Am Donnerstag regnete es in Berlin, wobei Regen das falsche Wort ist: Es war, als käme die Spree von oben heruntergekracht auf das Kunstpublikum, das bei der Gallery Night der Berlin Art Week von Galerie zu Galerie zog. Das Wasser stürzte in Wellen über die Regenrinnen, und die Leute sahen binnen weniger Sekunden aus, als kämen sie vom Besuch einer Unterwassermesse, alles hing nass an ihnen herab, Mäntel, Haare, Kataloge, Mundwinkel, was ein ganz gutes Bild von der Stimmung am Kunstmarkt abgab, wie einige Analysten ihn sehen.
Die Prognosen sind düster, die Kunst ist gut
Der Handel schrumpft noch stärker als im Vorjahr, hohe Betriebskosten machen kleineren Händlern und Galeristen das Leben schwer, die Fachpresse klagt, dass der Kunstanteil im Vermögensportfolio von HNWIs, also „High Net Worth Individuals“, laut „Art Basel & UBS Art Market Report“ von 24 Prozent im Jahr 2022 auf 15 Prozent im vergangenen Jahr gesunken sei.
Wundersamerweise ist von der allgemeinen Kunstkaterstimmung auf der Berlin Art Week, mit der die dortige Kultursaison eröffnet, kaum etwas zu spüren. In den Hallen des Hangar 7 des ehemaligen Flughafens Tempelhof findet wie immer die Messe Positions statt, bei der 75 Galerien aus 19 Ländern vertreten sind, diesmal besonders viele aus Japan. Vor allem aber beweisen die Berliner Galerien, dass trotz High-Net-Worth-Individual-Mangels und dem rituellen Gejammer über den Niedergang von Berlin hier immer noch erstaunliche Mengen interessanter Kunst zu finden sind, gerade bei den jüngeren Galerien.
Eine der Entdeckungen dieser Art Week ist das Werk von Carolyn Lazard bei Trautwein Herleth: Lazard hat aus den Nachlässen verstorbener Ärzte die Werbekugelschreiber von Pharmaherstellern aufgekauft – bei manchen waren es Hunderte – und hat sie an den Wänden als wie aus Stäben zusammengesetzte, pointillistisch wirkende Bilder im Format klassischer Schlachtengemälde präsentiert (9.000 bis 32.000 Dollar). Eine Schlacht ist auch hier dargestellt: Jeder Stift allein ist schon ein Designobjekt, dessen Farbe, Beschriftung und Form viel darüber erzählt, wie die Pharmaindustrie in verschiedenen Dekaden mit unterschiedlichen ästhetischen Strategien ein Bild von Kompetenz und Wirksamkeit erzeugen wollte.
Porträt eines Arztes und einer ganzen Gesellschaft
In der Ballung sind all diese Stifte das aus Einflussnahmeversuchen zusammengesetzte Porträt eines Arztes – aber auch ein eindrucksvolles Bild aktueller Machtstrukturen im Gesundheitswesen und der von Arzneimittelfirmen befeuerten Welle massenhafter Verschreibungen, die Amerika unter anderem in seine Opioidkrise gestürzt hat. Wo sich bei Damien Hirsts Tablettenkästen Schrecken und Schönheit noch die Waage hielten, rücken hier die Täter, der Verschreiber und die Industrie hinter ihm, in den Mittelpunkt. In einem grellgrün erleuchteten Raum sind die Worte „fine print“ – Kleingedrucktes – zu lesen; verlässt man den Raum, wirken die weißen Galeriewände des Nebenraums plötzlich grell rosa: der subjektive Nachbildeffekt lässt, wie viele Medikamente, die Realität anders aussehen, als sie ist. So ist Lazards Arbeit auch eine über die Bedingungen des Sehenkönnens selbst.
Um Nachbilder geht es auch nebenan bei Kraupa-Tuskany Zeidler: Pieter Schoolwerth hat alle Werke, die in den vergangenen dreizehn Jahren dort ausgestellt wurden, zu Kollagen verarbeitet, diese abgemalt, fotografiert und die vergrößerten Fotografien schließlich wieder übermalt, was schöne Rückkopplungen zwischen Abbild und Original erzeugt. In diesem Prozess wurden die Vorlagen immer weniger erkennbar, es entstanden Bilder, die Farb- und Formvorlieben, kurz die ästhetische Atmosphäre eines bestimmten Moments, eines Jahrzehnts erkennbar macht – hier vor allem Neon- und Pastellfarben.
Raubbau an der Natur
Zu den Entdeckungen gehört auch der 1995 geborene Arhun Aksakal, der in der erstaunlichen, in einem Moabiter Hinterhof kaum zu findenden Ebensperger Kapelle eine formal beeindruckende Filmarbeit zu den Folgen menschlichen „Terraformings“ zeigt; seine Aufnahmen von Kalisalzbergen, einer „Ferropolis“ und den überfluteten Ruinen einer antiken türkischen Stadt wirken wie Gemälde menschgemachter Desaster.
Und sonst? Bei Max Hetzler werden die abstrakten, an unvollendete Torsi erinnernden Skulpturen von Hans Josephsohn großformatigen Gemälden von Günther Förg gegenübergestellt, deren Farbflächen sich durch einen schnellen Malduktus und grobe, netzartige Rasterungen auszeichnen und wie die Skulpturen eine Ästhetik des Non-Finito umkreisen (750.000 Euro / 300.000 Franken). Bei Werner sind „Selbstporträts“ von A.R. Penck zu sehen, dessen Bedeutung für die neuere Malereigeschichte vielen erst jetzt klar wird.
Malerei ist überhaupt stark vertreten: bei CFA sind die Werke der Brasilianerin Marcia Falcao zu sehen, die mit einem eigenwillig dringlichen Sfumato Szenen urbaner Gewalt und Porträts brasilianischer Frauen malt, bei Artefact Annina Roescheisens Echos japanischer Tuschemalerei;
Sprüth Magers zeigt die finnische Malerin Henni Alftan, die reduzierte, mal magisch-realistische, mal signet- hafte, kühle Bilder etwa von einem Flutdesaster schafft, bei dem kaum noch erkennbare Autos im Wasser treiben. Die Galerie Walther Storms, ein Neuzugang in Berlin, zeigt die intensiv leuchtenden Farbflächen- und Diagonalstreifenbilder von Günther Frühtrunk (ab 85.000 Euro). Wer unter Malerei eher klassische Landschaftsdarstellungen versteht, wird bei Gräfe fündig, wo sich neben Aktzeichnungen zauberhafte Landschaftsaquarelle von Lotte Laserstein aus den späten Dreißigerjahren finden (10.900 Euro).
Noch älter wirkt auf den ersten Blick, was die Galerie Neu zeigt – Louis Fratinos Bronzen und Terrakotta-Plastiken von jungen Männern, die sich an kunstgeschichtlichen Vorbildern orientieren. Erst auf den zweiten Blick sieht man den Tausch der Rollenmodelle und die neuen Lebensentwürfe in den alten Formen: An einer Stelle sitzt ein nackter Mann wie eine Madonna mit Kind da und reklamiert in einem Moment, in dem homosexuelle Paare in Italien keine Kinder mehr adoptieren dürfen, jene Freiheiten, für die die Kunststadt Berlin auch einmal bekannt war.
Berlin Art Week, bis 14. September, Ausstellung darüber hinaus
Source: faz.net