Matthias Ginter spielt eine richtig gute Saison beim SC Freiburg. Trotzdem wurde er von Julian Nagelsmann nicht für die Länderspiele berücksichtigt. Hier spricht er über seine Enttäuschung – und seine Perspektive aufs DFB-Team.
Matthias Ginter hat in dieser Saison nur ein einziges Pflichtspiel verpasst, in allen anderen 40 Partien stand der Innenverteidiger des SC Freiburg über die volle Distanz auf dem Platz. Dazu weist er mit drei Treffern und fünf Assists eine gute Quote für einen Spieler seiner Position auf. Für Julian Nagelsmann ist das offenbar nicht genug. Der Bundestrainer hatte Ginter nicht für die Länderspiele in der Schweiz (4:3) und gegen Ghana (2:1) nominiert.
Dass Ginter darüber enttäuscht ist, hatte er schon nach Freiburgs Einzug ins Europa-League-Viertelfinale vor zwei Wochen deutlich gemacht. „Wir haben telefoniert. Es ist natürlich enttäuschend“, sagte er damals. Nun erklärt er sich im Interview ausführlich.
Frage: Herr Ginter, haben Sie Ihren Sommerurlaub schon gebucht?
Matthias Ginter: Tatsächlich noch nicht. Das entscheiden meine Familie und ich immer sehr spontan. Der Fußball beeinflusst da natürlich schon so ein wenig das Leben. Nationalmannschaft, ein mögliches Pokalfinale und Vorbereitungsthemen. Das steht ja alles noch nicht fest. Deswegen ist auch noch nichts geplant.
Frage: Sie wurden nicht für die Test-Länderpiele gegen die Schweiz und Ghana nominiert. Julian Nagelsmann hat Ihnen die Entscheidung am Telefon mitgeteilt. Was war Ihr erster Gedanke, als der Bundestrainer am Telefon war?
Ginter: Anspannung. Man hofft natürlich auf positive Nachrichten. Am Ende war es dann verständlicherweise enttäuschend.
Frage: Haben Sie den Trainer Ihre Enttäuschung spüren lassen?
Ginter: Über das Gespräch an sich möchte ich nicht zu viel sagen. So etwas sollte immer intern bleiben. Man kann sich aber auch vorstellen, dass ich danach keine drei Salti gemacht habe. Ich glaube, es ist ganz menschlich, dass ich enttäuscht war.
Frage: Fühlen Sie sich mit Blick auf Ihre starke Saison nicht genügend wertgeschätzt?
Ginter: Doch, Wertschätzung bekomme ich schon. Gerade intern und von den Verantwortlichen, aber auch von der Öffentlichkeit. Aber ich habe selbst neun Jahre in der Nationalmannschaft gespielt, deshalb weiß ich, dass jede Nominierung speziell und auch nicht immer einfach ist für das Trainerteam. Natürlich spielt die Leistung immer eine Rolle, aber eben auch viele andere Faktoren, wie zum Beispiel der Spielertyp, das Vorhaben des Trainers für diesen Zeitraum oder vielleicht auch das Alter.
Frage: Spielt auch der Verein eine Rolle? Freiburg steht weniger im Rampenlicht als andere Klubs.
Ginter: Das würde ich nicht so sagen. Auch Spieler aus Vereinen, die die letzten Jahre unter uns standen und stehen, wurden ja in der Vergangenheit nominiert. Im Gegenteil! Freiburg ist seit Jahren erfolgreich. Daran liegt es, denke ich, nicht.
Frage: Eines dieser Kriterien sollte eigentlich die von Ihnen angesprochene Erfahrung sein. Sie waren bei den letzten drei Weltmeisterschaften dabei, sind der einzige aktive Spieler aus dem Weltmeister-Kader, der eine realistische Chance auf das Turnier hat. Sollte das nicht für Sie sprechen?
Ginter: Das ist ein Kriterium, das entweder bei so einem Turnier gebraucht wird oder eben nicht. Ich merke, dass ich heute in meinem Spiel sehr stark von meiner Erfahrung profitiere. Dann sind es aber Entscheidungen, die man am Ende hinnehmen muss. So war es im Fußball und so wird es auch bleiben.
Frage: Wie schwer ist es, Länderspiele nur im Fernsehen zu verfolgen?
Ginter: Ich bin jetzt seit knapp drei Jahren raus beim DFB-Team. Anfangs war es schon hart. Das ist ganz logisch, wenn man so lange dabei war und dann von heute auf morgen nicht mehr. Die letzten Monate ging es dann aber besser, man schaut dann eher aus entfernterer Perspektive als Fan zu und wünscht natürlich dem Team viel Glück bei den Spielen.
Frage: Ihr Freiburg-Trainer Julian Schuster hat vor einigen Wochen in „Bild“ Werbung für Sie gemacht. Dabei war auch von unterschiedlichen Rollen die Rede, die bei solch einem Turnier wichtig werden können. Welche Rolle würden Sie für sich bei der WM vorsehen?
Ginter: Mit der Frage beschäftige ich mich nicht, weil ich aktuell ja nicht dabei bin, das wäre etwas vermessen. Grundsätzlich habe ich aber schon Titel in verschiedenen Rollen gewonnen – als Leistungsträger, als Stammspieler, als Ersatzspieler. Es kann nicht jeder Spieler gleich viel spielen. Man muss verinnerlichen, dass es um das große Ganze geht. Das ist nicht immer einfach, aber ganz wichtig, vor allem für die Gruppe. Ich wüsste natürlich, dass ich bei einer Nominierung nicht alle Spiele machen würde. Vielleicht wird aber auch noch ein Stoßstürmer gesucht, dann könnte man mich ja auch für die letzten paar Minuten einfach vorne reinschmeißen (lacht).
Frage: Haben Sie noch Hoffnung auf die WM?
Ginter: Die stirbt bekanntlich zuletzt. Ich werde weiterhin das machen, was ich die letzten Wochen und Monate getan habe. Vielleicht muss ich dazu noch mehr Scorer als bisher schon sammeln, oder es braucht einen Titel am Ende der Saison.
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Frage: Und wenn es nicht klappt – ist das Thema Nationalmannschaft dann abgeschlossen?
Ginter: Man sollte nie irgendwas ausschließen. Ich hatte eine sehr schöne Zeit, durfte zwei Titel und eine olympische Medaille mit dem DFB gewinnen. Aber ganz realistisch betrachtet wird es mit dann 34 bei der EM 2028 nicht einfacher. Deshalb gehe ich aktuell davon aus, dass die WM meine letzte große Chance ist bei der Nationalmannschaft.
Frage: Sie stehen mit Freiburg im Pokal-Halbfinale und im Viertelfinale der Europa League. Was sind Ihre Ziele, und welcher Titel wäre Ihnen wichtiger?
Ginter: Es wäre vermessen, jetzt schon vom Titel zu sprechen. Das wäre auch respektlos unseren Gegnern gegenüber.
Frage: Ihr Vertrag läuft bis 2027. Werden Sie Ihre Karriere in Freiburg beenden?
Ginter: Aktuell gibt es noch keine Vertragsgespräche. Aber ich habe immer gesagt, dass ich mir ein Karriereende in Freiburg vorstellen kann.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORTBILD) geführt und erschien zuerst in SPORTBILD.
Source: welt.de