Das Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald ist in diesem Jahr anders als sonst. Die Versammlung auf dem ehemaligen Appellplatz hinter dem Haupttor gleicht zwar dem traditionellen Jahresgedenken der vorangegangenen Jahre: Rund 50 Kränze verschiedener Organisationen, Parteien und Botschaften sind vor dem Rednerpult aufgereiht, Opferverbände sind mit Fahnen gekommen.
Doch in diesem Jahr war das Gedenken schon im Vorfeld von politischem Streit überlagert. Das liegt vor allem an der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“. Linksradikale Aktivisten wollten vor der Gedenkstätte mit Palästinensertüchern (Kufiyas) demonstrieren und dort den „Völkermord in Gaza“ thematisieren. Die Stadt Weimar erließ ein Verbot des Protests, um die Würde des Andenkens zu wahren. Und das Verwaltungsgericht Weimar lehnte einen Eilantrag der Organisatoren der Kufiyas-Kampagne ab, weil die Verknüpfung des Gedenkens mit „aktuellen Verbrechen“ die Würde der Opfer verletze. Die Aktivisten, hinter denen die linksradikale „Kommunistische Organisation“ als treibende Kraft steht, wurden mit einer Mahnwache auf den Theaterplatz in Weimar verwiesen.
Weimers Grußwort wird von Sprechchören gestört
Dort war am Sonntagvormittag nur die Polizei zu sehen. Die Aktivisten sagten ihre Versammlung am Sonntag kurzfristig ab. Stattdessen hatte eine kleine Gruppe von ihnen unerkannt am Samstag die Gedenkstätte aufgesucht und dort ein Video aufgenommen, das sie am Sonntagmorgen über soziale Medien verbreiteten. Dort gaben sie sich selbst als eine Gruppe von Jüdinnen und Juden aus. Auf ihren T-Shirts, die sie während der Aufnahme trugen, ist „Jews against Genocide“ (Juden gegen Genozid) und „From Buchenwald to Gaza. Resistance until Liberation“ (Von Buchenwald bis Gaza. Widerstand bis zur Befreiung) zu lesen.
Politisiert ist die Gedenkfeier auch in anderer Hinsicht. So wird das Grußwort von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) von einem Teil der Zuhörer zunächst von Rufen und Sprechchören gestört. Weimer versucht mehrfach, sich ein angemessenes Gehör zu verschaffen. „Ich bitte darum, die Würde dieses Ortes zu achten“, sagt er. Das wird zwar mit Applaus von vielen Anwesenden bedacht, führt aber nicht dazu, dass die Störer ihr Tun einstellen. Sie singen dann während der gesamten Rede Weimers das Buchenwaldlied.
Auch der Irankrieg hat Folgen für die Gedenkveranstaltungen
Zwei kleinere Opferorganisationen hatten Weimer schon zuvor aufgefordert, auf einen öffentlichen Auftritt zu verzichten, und das auch damit begründet, dass der Kulturstaatsminister drei linke Buchläden vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen hatte. Der Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner hatte den Auftritt Weimers hingegen begrüßt. Die Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora, Lena Sarah Carlebach, kritisiert Weimer dennoch in ihrem Grußwort für sein Vorgehen beim Buchhandlungspreis. „Wenn Buchhandlungen ohne weiter Erklärungen diskreditiert werden, dann gerät etwas ins Wanken“, sagt sie unter dem Applaus vieler Anwesender.
Auch der Krieg Israels gegen Iran hatte unmittelbare Folgen für die Gedenkveranstaltung. „Wegen der iranischen Raketenangriffe auf Israel konnten keine Überlebenden aus Israel anreisen, weil ihre Flüge storniert wurden“, sagt Wagner zu Beginn der Veranstaltung. Gekommen sind aber zwei ehemalige Häftlinge aus europäischen Ländern, der 98 Jahre alte Alojzy Maciak aus Polen und der 99 Jahre alte Andrej Moisejenko aus Belarus.
Hape Kerkelings Großvater überlebte die Haft
Noch etwas ist besonders an diesem Buchenwald-Gedenken am 81. Jahrestag der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen im April 1945. Hauptredner ist erstmals kein Überlebender des Konzentrationslagers, sondern ein Nachfahre, der Schauspieler Hape Kerkeling. Sein Großvater Hermann Kerkeling überlebte als politischer Gefangener die Haft in Buchenwald. Nachdem er im März 1933 Flugblätter gegen das NS-Regime verteilt hatte, war er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet und zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Doch wurde er in „Schutzhaft“ genommen und nach Buchenwald deportiert, wo er bis zur Befreiung des Lagers blieb.
Für ihn sei der angebliche Hochverrat seines Großvaters „ein Zeugnis für Treue zur Menschlichkeit“, sagt Kerkeling. Das Schlimmste für die Familie sei das bleierne Schweigen des Großvaters über seine Haft gewesen. Viele Überlebende hätten den Weg des Schweigens gewählt, „weil der erlebte Horror so unsagbar gewesen sei“. Kerkeling wendet sich auch gegen alle Versuche, die Erinnerung an die Gräuel der Nazi-Zeit aufzugeben. „Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre ein Schlussstrich unter unsere Demokratie.“
Innenminister wirft Kufiyas-Kampagne vor, den Holocaust zu relativieren
Aus Protest gegen eine politische Vereinnahmung des Gedenkens hatten sich schon am Sonntagmittag etwa 150 Menschen auf dem Goetheplatz in Weimar zu einer Kundgebung unter dem Motto „Keine Propaganda in Buchenwald“ zusammengefunden. Zu ihr hatte die Deutsch-Israelische Gesellschaft aufgerufen. Viele Teilnehmer hatten Schilder in der Hand, auf denen „Antizionismus ist Judenhass“ stand.
Nicht nur Rechtsextremisten und Islamisten verbreiteten am Sonntag antisemitische Propaganda, sondern auch linke Gruppen, sagte Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) in einem Grußwort am Sonntag. Die Veranstaltung der Kufiyas-Kampagne habe das Ziel gehabt, den Holocaust zu relativieren.
In das KZ Buchenwald und seine Außenlager hatten die Nationalsozialisten rund 280.000 Menschen verschleppt, darunter Zehntausende Jüdinnen und Juden. 56.000 Menschen wurden dort ermordet oder starben durch Hunger, Krankheiten und medizinische Experimente.
Source: faz.net