spitzenpolitikerin enthüllte 2022, wie Kubicki ihr einst die Position als Generalsekretärin anbot, aber gleichzeitig mit ihr flirtete.
Es sind andere Namen, die Kubicki um sich scharen möchte, um das nicht unbedingt zukunftsweisende Bild eines alten weißen Mannes an der FDP-Spitze zu verwässern: Linda Teuteberg etwa. Und auch Katja Suding will er zurückgewinnen. Darüber hinaus stellt er sich vor, bei seiner Rettungsmission von Maria Westphal sowie Susanne Seehofer, der Tochter von Ex-Innenminister Horst Seehofer von der CSU, flankiert zu werden.
It ain’t over ‚till the Krawallonkel sings
Seine persönliche Kommunikationsstrategie bleibt derweil altbewährt. Kubicki war nie der strategisch filigrane Hinterzimmer-Strippenzieher. Er war der burschikose Mann des Volkes, der unangenehme Wahrheiten ausspricht. Mitunter vor allem unangenehm für ihn selbst. Einige seiner Einlassungen zu Pandemie-Politik, AfD-Abgrenzung, Klimawandel oder Cancel Culture blieben wenig konsensfähig.
Dass Kubicki ausgerechnet an Ostern preisgab, die Auferstehung der FDP zu organisieren, mag Zufall sein. Sein oftmals populistisches Talent im Provozieren von Schlagzeilen jedoch ist noch voll funktionsfähig. So stand er diese Woche mit Sonnenbrille und Polohemd vor einer Tankstelle auf Mallorca und grantelte, er würde dort „Super für 1,55 Euro tanken!“ Dieses emotionalisierende Polarisierungskonzept könnte aufgehen. Der Liter Super kostet heute in Deutschland etwa 2,25 Euro. Eine Rechnung, die jeder versteht. Tanke ich mein SUV mit 70 Litern voll, zahle ich an meiner örtlichen Zapfsäule aktuell fast 50 Euro mehr als Kubicki auf Mallorca.
Der Vorschlag, zum Tanken in preisspiralentechnisch anspruchsvollen Zeiten gelegentlich nach Mallorca zu fahren, wäre also ein typischer FDP-Ratschlag: Auf dem Papier logisch, in der Realität vollkommen undurchführbar für alle, die nicht Multimillionär sind. Daher nutzt Kubicki sein Billigsprit-Fundstück lieber für einen politischen Rundumschlag. Denn er weiß: Geht es dem Bewohner des Autolandes Deutschland an den eigenen Geldbeutel, ist er für einfache Lösungen zugänglich. Also erklärt Kubicki sogleich das Patentrezept für mallorquinisches Preisflair auch am Heimatmarkt: „Man kann schlicht und einfach die Mineralölsteuer senken!“ So haben es beispielsweise Italien, Österreich, Portugal und Spanien gemacht, nur Lars Klingbeil sträubt sich.
Ob Spritpreis-Pöbelei ausreicht, um die Freien Demokraten aus dem Tal der Wahlabendtränen zu führen, bleibt abzuwarten. Zunächst muss Heilsbringer Kubicki ja überhaupt zum Parteivorsitzenden gekürt werden. Gelingt ihm der Sprung auf den FDP-Thron, wird der Uli Hoeneß der Bundespolitik die Abteilung Attacke persönlich übernehmen. Um täglich im Gespräch zu bleiben, klappert er dann von „Nius“ bis „Zeit“ das gesamte Spektrum der publizierenden Industrie ab. Immer auf der Suche nach der nächsten Titelseitenempörung. In der Tradition von Gentlemen-Politikern wie Hans-Dietrich Genscher, Hildegard Hamm-Brücher, Walter Scheel oder Theodor Heuss mag das krawallig klingen. Die Idee, damit am immer breiter werdenden, rechtspopulistisch angehauchten Rand einige Prozente abzufischen, mit denen die FDP dann den Sprung über die nächsten 5-Prozent-Hürden schafft, könnte allerdings aufgehen. So oder so: Für die Edelfedern der politischen Analyse (und mich) wird es mit Wolfgang Kubicki am FDP-Ruder zumindest nicht langweilig.
Source: n-tv.de