Eine niederländische Band erweckt mit den Songs der Bee Gees das Lebensgefühl der Siebzigerjahre. In Amsterdam tanzten beim Konzert 14.000 Fans – nun startet das Sextett seine Deutschlandtour im April in der Laeiszhalle.
Showtime im Ziggo Dome Amsterdam: Drei enorme Discokugeln in einer Reihe über der Bühnenrampe wecken erste nostalgische Gefühle und geben grob das Thema vor. Dann legen sechs junge Männer los und erwecken mit den Hits der Bee Gees die Blütezeit der Disco-Musik zu neuem Leben, die Siebzigerjahre. Doch was im Konzert zu farbenfrohen Lichteffekten erklingt, ist keine schlichte Kopie. Die drei Gibb-Brüder Barry, Maurice und Robin exakt zu imitieren, ist ohnehin unmöglich. MainCourse singt und spielt die Songs mit einer eigenen Klangfarbe. Dennoch stimmen die Hauptzutaten: drei Stimmen, die auch Falsett können und drei weitere Musiker mit viel Spaß am Discobeat, am Discosound.
„Massachusetts“ lädt zum Mitsingen ein
Rund 14.000 Besucher sind zum Konzert im Ziggo Dome gekommen. MainCourse hat in den Niederlanden viele Fans, seit die Gruppe 2024 die Fernseh-Talentshow „The Tribute – Battle of the Bands“ gewann. Dennoch ist zu Beginn des Konzerts bis zum zweiten Titel, der Ballade „To Love Somebody“, noch Anspannung auf der Bühne zu spüren. Üblicherweise spielt MainCourse auch in der Heimat eher in Theatern mit bis zu 2000 Sitzplätzen, dieses Konzert hat eine neue Dimension.
Doch sie werfen sich ins Programm, der Sänger des Robin Gibb, Jeffrey Italiaander, macht Stimmung. Alle sechs merken, dass sie ihre ganze Energie aufbieten müssen, um das Publikum in der großen Halle mitzunehmen. Da trifft es sich gut, dass der zweite Titel des Abends „Massachusetts“ heißt. Den Megahit können Fans mitsingen, schwimmend in einem Meer von Handytaschenlampen, tapfer bemüht, Feuerzeuge zu ersetzen. Danach steigt die Stimmung, bis zum Schluss der Saal tanzt.
Balladen und Hits wie „Night Fever“
Nach einer Reihe von uitverkochten, pardon, ausverkauften Konzerten in Holland geht MainCourse von April an auch international auf Tour, und das erste Konzert der Deutschlandtour mit insgesamt 17 Stationen wird am Dienstag, dem 7. April in der Laeiszhalle in Hamburg erklingen. Die Band präsentiert neben berühmten Balladen wie „How Deep Is Your Love“, die rund die Hälfte der Songs der Bee Gees ausmachen, weitere Hits wie „Night Fever“ und „Stayin’ Alive“ aus dem legendären Tanzfilm „Saturday Night Fever“ mit John Travolta.
Die Band MainCourse wurde gecastet. Ungewöhnlich und ungewohnt war das Projekt daher zunächst für alle, wie die Musiker im Gespräch mit WELT AM SONNTAG im Anschluss ans Konzert im Ziggo Dome erzählen. Zunächst nannten sie sich „Bee Gees Forever“. Martijn Bakker, der Klavier spielt und die Gesangsparts von Maurice Gibb übernimmt, hat schon in verschiedenen Bands gespielt „aber diese ist die erste, in der ich vorher niemanden kannte“. Fast ein Jahr lang trat das Sextett gar nicht auf und übte die Bee Gees Songs, die sich als schwieriger erwiesen, als erwartet und lernten den Falsettgesang.
Mike Ott singt im Falsett wie Barry Gibb
Zum Glück ist Mike Ott Teil der Gruppe, er singt den Barry fantastisch, immer wieder bezeugen die anderen ihren Respekt. Ott hat in siebter Generation als Stukkateur gearbeitet und nur in der Freizeit Musik gemacht, heute findet er als Musiker keine Zeit mehr für den gelernten Beruf. Mittlerweile fühlten sie sich in der Band wie Brüder, sagt Ott. Als Robin macht Italiaander die Ansagen im Konzert. Er freut sich besonders auf Deutschland, „weil die Deutschen die Songs von Robin besonders mochten, auch beim Comeback Ende der Achtzigerjahre“.
Ob und welche späteren Songs ins Programm einfließen, bleibt bis zum Tourstart ein Geheimnis – ebenso wie die Antwort auf die Frage nach den Kostümen. Silber und lila Glitzer prägten in Amsterdam die Show. „Zum Glück müssen wir uns nicht mehr verkleiden, mit Perücken, das haben wir ein Jahr lang gemacht, bei unseren ersten, schwachen Auftritten. Da kamen meistens nur unsere Familien und ein paar Hunde“, scherzt Italiaander.
MainCourse, benannt nach dem 13. Studioalbum der Bee Gees
Die drei Sänger der Band werden durch die drei Instrumentalisten ergänzt. Am Schlagzeug trägt Yme van Elsloo den Disco-Beat als Fundament durch das Konzert, der Bass von Kevin Kos darf schon mal nervös zucken wie der Bass in den Abba-Hits, die in den Siebzigerjahren parallel zu jenen der Bee Gees entstanden. Und die Gitarre von Rick Haker liegt irgendwo zwischen der Rhythmusgitarre von Barry Gibb und der Leadgitarre von Alan Kendall, der von 1971 bis 1980 mit den Bee Gees spielte.
Der spezielle Sound, der die Bee Gees unverwechselbar machte, entstand erst zu Beginn des Jahres 1975, als die drei Brüder mit neuen Musikern wie dem Keyboarder Blue Weaver ihr 13. Studioalbum „Main Course“ („Hauptgang“ beim Essen) in Miami aufnahmen. Da bat der Produzent Arif Mardin alle drei, beim Song „Nights on Broadway“ mal zu improvisieren, zum Beispiel am Ende einen Schrei auszustoßen. So entdeckte Barry seine berühmte Falsettstimme, die auf dem Album noch in „Jive Talkin‘“ und „Wind of Change“ zum Tragen kommt. „Jive Talkin‘“ erklingt auch in Amsterdam – als einziger Titel des Albums, nach dem sich die Niederländer ihren Namen gaben.
Auf das Ende der Bee Gees folgten Tribute Bands
Nach der Arbeit an „Main Course“ entwickelten die Bee Gees ihren dreistimmigen Falsettgesang, der schon im Folgejahr beim Soundtrack zu „Saturday Night Fever“ ausgereift war und die Mehrzahl der 44 Alben der Bandgeschichte prägt. Benannt hat sich die Gruppe nicht als Abkürzung der „Brothers Gibb“, sondern weil Barry Gibb neben seinen Brüdern mit dem Radio-DJ Bill Gates und dem Promoter Bill Goode in Brisbane arbeitete. Gates erfand die BGs, die später zu den Bee Gees wurden. Mehr als 300 ihrer insgesamt 1000 Songs nahmen die Brüder Gibb auf. Die Band MainCourse hat inzwischen gut 40 davon bühnenreif erarbeitet. Barry, der 2026 seinen 80. Geburtstag feiern wird, ist der letzte der Brüder. Die Zwillinge Maurice (1949–2003) und Robin (1949–2012) sind ebenso verstorben wie ihr jüngerer Bruder Andy (1958–1988). Das Ende der Bee Gees wurde 2006 bekannt gegeben.
Nun lebt das legendäre Trio auch in Tribute-Bands wie MainCourse weiter, die Live-Konzerte zum Vermächtnis beitragen. Die Musiker erzählen zu den Liedern auch etwas zum Wirken der Gibbs, die über die eigene Band hinaus erfolgreich waren. So schrieb Barry etwa auch für Barbra Streisand, Dionne Warwick, Diana Ross, Michael Jackson und Céline Dion. Auch das erfolgreichste Lied von Esther & Abi Ofarim in Deutschland, „Morning of My Life“ von 1967, stammt von ihm. Aktuell arbeitet Barry an einem bei Paramount geplanten Film über die Bee Gees, dessen Dreharbeiten unter der Regie von Ridley Scott seit 2024 in Planung sind.
Laeiszhalle: Bee Gees by MainCourse, 7. April, 19.30 Uhr
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Source: welt.de