Befeuert durch die China-Flut – dieser rasante Siegeszug dieser E-Zigarette

Die E-Zigarette erlebt einen Verkaufsboom. Hersteller aus China haben den deutschen Markt ebenso für sich entdeckt wie klassische Tabakkonzerne. Die steigende Verbreitung alarmiert auch die Politik. Nun wird ein spezielles Verbot diskutiert. Die Branche stellt schon die Existenzfrage.

Kein anderes Geschäft mit Zigaretten verändert sich gerade so stark wie der Verkauf von elektronischen Dampfgeräten samt Flüssigkeiten – Insider sprechen von Vapes, alle anderen von E-Zigaretten. Die Geräte in der Form eines dicken Stiftes erhitzen über einen Mini-Akku sogenannte Liquids, die meistens Nikotin und Tabakaromen sowie zusätzliche Aromen etwa nach Früchten enthalten.

Dadurch schmeckt der Dampf nach Erdbeere, Vanille, Minze oder anderen oft süßlichen Noten. Die Namen heißen dann Apple Ice, Energy Juice, Pina Colada oder Raspberry Lemon. Gerade für Jugendliche könnte das ein Anreiz zum Ausprobieren sein.

Die Veränderung hat einen Namen: Der chinesische Hersteller Elfbar flutet mit seinen bunten und im Vergleich günstigen E-Zigaretten den deutschen Markt. Der Verkauf über Großhändler und deren Zugänge in Supermärkte und Tankstellen macht aus der Nische ein Massengeschäft.

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Binnen Monaten hat sich die Zahl der Verkaufsstellen für E-Zigaretten von etwa 3000 vorwiegend Fachgeschäften auf bis zu 20.000 Läden im gesamten Einzelhandel vergrößert. Das chinesische Technologieunternehmen Elfbar ist Teil einer Firmengruppe namens Heaven Gifts aus Shenzen, gilt als Weltmarktführer und produziert E-Zigaretten in eigenen Fabriken in dreistelligen Millionen-Stückzahlen vor Ort.

Auch Marken wie Pro Vape lassen ihre Geräte in Shenzen fertigen. Im vergangenen Jahr hat allein dieses Unternehmen nach eigenen Angaben in Europa etwa 50 Millionen Vape-Geräte verkauft.

Für zwölf Euro gibt es eine E-Zigarette mitsamt Liquids

Wichtiger noch für die explodierende Verbreitung dürften der Preis und die einfache Handhabung sein. Einstiegsangebote gibt es ab etwa zwölf Euro für Geräte mitsamt den Liquids. Anders als früher sind es keine Einwegzigaretten mehr, sondern der Akku lässt sich wieder aufladen. Die Flüssigkeitsportionen zum Nachfüllen, Pods genannt, sind für wenige Euro bei zwei Milliliter Inhalt in vielen Geschmacksvarianten verfügbar.

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Laut der Debra-Studie (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) liegt der Anteil Jugendlicher, die E-Zigaretten rauchen, bei drei Prozent. Gesetzlich ist die Abgabe an unter 18-Jährige verboten.

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Abzulesen ist der Verkaufserfolg an dieser Zahl: Die E-Zigarettenbranche erreichte im Vorjahr einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro aus Geräten und Flüssigkeiten, so der Lobbyverband Bündnis für Tabakfreien Genuss. Das entspricht einem Anstieg um ein Drittel gegenüber dem Vorjahr. Basis der Zahlen ist eine Umfrage unter 400 Branchenfirmen. Für 2025 wird ein Anstieg um bis zu 25 Prozent erwartet. Nach den Daten gibt es in Deutschland rund drei Millionen E-Zigaretten-Raucher.

Auch die klassischen Tabakkonzerne drängen in das E-Zigaretten-Geschäft mit Einstiegsgeräten. Ob British American Tobacco mit der Marke Vuse, Reemtsma mit Blu oder Philip Morris mit Veev – die Branchenriesen sind in den Verkaufsregalen ganz vorn zu finden.

Die Konzerne nutzen dafür ihre Marktmacht aus dem Einzelhandel mit Tabakzigaretten. Doch im Großhandel mit asiatischen Produkten dominieren noch die mittelständischen E-Zigaretten-Unternehmen wie Innocigs, Intrade oder Extrade.

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Die sprunghaft steigende Verbreitung alarmiert Teile der Politik – aus Sorge um den Jugendschutz und um Risiken für die Gesundheit. So wollte die noch amtierende Bundesregierung bestimmte Aromen in E-Zigaretten verbieten. Dies betrifft vor allem Menthol, das als Grundstoff in rund 80 Prozent aller E-Zigaretten-Flüssigkeiten enthalten ist. Menthol sorgt dafür, dass der reine Tabakgeschmack beim Dampfen überdeckt wird.

Zwar wurde eine geplante Verordnung aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium zum Menthol-Verbot nicht mehr umgesetzt. Doch die bereits ausgearbeiteten Pläne könnten von einer neuen Regierung wieder aufgegriffen werden. Schließlich nimmt Deutschland in Europa beim Thema E-Zigaretten eine Alleinstellung ein, wenn es um eine geringe Reglementierung geht.

Unterstützung eines Menthol-Verbots kommt aus den Bundestagsfraktionen der SPD und der Grünen. Die Linie der CDU zu dem Thema ist bislang nicht einheitlich.

Argumentationshilfe liefert eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) über gefährliche Inhaltsstoffe in E-Zigaretten. Die Untersuchung verweist auf Risiken, weil Menthol die Aufnahme von Nikotin in den Körper fördern oder gar erhöhen könnte.

„Gefährdung der gesamten Kategorie E-Zigarette“

Branchenlobbyisten halten dagegen. „Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat für Menthol in E-Zigaretten keine Verbotsempfehlung ausgesprochen“, sagt Dustin Dahlmann, Geschäftsführer und Miteigentümer des E-Zigarettenhändlers Innocigs. Zugleich leitet er den Lobbyverband Bündnis für Tabakfreien Genuss. Der Großhändler Innocigs beliefert Unternehmen wie Lekkerland sowie Teile des Einzelhandels. Die Rewe-Tochter Lekkerland wiederum versorgt einen Großteil der Tankstellshops mit Waren.

„Menthol ist ein gut erforschter Stoff, der in vielen Arzneimitteln etwa gegen Erkältung enthalten ist“, sagt Dahlmann. Ohne eine klare Empfehlung des Bundesinstituts gebe es keine Grundlage für ein Verbot. „Es sei denn, die Absicht dahinter besteht darin, das Produkt unattraktiver zu machen“, sagt Dahlmann.

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Laut dem Bundesverband für Tabakwirtschaft und neuartige Erzeugnisse stellt sich gar die Existenzfrage. „Ein Verbot von Menthol gefährdet die gesamte Kategorie E-Zigarette und hätte weitreichende Konsequenzen für die Dampfer“, sagt der Verbands-Hauptgeschäftsführer Jan Mücke. Lobbyisten der Branche sehen in der E-Zigarette eine Unterstützung für Raucher, von der Tabakzigarette wegzukommen und einen Ersatz zu finden.

Von anderer Seite kommt Unterstützung für ein Verbot. „Aus gutem Grund hat die EU vor einigen Jahren Mentholaromen in Tabakzigaretten verboten“, sagt Burkhard Blienert, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Menthol kaschiere den scharfen Tabakgeschmack und mache solche Produkte auch für Jugendliche und Nichtraucher interessant. E-Zigaretten seien alles andere als harmlos, sie enthielten Nikotin wie eine normale Tabakzigarette, machten stark abhängig und hätten noch eine Vielzahl gesundheitlich zweifelhafter Aromastoffe. „Menthol dürfte hier ganz klar dazugehören. Deshalb wäre ein Verbot solcher Aromen hilfreich“, sagt Blienert.

Der Staat verdient kräftig mit an dem Geschäft, denn seit Mitte 2022 sind E-Zigaretten auch in Deutschland mit einer zusätzlichen Abgabe belegt. Für zehn Milliliter Flüssigkeit fallen 2,60 Euro Tabaksteuer an, ab Januar 2026 werden es 3,20 Euro sein.

Die Steuereinnahmen daraus beziffert das Statistische Bundesamt mit 265 Millionen Euro für das vergangene Jahr. Das ist eine Steigerung um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Derzeit gibt es in 19 der 27 Staaten der Europäischen Union eine E-Zigaretten-Steuer.

Das Vapen oder Dampfen wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Zwar gilt es etwa für das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg als nachgewiesen, dass E-Zigaretten weniger schädlich sind als Tabakzigaretten. Schließlich wird beim Dampfen kein Tabak verbrannt.

Beim Verbrennen wird Teer freigesetzt, was mit Gesundheitsschäden bis hin zum Lungenkrebs verbunden wird. Jedoch macht Nikotin in den E-Zigaretten abhängig und birgt Gesundheitsrisiken. Zudem sind die Folgen des Inhalierens der chemischen Substanzen für die Lunge und das Herz-Kreislauf-System nicht abschließend wissenschaftlich erforscht.

Der Drogenbeauftragte Blienert beklagt noch einen weiteren Teil des Geschäfts mit E-Zigaretten. Eine Vielzahl der auf dem Markt befindlichen Produkte würden nicht den geltenden Gesundheits- und Verbraucherschutzstandards entsprechen.

„Was eine ganze Reihe von Influencern bei uns in Sachen E-Zigaretten machen, ist von A bis Z illegal und, ehrlich gesagt, auch reichlich skrupellos“, sagt Blienert. Die Aufsichtsbehörden der Länder müssten endlich tätig werden.

Birger Nicolai ist Wirtschaftskorrespondent in Hamburg. Er berichtet seit Jahrzehnten über die Zigarettenbranche, ist dabei aber überzeugter Nichtraucher.

Source: welt.de

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