Kurz nach Weihnachten betritt ein etwa neunjähriger Knabe eine Buchhandlung, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen. Sein Pate, ein Dorfprediger, hat ihm einen Gulden für Bücher geschenkt. Eigentlich brauchte er Handschuhe und Strümpfe, doch dafür mag noch etwas bleiben, wenn er vom Neujahrsgeld nur zwölf der sechzehn Groschen für den „Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes“ ausgibt. Es handelt sich um ein Fortsetzungswerk für junge Leser, das Lieder mit Notenbeilagen, moralische Erzählungen, vermischte Wissensstücke in Briefen oder kleine Dramen enthält.
Dieses zwölfbändige Werk erschien als Fortsetzung des doppelt so umfangreichen Periodikums „Der Kinderfreund“ (1775 bis 1782) im Leipziger Verlag von Siegfried Leberecht Crusius. Der Verfasser ist der Leipziger Aufklärer Christian Felix Weiße, der vor dreihundert Jahren im erzgebirgischen Annaberg geboren wurde.
Doch zurück zu dem Knaben, der sich so „hübsche Büchelchen“ wünscht. Er tritt in dem Einakter „Eine Wohlthat ist der andern werth“ auf, den ebenjenes Werk im 1784 erschienenen zweiten Teil enthält, von dem der Knabe gleich sechs Bände verlangt, die aber noch gar nicht vorliegen. Die Selbstbezüglichkeit und Eigenwerbung Weißes geht noch weiter. Da den dem Buch beigefügten Kupferstich Gottlieb Leberecht Crusius, der Bruder des Buchhändlers, nach einem Entwurf von Daniel Chodowiecki angefertigt hat, spricht einiges dafür, hinter dem „Herrn Robert“ im Stück auch Weißes Leipziger Verleger Crusius zu vermuten. Als der Junge sein Geld nicht finden kann und fürchtet, es verloren zu haben, will Herr Robert ihm die Bände schenken.
Von ihm hat Kleist die Idee zum „Zerbrochenen Krug“ übernommen
Der Gelehrte Herr Ellis, auch auf dem Kupferstich im Buch dargestellt, ist weniger zugewandt. Er unterstellt eine mögliche Täuschung des Kindes, um so das Geschenk zu erschleichen. Als der Junge nach einer gründlichen Suche zu Hause mit dem Geld zurückkehrt – der Gulden war zwischen die Seiten der lateinischen Biographien berühmter Männer der Antike von Cornelius Nepos geraten –, hält Ellis das freudige Eingeständnis und die Bereitschaft zur Schuldenabtragung gar für unklug. Doch der Junge beharrt auf seiner ehrlichen Verpflichtung und selbstverständlichen Rechtschaffenheit, die ihm am Ende noch die 24 Bände „Kinderfreund“ als Präsent des Buchhändlers einbringen. Das Kupfer zeigt sie aufgestapelt auf dem Ladentisch. Sein Name „Adelwerth“ hätte diesen erfreulichen Ausgang der Bildungshungergeschichte gleich erwarten lassen.
Natürlich wünschen sich Aufklärer wie Weiße solche lesehungrigen Jungleser. Allzu häufig werden sie nicht gewesen sein, aber es gab sie. Der Titelheld in Karl Philipp Moritz’ fast gleichzeitig erschienenem autobiographischen Roman „Anton Reiser“ ist so einer. Er trägt sein ganzes Geld zum Antiquar, weil Lesen ihm zur Sucht wie den „Morgenländern das Opium“ wird. Auch er studiert ungefähr im Alter von Adelwerth den Cornelius Nepos, kennt Weißes Shakespeare-Adaption „Romeo und Julie“ und will in dessen Komödie „Die Poeten nach der Mode“ mitspielen. Inwiefern die Stücke im „Kinderfreund“ jugendgerecht sind, wird man heute vielleicht verhaltener beurteilen, aufgeführt wurden sie damals aber vor jungem Publikum.
Im sechsten Band von Adelwerths Geschenkpaket ist beispielsweise auch das kleine Gerichtsdrama „Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er zerbricht; oder der Amtmann“ zu finden. Kleist nutzt es später für sein Lustspiel „Der zerbrochne Krug“. Darin geht es um Rechtsaufklärung für junge Zuschauer. Einem anständigen Gutsbesitzer soll von einem gierigen Landkammerrat und einem korrupten Richter sein Eigentum weit unter Wert abgerungen werden. Man zieht alle Register der Bestechung, Urkundenfälschung, Strafandrohung und Bedrängung der Tochter, bis schließlich der junge Advokat Biedermann und sein Onkel in der Rolle eines beurkundenden Notars die Sache aufklären und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Wie später Kleists Schreiber Licht und Gerichtsrat Walter dem willkürlichen Gewohnheitsrecht und Amtsmissbrauch auf dem Lande Einhalt gebieten, gibt auch Weiße in Leipzig Anlass zu der Hoffnung, dass juristisch und politisch Mächtige mit Rechtsbeugung nicht so einfach durchkommen. Erstmals betreten hier Revisoren die Bühne, um die Gerichtsbarkeit im Lande zu kontrollieren.
Mit Weiße begann die psychologische Darstellung in der Literatur
Weiße bewährt sich damit als optimistischer Anwalt der Aufklärung. Dieser Pionier der Kinderliteratur mit Lehrerfahrung als Hofmeister beim Grafen Johann Heinrich von Geyersberg war ein Freund unverzüglicher Verbesserung der Welt durch Erziehung. Die Anfangszeilen aus seinem Gedicht „Der Aufschub“ sind sprichwörtlich geworden: „Morgen, morgen, nur nicht heute! / Sprechen immer träge Leute“. Der in die gleiche Richtung weisenden praktischen Lebensphilosophie und Ethik des schottischen Sensualismus schuf Weiße mit seiner Zeitschrift „Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“ ein Forum. Darin blühte auch die neue Menschenkunde oder Anthropologie auf, die sein Schwager Ernst Platner an der Universität Leipzig im Curriculum etabliert hat. Der spätere Berliner Theaterdirektor Johann Jakob Engel gehörte zum gleichen Kreis. Er begründete hier im Werther-Jahr 1774 gegen die Dominanz allwissender Erzähler die psychologischen Darstellungsperspektiven des inneren Menschen durch Briefe, Dialoge oder erlebte Rede.
So war Weiße mit seiner „Bibliothek der schönen Wissenschaften“ und den darin enthaltenen Essays zu Ästhetik und Moralphilosophie aus England und Frankreich an einer der wichtigsten literarischen Neuentwicklungen der Goethezeit als Vermittler beteiligt. Moritz’ „psychologischer Roman“ – so der Untertitel des „Anton Reiser“ – baute darauf ebenso auf wie dann seine pädagogischen Schriften und „Unterhaltungen mit meinen Schülern“ auf den „Kinderfreund“. Eine weitere Innovationsleistung kam hinzu. Weiße darf als Erfinder des deutschen Singspiels gelten, der populärsten Bühnengattung der Zeit, noch vor dem bürgerlichen Trauerspiel.
Weißes komische Oper „Die Jagd“ (1770) zur Musik von Johann Adam Hiller rechnete noch Richard Wagner – neben Dittersdorf und Lortzing – zu den wichtigsten Vorläufern seiner „Meistersinger von Nürnberg“. In Weißes Dank an den Weimarer Freiherrn von Fritsch nach der dortigen Uraufführung im Januar 1770 ist bescheiden von einem „kleinen witzigen Versuch“ die Rede. Tatsächlich erwies sich „Die Jagd“ über die Jahre aber als „Lieblingsstück unserer Nation“ – weit über Berlin, Hamburg und Leipzig hinaus. Die 31 Solopartien wurden gegenüber den in der italienischen Opera buffa üblichen Duetten, Terzetten und Quartetten zu echten Schlagern. Nicht nur Anton Reiser in Hannover trällerte sie auswendig vor sich hin.
Was dem Mädchenjäger Graf von Schmetterling widerfährt
Der Witz liegt zudem in der Handlung, die Weiße aus französischen Stücken von Charles Collé und Michel-Jean Sedaine übernahm: Der König hat sich auf der Jagd im Wald verlaufen und kehrt inkognito bei der redlichen Familie eines Dorfrichters ein. Nachdem er erkannt wird, stellt er ähnlich wie in dem Gerichtsdrama vom Amtmann die Gerechtigkeit wieder her. Den aristokratischen Mädchenjäger Graf von Schmetterling bestraft der Herrscher, und die von diesem entführte Landschönheit stattet er für ihre Ehe reichlich aus.
Der gute, aufgeklärte Absolutist ahndet das Verbrechen des Höflings, macht sich zum Anwalt der Landbevölkerung und verteilt großzügig Gaben. In Weimar zielte dieses Herrscherlob unmissverständlich auf die regierende Herzogin Anna Amalia, in Leipzig auf den sächsischen Kurfürsten und in Prag auf den Kaiser. Weiße beschränkte seine aufklärerische Kritik damit auf die Frivolitäten der Hofkultur. In erster Linie erwies er sich als Menschenkenner, Kinderfreund und Förderer der Künste. Er starb 1804.
Source: faz.net