Bergbau in Ostdeutschland: Die Wismut traut sich eine neue Rolle zu

Ein ehemaliger Bergbauriese mit komplizierter Vergangenheit im Erzgebirge will seine Kräfte für die Rohstoffversorgung Deutschlands einbringen: Die bundeseigene Wismut GmbH, die seit 1991 die milliardenschweren Altlasten des Uranerzbergbaus in Sachsen und Thüringen saniert, die in der DDR noch von der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft Wismut verursacht wurden, traut sich in Zukunft wieder eine aktivere Rolle im Bergbau zu.

„Es geht am Ende um Beiträge zur Rohstoffversorgung für Deutschland“, sagte Michael Paul, der technische Geschäftsführer der Wismut, anlässlich eines Besuchs von Stefan Rouenhoff (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. „Dafür brauchen wir aber ein klares Mandat“, sagte Paul, der in Berlin um Unterstützung für eine Erweiterung des Gesellschaftszwecks über die Sanierung von Altlasten aus dem Uranerzbergbau hinaus wirbt.

„Staat im StaatE“

Rouenhoff, der auf einer „politischen Rohstoffreise“ durch Deutschland Mitte Dezember auch am Standort von Wismut im sächsischen Hartenstein Station machte, wo das sowjetisch-deutsche Vorgängerunternehmen während des Kalten Krieges eines seiner größten Bergwerke unterhielt und Uranerz für die sowjetische Atomindustrie aus bis zu 2000 Meter Tiefe förderte, betonte die Herausforderungen der neuen geopolitischen Lage für die Rohstoffversorgung. „Wir müssen mehr für die Diversifizierung unserer Rohstofflieferbeziehungen unternehmen, wir müssen aber auch die heimische Rohstoffgewinnung forcieren“, sagte er. Dabei könne auch die Wismut mit ihrem in Deutschland einzigartigen Know-how eine Rolle spielen. „Welche Rolle konkret, werden wir in den nächsten Monaten intensiv diskutieren“, sagte der Staatssekretär.

Auch wenn die künftige Rolle der Wismut noch offen ist – ihre Vergangenheit ist im Erzgebirge allgegenwärtig. Die Anfänge des Unternehmens fallen mit dem Beginn des Kalten Kriegs zusammen. Zwischen 1947 und 1990 lieferte das Bergbauunternehmen, das den Namen eines unverdächtig silberweißen Metalls trägt, obwohl es von Anfang an allein um radioaktives Material ging, rund 220.000 Tonnen Uran an die sowjetische Atomindus­trie. Die DDR war in dieser Zeit der international viertgrößte Uranproduzent. Mit zeitweise mehr als 200.000 Beschäftigten zählte das 1947 noch als sowjetische Aktiengesellschaft gegründete Unternehmen zu den größten Arbeitgebern in der DDR. Auch als sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft von 1954 an galt die Wismut als „Staat im Staate“. Die Gesellschaft mit Sitz in Chemnitz verantwortete in dieser Zeit riesige Umweltschäden. Viele Bergarbeiter der Wismut waren unter unzureichenden Arbeitsbedingungen großen Gefahren ausgesetzt und trugen schwere Gesundheitsschäden davon.

Neue Rolle nach der Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung schlüpfte das Unternehmen in eine neue Rolle. Im Dezember 1991 wurde der Bergbauriese mit damals immer noch fast 28.000 Beschäftigten in eine Gesellschaft deutschen Rechts umgewandelt, deren Zweck bis heute die Sanierung der Altlasten aus dem Uranbergbau ist. Schon wenige Monate später wurden zahlreiche Neben- und Hilfsbetriebe als Deutsche Fertigungs- und Anlagenbaugesellschaft mbH abgespalten und später zum Teil privatisiert. Die Belegschaft der Wismut schrumpfte innerhalb eines Jahres auf knapp 7000 Mitarbeiter. Seither hat das bundeseigene Unternehmen mehr als sieben Milliarden Euro für die Sanierung von rund 300 Millionen Kubikmeter Bergematerial und für die Verwahrung von mehr als 160 Millionen Kubikmeter Schlamm aufgewendet, die über Jahrzehnte im Uranerzbergbau und in der Aufbereitung von Uranerz in der DDR entstanden waren.

Bis 2050 werden die Kosten für die Sanierung laut Langfristplanung auf knapp neun Milliarden Euro steigen. Die Anlagen der Wismut für die Reinigung kontaminierter Wässer werden noch lange danach in Betrieb sein, und auch der Grubenlüfter, der die Tallage von Bad Schlema seit Jahren vom radioaktiven Gas Radon freihält, muss weiterlaufen. Unter dem Eindruck der wachsenden Herausforderungen für die Rohstoffversorgung denkt das Unternehmen trotzdem über eine neue Rolle nach. Denn die großen Sanierungsprojekte werden nach Einschätzung von Wismut-Geschäftsführer Michael Paul bis 2028 abgeschlossen sein. „Jetzt brauchen wir Klarheit: Wollen und dürfen wir uns in eine neue Richtung entwickeln und dafür auch Ressourcen einplanen, oder ist das nicht gewünscht?“, fragt er.

Perspektiven für das Erzgebirge

Beantworten muss die Frage der Bund. Der Aufsichtsrat soll sich schon im Frühling damit befassen. „Das Zeitfenster ist offen. Wenn wir das wollen, müssen wir das im nächsten Jahr aber auch durchgehen“, sagt Max Jankowsky, Unternehmer aus dem Erzgebirge und Präsident der IHK Chemnitz. Er gehört seit 2024 dem Aufsichtsrat der Wismut an. In einer Erweiterung des Gesellschaftszwecks sieht er eine Chance für Deutschland. „Die jahrzehntelange Erfahrung der Wismut in der Bergbausanierung ist weltweit gefragt, das bringt uns zurück an den Verhandlungstisch“, sagt er mit Blick auf die internationale Rohstoffdiplomatie. Zusätzlicher Handlungsspielraum für die Wismut schaffe aber auch Perspektiven für das Erzgebirge, wo das Unternehmen immer noch ein wichtiger Arbeitgeber ist. „Das Thema Rohstoffe könnte mit der Wismut eine Erfolgsgeschichte für den Osten werden“, sagt Jankowsky.

Ideen für Beiträge zur deutschen Rohstoffwirtschaft hat die Wismut viele. Das fängt an mit der systematischen Digitalisierung von Daten aus mehr als 40 Jahren Erkundungsarbeit im Erzgebirge. Schon heute profitieren Bergbauprojekte von diesem Datenschatz. Ein Beispiel ist das Unternehmen Saxony Minerals & Exploration (SME), das vor etwas mehr als einem Jahr vom sächsischen Oberbergamt in Freiberg die erste Zulassung für den Rahmenbetriebsplan zu einem neuen Bergwerk in Sachsen seit der Wende erhalten hat. Für eine Erkundung des Vorkommens, das SME in Pöhla erschließen will, hätte das Unternehmen ohne die Daten aus dem Archiv der Wismut nach eigenen Angaben rund 180 Millionen Euro investieren müssen.

Potential in der Wertstoffgewinnung

Ein Vorhaben wie das Bergbauprojekt von SME im westlichen Erzgebirge, wo das Unternehmen Wolfram, Zinn und Flussspat fördern will, könnte die Wismut auch mit bergmännischem Wissen unterstützen. „Wir waren in dieser Lagerstätte vor 40 Jahren schon einmal drin und mussten die geotechnischen Schwierigkeiten anerkennen“, sagt Geschäftsführer Michael Paul. Die Wismut hält in der Region, in der auch die Saxore Bergbau GmbH ein Bergwerk plant, altes Bergwerkseigentum. „Wir könnten die beiden unabhängigen Projekte unterstützen und mit einem Mandat des Bundes ein Leuchtturmprojekt für Deutschland daraus machen“, sagt Paul.

Potential sieht er auch in der Wertstoffgewinnung aus Bergbaurückständen der Wismut, die auf die Zeit des Uranerzbergbaus zurückgehen. „Da steckt das ganze Periodensystem drin, Seltene Erden eingeschlossen“, sagt Paul. Die Rückstände, die jedes Jahr aus dem Grubenwasser des ehemaligen Bergwerks im sächsischen Königstein anfallen, wo die Wismut nach dem Ende des konventionellen Bergbaus Uranerz mit Säure aus dem Sandstein löste, enthielten etwa ein Zehntel des jährlichen Scandium-Bedarfs weltweit. Das Leichtmetall kommt unter anderem als Legierungsbestandteil in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz. „Da geht es aber nicht nur um Rückgewinnung, das ist auch ein interessantes Feld für Start-ups und die Entwicklung neuer Technologien“, sagt Paul.

„Das war ein Ritterschlag für uns“

Unterstützung für die deutsche Rohstoffstrategie könne die Wismut auch auf dem internationalen Parkett leisten, sagt er. In den vergangenen 25 Jahren habe sich das Unternehmen in mehr als 50 internationalen Projekten auf allen Erdteilen auch jenseits des Uransektors einen Namen gemacht. Mit der Internationalen Atomenergiebehörde hat das Unternehmen nach mehr als zwanzigjähriger Zusammenarbeit erst vor wenigen Monaten ein Kooperationsabkommen geschlossen. „Das war für uns der Ritterschlag“, sagt Paul. Im Rahmen der jüngsten Bergbautagung der Wismut, die das Unternehmen alle vier Jahre veranstaltet, wurden 2023 auch Kontakte zum staatlichen chilenischen Kupferbergbaukonzern Codelco geknüpft, mit dem die Wismut ein Pilotprojekt umsetzen möchte. Eine Repräsentanz in Südamerika ist bereits geplant. „Das hilft uns in der Sache, das hilft uns aber vielleicht auch politisch“, sagt Paul mit Blick auf die internationale Rohstoffdiplomatie.

Zunächst ist aber die Politik in Berlin am Zug. „Der erste Schritt ist, unser Mandat zu erweitern, damit wir Beiträge für die Entwicklung der deutschen Rohstoffwirtschaft leisten können“, sagt Paul. Er schloss sich 1991 dem bundeseigenen Sanierungsbetrieb Wismut GmbH an, kennt aus seiner Zeit als Lehrling im Uranbergbau Anfang der 1980er-Jahre aber auch die alte Wismut. Später studierte er Geologie an der Universität Greifswald. In seiner Dissertation beschäftigte sich Paul mit einem der ehemals größten Nickel-Vorkommen in Europa zwischen Chemnitz und Zwickau.

Reichen die aktuellen Zuwendungen des Bundes für eine aktivere Rolle der Wismut in der deutschen Rohstoffwirtschaft? „Wenn der erste Schritt gemacht ist, werden wir uns mit dem Gesellschafter auch über die Allokation von Finanzmitteln einigen“, sagt Paul. Im vergangenen Jahr haben der Bund und das Land Sachsen die Sanierungsarbeit der Wismut mit Zuwendungen in Höhe von 145 Millionen Euro finanziert.

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