Berlin | Mainstream welcher Minderheiten: Zum Ende welcher Phase Shermin Langhoff am Gorki Theater

Endet abrupt die Ära eines der einflussreichsten Theaterprojekte der letzten 25 Jahre? Oder ist der Staffelstab längst weitergereicht? An Berlins Maxim Gorki Theater steht ein Intendanzwechsel bevor, der nicht weniger als einen Epochenbruch bedeuten könnte.

Am kleinsten der großen Hauptstadttheater hat die Intendantin Shermin Langhoff mit einem Kernteam aus Regisseur*innen und Schauspieler*innen das postmigrantische Theater in den Mainstream eingeschrieben. Ungehörte Geschichten wollten Langhoff und Co. erzählen, die das postmigrantische Projekt schon 2008 am Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße gestartet hatten.

Eine der ikonischen Inszenierungen der frühen Jahre war 2010 Verrücktes Blut. Eine Lehrerin möchte mit ihrer Schulklasse Friedrich Schillers Die Räuber und Kabale und Liebe lesen, ist aber mit zahlreichen Konflikten konfrontiert, die außerhalb der Schule schwelen. Themen wie der Clash der Generationen, die Emanzipation junger Frauen gegen den Willen der Väter oder Ehrenmord ließen den Klassiker erstaunlich zeitgenössisch wirken.

Shermin Langhoffs Intendanz war ein Paradigmenwechsel

Und manches, was nicht nur in damaligen Debatten als rein migrantische Problemlage erschien – Stichwort: Sarrazin und sein Buch Deutschland schafft sich ab, das im selben Jahr erschien und fast ein halbes Jahr lang die Bestsellerlisten dominierte –, wurde in diesem rabiat komischen Sozialdrama mit Schiller anschlussfähig an die deutsche Geschichte.

Eine Einladung zum Theatertreffen beglaubigte den Erfolg – und 2013 wurde Shermin Langhoff die erste Intendantin mit migrantisch geprägter Biografie an einem von Deutschlands rund 140 Stadt- und Staatstheatern. Ein Paradigmenwechsel.

„Der Kirschgarten“ macht den Auftakt

Zum Auftakt eignete sich das neue Gorki gleich einen weiteren Theaterklassiker an: Anton Tschechows Kirschgarten. Für die Regie zeichnete Nurkan Erpulat verantwortlich, der auch Verrücktes Blut inszeniert hatte. Jens Hillje, Dramaturg der Schiller-Adaption und zuvor schon an einflussreichen Berliner Theater-Neugründungen wie der Baracke am Deutschen Theater und der Schaubühne von Thomas Ostermeier beteiligt, war Mitglied der Gorki-Theaterleitung.

Mit dem Kirschgarten knüpfte das Gorki-Team an den selbstironisch-rotzigen Gestus des smarten, unterschätzten Underdogs an, mit wohlkalkulierten Effekten: Zu Beginn von Der Kirschgarten trat eine Schauspielerin im Hijab auf, setzte sich ans Klavier und stimmte Chopin an, als spielerischer Konter gegen Sarrazins gegen Migrant*innen gerichtete Unterlegenheits-Thesen, die Rassismus in Teilen der deutschen Gesellschaft wieder salonfähig machten und aus heutiger Sicht einer Partei wie der AfD den Boden bereiteten.

Der Kern des Gorki-Stils

Nurkan Erpulat blieb über die zwölf Spielzeiten von Shermin Langhoffs Intendanz ein zentraler Regisseur des Hauses. Gemeinsam mit Hakan Savaş Mican stand er für den Kern des Gorki-Stils ein. Glänzen konnte das Gorki mit einem starken Ensemble, in dem das Zusammenspiel stets wichtiger war als Soli und Starallüren. Entstanden ist eine sehr eigene Spielweise, die routiniertes Komödiant*innentum mit einer humanistischen Werteorientierung verbindet.

Ohne Scheu rückte sich das Gorki in die Nähe des Boulevardtheaters, verstand Unterhaltung als Auftrag und nicht als Pfui-Faktor wie in manch gehobenen Sprechtheatern. Die Inszenierung von Der Kirschgarten etwa kam nicht mit der gepflegten Gutsbesitzer-Melancholie eines bürgerlichen Tschechow daher, sondern als knallbunte Farce auf eine Umbruchzeit, wie vom Autor intendiert.

Die dritte Generation

Viele Spieler*innen blieben dem Haus über Langhoffs Intendanz hinweg treu: etwa Sesede Terziyan, die schon in Verrücktes Blut die Lehrerin gespielt hatte und sich in Unser Deutschlandmärchen mit wirkmächtiger Gesangsstimme präsentierte, oder Çiğdem Teke, die in vielen der Ensemble-Inszenierungen tragende Rollen übernahm.

In der jüngeren Generation spielten sich Aysima Ergün und Vidina Popov mit krachend kluger Komik in die erste Reihe, etwa in Sebastian Nüblings Inszenierungen nach Sibylle Berg.

Daneben waren auch aus Film und Fernsehen bekannte Spieler im Ensemble. Berlinale-Shooting-Star Jonas Dassler reüssierte in der Neuaufführung der 1920er-Jahre-Revue Alles Schwindel am Theater, der Protagonist der Känguru-Chroniken, Dimitrij Schaad, schrieb für Yael Ronens Neuadaption ihres Nahostkonflikt-Stücks Third Generation im Jahr 2019 einen eigenen Wutbürger-Monolog.

Romane auf der Theaterbühne

Als zentral im Spielplan mit seiner stadttheatergemäßen Vielfalt erwiesen sich in der Ära Langhoff die Roman-Adaptionen migrantisierter Autor*innen: Der Russe ist einer, der Birken liebt nach Olga Grjasnowa, Im Menschen muss alles herrlich sein nach Sasha Marianna Salzmann, Dschinns nach Fatma Aydemir oder Get Deutsch or Die Tryin’ nach Necati Öziri.

Ideal eingelöst waren Anspruch und Umsetzung des postmigrantischen Theaters in Unser Deutschlandmärchen, einer Musical-Version von Dinçer Güçyeters brillantem und preisgekröntem Gastarbeiter-Roman, der 2022 erschien.

Realität und Fiktion standen in bestem Einklang: Nach der Premiere kam Güçyeters Mutter, die Hauptfigur des autofiktionalen Romans, mit auf die Bühne – und der tosende Applaus galt auch einer exemplarischen, lang übersehenen Biografie, hatte sie doch über Jahrzehnte in den Fabriken Deutschlands Wohlstand erschuftet.

Dunkle Phasen und Krisen

Während die Anerkennung für das Unterfangen wuchs, gab und gibt es in der Langhoff-Ära auch dunkle Phasen und große Krisen. 2019 verließ Ko-Intendant Jens Hillje das Haus. Zeitgleich mehrten sich die Beschwerden über machtmissbräuchliches Verhalten und das explosive Temperament der Intendantin.

Die Erfolgsgarantin und Hausregisseurin Yael Ronen, die mit Arbeiten wie Roma Armee und Slippery Slope Musical-Antworten auf die Rassismus- oder die MeToo-Debatte ersann, wechselte an die Schaubühne, ebenso wie Falk Richter, der mit Small Town Boy oder In My Room am Gorki stilprägende Inszenierungen übers Schwulsein herausbrachte.

Die designierte Nachfolgerin: Çağla Ilk

Berlins Kultursenator Joe Chialo ließ Shermin Langhoffs Vertrag auslaufen und berief vor seinem eigenen unrühmlichen Abgang Çağla Ilk zu Langhoffs Nachfolgerin ab Herbst 2026. Ilk ist selbst ein „Gorki-Gewächs“, war Dramaturgin und Kuratorin des Herbstsalon, einer biennalen Ausstellung, die ihr den Weg in die Museumswelt ebnete und zuletzt im Oktober 2025 stattfand.

2024 kuratierte Çağla Ilk bei der Kunstbiennale in Venedig den Deutschen Pavillon, unter anderem mit einem Werk von Ersan Mondtag, auch er ein Gorki-Regisseur, der mit Das Rote Haus zum Ende der Intendanz Langhoff noch einmal Berlins Gastarbeitergeschichte feierte. Was Çağla Ilk an der Hochburg des postmigrantischen Theaters plant, ist zwar bisher nicht klar, aber vielerorts Gegenstand etlichen Gemunkels.

Finanzlücken im Etat?

Wird das Haus zur „Eventbude“, in der das Schauspiel-Ensemble eine Marginalie wird und Hybridformate zwischen Theater und bildender Kunst stattfinden? Als Schimpfwort ist die Eventisierung eines Ensemble- und Repertoiretheaters in Berlin mit der gescheiterten Volksbühnen-Übernahme des belgischen Kurators Chris Dercon verbunden. Ein ähnliches Szenario möchte man Ilk und dem Gorki nicht wünschen.

Unübersehbar aber sind die offenen Flanken des Theaters. Zuletzt kam es öffentlichkeitswirksam zu Zerwürfnissen zwischen Leitung und Belegschaft. Der Personalrat des Gorki verklagte im Februar Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson, weil sie bei der geplanten Fusion der Gorki-Gewerke mit dem zentralen Bühnenservice gewerkschaftlich verbriefte Mitwirkungsrechte vernachlässigt habe.

Sowohl das Gorki Theater wie die Berliner Volksbühne kämpfen derzeit um den Erhalt der eigenen Werkstätten. Von Shermin Langhoff gab es dazu keine wesentliche Einlassung, ihre Mitarbeiter*innen scheinen allein dazustehen.

Wenige Tage später stachen „gut informierte Quellen“ ein beträchtliches Finanzloch an die Presse durch, das sich nach einer Intervention des Landes, des Trägers des Theaters, sogleich wieder in Luft auflöste. Hat Shermin Langhoff für ihre opulente Abschiedsspielzeit den Etat überzogen? Das bleibt jedoch, da wesentliche Dokumente nicht veröffentlicht werden, Spekulation.

Lücken im Repertoire

Klar ist, dass mit dem Amtsantritt von Çağla Ilk bis auf eine Person das gesamte Gorki-Ensemble geht – oder gegangen wird. Damit ist wohl auch das Repertoire hinfällig.

Eine teilweise Übernahme von Erfolgsstücken ist bei einvernehmlichen Intendanzwechseln üblich und wäre angesichts der Gorki-Bedeutung angezeigt. Hier reißen Lücken im Berliner Angebot auf: Nurkan Erpulat beklagte den Verlust seiner „künstlerischen Heimat“.

Auch von Streit hinter den Kulissen ist zu hören. Shermin Langhoff und Çağla Ilk, die einst persönlich befreundet waren, sollen sich entfremdet haben und eher gegeneinander denn miteinander arbeiten.

Unklare Zukunft für das postmigrantische Theater

Unklar ist die Zukunft des Studio R, der experimentellen Spielstätte, an der unter anderem der wegweisende aktuelle Abend zum Nahostkonflikt, Between the River and the Sea von Yousef Sweid, entstanden ist; mit exemplarischer Finesse manövriert er die Fallstricke des zwischen Pro-Palästina- und Pro-Israel-Fraktionen zerriebenen Diskurses. Ein Stück der Stunde.

Sollte Çağla Ilk die postmigrantischen Fäden nicht aufnehmen und komplett andere Akzente setzen, wäre das Gorki Langhoff’scher Prägung perdu. Zugleich sind andernorts längst Ableger gesprossen: Am Schauspiel Essen etwa setzt Intendantin Selen Kara seit 2023 die Idee des postmigrantischen Mainstreamings unter dem Motto „Neues Deutsches Theater“ fort.

Shermin Langhoff selbst verwendete zur Spielzeiteröffnung im Herbst 2025 diesen Begriff und adelte damit gleichsam eine Nachfolgerin. In Berlin aber scheint sie ihre eigene Arbeit nicht neu verankert zu haben. Im Mai, nach der Spielplanvorstellung von Çağla Ilk, wird die Öffentlichkeit mehr wissen. In welcher Form auch immer: Dabei wünscht man einem der einflussreichsten Theaterprojekte der letzten 25 Jahre eine Zukunft.

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