Ben Shattucks Erzählband: Jeder zweite Satz ein Geständnis

Eine abgelegene Farm im Nordosten von Nantucket, einer Insel vor der Küste von Massachusetts, etwa fünfzig Kilometer südlich von Cape Cod. Im achtzehnten Jahrhundert war Nantucket eines der wichtigsten Zentren des Walfangs, in Melvilles „Moby-Dick“ sticht Kapitän Ahab von hier aus in See. Die Farm liegt ganz im Nordosten der Insel: Dünen, Salzwiesen, Kiefernwälder, Robben, Schafe, seltene Küstenvögel bestimmen die Szenerie – und eine Zeit, die sich mehr in den Formationen der Wolken und Wellen als in dem Schlagen der ­Uhren offenbart. Es ist der 31. Mai 1796, aber was heißt ein solches Datum schon? Das Entscheidende ist, dass es an diesem Morgen geregnet hat und Pfützen auf dem Sand stehen. „Nantucket beginnt und endet mit dem Wetter.“

Eine junge verwitwete Mutter und ihr zwanzigjähriger Sohn reiben einen blinden Gaul mit Öl ein, damit die Flöhe es ihm nicht so schwer machen. Aus der Ferne nähert sich ein Paar: ein Mann mit seiner neuen Frau, der noch einmal die alte Geliebte besuchen will. Vor zwanzig Jahren sind sie auseinandergegangen, damals, als noch eine Chance auf gemeinsames Glück bestand, haben sie sich nicht getraut. Am Anfang haben sie einander unzählige Briefe geschrieben, aber mit den Jahren wurden sie weniger, und jetzt, zwei Jahrzehnte später, ist die Chance für immer vorbei. Geblieben ist nur die Er­innerung an etwas, das möglich gewesen wäre. Und eine alte Anziehung, die sich in errötenden Wangen und einer zärt­lichen Nennung ihrer Namen zeigt. Die beiden alten Geliebten sitzen vor dem Feuer. Die neue Frau ist nach oben gegangen, der Sohn kocht eine Ente und geht ins Bett. Ein kleines Bild, das der fremde Mann mitgebracht hat, bleibt am nächsten Morgen auf dem Kaminsims stehen: ein Vogel mit einem blauen Band am Bein.

Ben Shattuck: „Eine Geschichte der Sehnsucht“Hanser Verlag

Nicht mehr. Mehr nicht. Kein weiteres Geschehen folgt. Es ereignet sich nichts in dieser stimmungssouveränen Erzählung von Ben Shattuck. Und doch scheinen zwischen den beschreibenden Zeilen die größten inneren Ereignisse auf: der Krieg, der den von grausamen Gewalteindrücken heimgesuchten Vater in den Selbstmord getrieben hat. Die Reue einer Frau, die sich für das falsche Leben entschieden hat und ihre Versäumnisse nun nicht mehr aufholen kann. Das schmerzende Gefühl eines Sohnes, der plötzlich erkennen muss, dass seine Eltern sich nie geliebt haben. „Wenn man genau genug hinhöre, sei jede Geschichte ein Geständnis“, heißt es einmal im Text. Wenn man dieser Geschichte genau genug zuhört, dann hört man Geständnisse aus jedem zweiten Satz. Es sind Zeugnisse aus einer anderen Zeit, und doch verstehen wir sie ohne Umstände. Die Technik, das Recht und die Erkenntnisse, all das ­ändert sich, aber die Stimmungen der Menschen, die ändern sich nicht.

Verbindung zweier Stimmungsszenen durch einen Vogel

Deshalb schließt sich ein zweites Kapitel an, das in unserer Gegenwart spielt. 2008 fährt ein junger Maler in das Haus seiner Großmutter auf ebenjener Insel. Im alten Kamin findet er ein geheimnisvolles Ding, das sich bald als Lustobjekt herausstellt. Im lokalen Heimatkundemuseum erklärt ihm die Kuratorin, dass es sich bei der kammgroßen Keramik um einen Dildo handele, den die Walfänger ihren Frauen aus China mitbrachten, damit sie ihnen über die langen Monate ihrer Abwesenheit hinweg treu blieben. Aus dem Gespräch über die weibliche Lust entsteht eine kurze erotische Undeutlichkeit.

Die in ihre Siebzigerjahre gekommene Frau lädt den jungen Mann zu sich nach Hause ein, versucht sich, so scheint es, noch einmal in der Kunst der Verführung. Lasziv setzt sie sich auf einen Stuhl und fleht ihn an, sie zu por­trätieren. Für einen Moment liegt ein Flirren in der Luft, eine unwahrschein­liche Chance eröffnet sich, aber dann bricht sie die Geschichte ab und schickt ihn nach Hause. Und nur das Bild vom Vogel mit dem blauen Band, das sie ihm zum Abschied schenkt, verbindet die beiden Stimmungsszenen über die Jahrhunderte miteinander.

Der 1984 geborene Ben Shattuck, der hierzulande noch nicht bekannt genug ist, dessen Erzählband „The History of Sound“ in den literarischen Kreisen der USA für viel Bewunderung und in Hollywood letztes Jahr sogar für eine Verfilmung mit Paul Mescal and Josh O’Connor gesorgt hat, lebt mit seiner Frau an der Küste von Massachusetts, wo er den ältesten Gemischtwarenladen Amerikas betreibt. Die bewegende Ruhe und präzise Demut, mit der Shattuck schreibt, muss von dieser Umgebung herkommen. Er schreibt im Auftrag all der früheren Dinge, die ein Geständnis ablegen und davon berichten wollen, wie sie da gelandet sind, wo wir sie heute finden.

„Wie macht man, dass etwas, das gar nicht wirklich da war, so echt aussah?“, wird der Maler einmal gefragt. Es ist eine Frage, die man auch an den Autor dieses ebenso kurzen wie sensationellen Erzählbandes richten will. Wie kommt es zustande, dass man seinen Sätzen so unaufhaltsam folgen, seinen Beschreibungen so innig vertrauen und seiner Stimmung so sehr verfallen will? Es muss etwas mit dem Wort im Titel zu tun haben: mit unserer Sehnsucht.

Ben Shattuck: „Eine Geschichte der Sehnsucht“. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2026. 75 S., geb., 18,– €.

Source: faz.net