Dies ist eine deutsche Weinwunderkindgeschichte, wie sie in Bacchus’ Buche stehen könnte: Mit 16 Jahren pflanzte der Bub seinen ersten Wingert, mit 20 Jahren übernahm er von seinem kranken Vater das bescheidene, hoch verschuldete Weingut der Familie in der pfälzischen Winzergemeinde Laumersheim, und in den folgenden Jahren verzehnfachte er die Rebfläche Schritt für Schritt auf fast 60 Hektar bester Lagen. Mit 36 Jahren bekam er seinen Ritterschlag, als er in den Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) aufgenommen wurde, in dem sich die Hocharistokratie des deutschen Qualitätsweinbaus versammelt.
Und heute, mit 54 Jahren, gehört Philipp Kuhn zu den Superstars unter Deutschlands Spitzenwinzern, dessen Gewächse in Dutzenden deutschen Sternehäusern und 25 Ländern von den Vereinigten Staaten bis China getrunken werden. Kuhn ist bei Weitem nicht das einzige Wunderkind, das das deutsche Weinwunder in den vergangenen vier Dekaden geboren hat. Doch ist es angesichts der allgegenwärtigen Schreckensmeldungen bald mit dieser und allen anderen Märchengeschichten vorbei?
Noch dramatischer in anderen Ländern
Der deutsche Weinbau steckt in einer schweren, für viele Winzer sogar existenziellen Krise, von der niemand im nüchternen Zustand behaupten könnte, sie sei nichts weiter als eine vorübergehende Schwächephase. Denn es ist ein Angriff an vielen Fronten auf ein Genussmittel, das seinen jahrtausendealten Nimbus als Kulturgut verloren zu haben scheint. In unserer hysterischen Selbstoptimierungsgesellschaft ist es Mode geworden, Wein als Nervengift und Lebenszerstörer zu verdammen, die Weltgesundheitsorganisation hält sogar geringste Mengen Alkohol für gesundheitsschädlich und predigt vollkommene Abstinenz.
Da ist es kein Wunder, dass die Deutschen immer weniger Wein trinken, dass sich ganze Generationen vom regelmäßigen Weinkonsum entfremdet haben und kein Glas Riesling mehr anrühren, als sei es des Teufels Weihwasser. Allein in den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der Haushalte, die regelmäßig Wein kaufen, von 38,2 auf 32,2 Prozent gesunken, auch in der Gastronomie wird immer seltener und immer weniger Wein bestellt. Zugleich sind die Produktionskosten für die Winzer stark gestiegen – bei stagnierenden Verkaufspreisen, einer von Jahr zu Jahr aggressiveren Konkurrenz aus dem Ausland und einer erdrückenden, globalen Überproduktion.
Es ist kein Trost, dass die Lage in den klassischen europäischen Weintrinkerländern noch dramatischer ist. Frankreich verzeichnet seit 1990 einen Rückgang des Weinkonsums um 47 Prozent, Spanien um 39 Prozent, Italien um 36 Prozent; in Deutschland sind es seit der Jahrtausendwende nur 3,3 Prozent. Daraus einen generellen, globalen Trend abzuleiten, wäre aber falsch, denn in vielen anderen Ländern wird immer mehr Wein getrunken, etwa in Japan, Kanada, Großbritannien, den Niederlanden oder den Vereinigten Staaten. Ganz so teuflisch kann das Getränk, das Platon für ein Geschenk der Götter hielt, also nicht sein.
Dunkle Wolken am Himmel
In Deutschland steht der sinkenden Nachfrage kein sinkendes Angebot gegenüber. Die Rebfläche liegt – im Gegensatz zu Frankreich, Spanien und Italien, die fast die Hälfte ihrer Weinberge verloren haben – seit Jahren konstant bei etwa 100.000 Hektar. Diese Beharrlichkeit liegt auch daran, dass der Wein für seine Erzeuger kein Konsumgut wie jedes andere ist. Viele Güter sind seit Generationen im Familienbesitz, Wein ist für die Winzer Lebensinhalt und Lebenssinn, ein Aufgeben hieße für sie, sich das Herz aus dem Leib zu schneiden. Deswegen gehorcht die Marktbereinigung eher emotionalen als volkswirtschaftlichen Regeln.
Trotzdem ist die Zahl der Weingüter seit 1990 um ein Drittel gesunken, vor allem Winzer mit winzigen Flächen von weniger als einem Hektar geben auf, weil die Produktionskosten allein seit 2019 um ein Drittel gestiegen sind. Die Zahl der selbstvermarktenden Weingüter ist nach Schätzung der Weinbauhochschule Geisenheim in den vergangenen zehn Jahren um ein Fünftel gesunken, die Hälfte der deutschen Winzer wird nach ihrer Prognose in den nächsten zehn Jahren aufgeben müssen, ein Drittel der Gesamtrebfläche kann schon jetzt nicht mehr kostendeckend bewirtschaftet werden. Und an der Hochschule Geisenheim immatrikulieren sich immer weniger Studenten, weil Winzer längst kein Traumberuf mehr ist.
Auch Philipp Kuhn sieht dunkle Wolken am Himmel, auch ihm werden jede Woche Weinberge von Kollegen zur Pacht angeboten, die mit dem Rücken zur Wand stehen, auch bei ihm laufen die Kosten aus dem Ruder, ohne dass das durch Preiserhöhungen kompensiert würde. Gewinne sinken, Investitionen müssen aufgeschoben werden, längst wäre eine neue Presse fällig und wird doch nicht angeschafft, stattdessen die alte ein weiteres Mal repariert. Vor allem Lohnkosten machen Kuhn zu schaffen, der zehn Angestellte hat – allein schon deswegen, weil er 85 Prozent seiner Trauben von Hand liest und jedes Blatt am Rebstock einzeln gestreichelt wird, ein wahnwitziger Aufwand, den er aus gutem Grund betreibt. Vor allem bei seinen Hauptsorten Riesling und Spätburgunder duldet der Qualitätsfanatiker nicht eine einzige faule Traube im Lesegut, weil sie schon ausreichen würde, um den Wein zu ruinieren.
Die Unwilligkeit zu Reformen
Doch Kuhn und die meisten seiner VDP-Kollegen trifft die Krise weit weniger hart als die Winzer, die sich mit Massenware zufriedengeben, und das sind in Deutschland unglücklicherweise die meisten. Sie sind existenziell bedroht, weil Fasswein inzwischen fast so billig ist wie Wasser. 40 bis 60 Cent bekommt man noch für einen Liter, bei mindestens doppelt so hohen Produktionskosten. Im Supermarkt oder beim Discounter landet diese namenlose Plörre dann zu einem Durchschnittspreis von wenigen Euro im Regal und kann sich naturgemäß nicht gegen die Konkurrenz aus Südeuropa behaupten, die zu einem Bruchteil der deutschen Kosten produziert wird. Und der Kunde greift wegen ein paar Cent Preisunterschied ungerührt zur spanischen oder italienischen Massenware, weil es im geizgeilen Deutschland anders als in Österreich, der Schweiz oder Südtirol keinen Weinpatriotismus und viel zu wenig Qualitätsbewusstsein gibt. Deswegen sinkt der Marktanteil von deutschem Wein seit Jahren kontinuierlich und liegt jetzt bei 42 Prozent, sechs Prozent weniger als noch 2013.
Die Weinbauverbände streben 50 Prozent an, und das Deutsche Weininstitut (DWI) will jetzt mit einer Werbekampagne gezielt die Generationen Z und Y von der Qualität der heimischen Gewächse überzeugen. „Die erreichen wir aktuell nicht“, sagt die neue DWI-Geschäftsführerin Melanie Broyé-Engelkes, von der sich viele Winzer frischen Wind in einem Institut versprechen, das bisher vor allem durch Phlegma aufgefallen ist. Vielleicht wird die neue Chefin das Paradox lösen, dass in Deutschland nicht nur Bier, sondern auch viele Genussmittel fragwürdiger Qualität von Zuckerbrause und Gummibärchen bis zu Schokoladenriegeln und Kirschpralinen mit Millionensummen beworben werden, ausgerechnet ein kostbares Kulturgut wie der Wein aber bisher kaum eine solche Aufmerksamkeit erfährt.
Frischer Wind ist dringend geboten, denn vom Vorwurf einer gewissen Selbstgefälligkeit kann man den deutschen Weinbau nicht freisprechen. „Verhockte Probleme“ nennt das Steffen Christmann, Spitzenwinzer aus der Pfalz und seit 2007 Präsident des VDP. Die Unfähigkeit und Unwilligkeit zu Reformen, die ein gesamtgesellschaftliches Phänomen in Deutschland sei, lähme auch die Weinwirtschaft, die stur am völlig veralteten, die Massenproduktion favorisierenden Weingesetz von 1971 und oft unverbesserlich an antiquarischen Rebsorten wie Dornfelder, Kerner oder Müller-Thurgau festhalte. „Wir machen so lange weiter, bis wir am Abgrund stehen“, sagt Christmann, der auch in seinem eigenen Verband mitunter einen Hang zur Engstirnigkeit und Borniertheit feststellt.
Die Schwäche des deutschen Weinbaus
Manche Weinbauern hätten sich zu lange auf ihrem Lorbeer ausgeruht und sich in einer „winzerlichen Hochwohlgeborenheit“ gesonnt, so Christmann. Die überwältigende Mehrheit aber sei dem Weg gefolgt, den der VDP vorgegeben habe: Statt Massenproduktion stehen neben der handwerklichen Exzellenz Herkunft, Terroir und Einzellage im Zentrum, um die Einzigartigkeit und Vielfältigkeit des deutschen Spitzenweins sichtbar zu machen und Austauschbarkeit zu verhindern. Das zahle sich jetzt aus, nur eine Handvoll VDP-Betriebe stehe vor dem Aus, vor allem solche mit aufwendig zu bewirtschaftenden Steillagen oder Terrassen, doch das sei die natürliche Fluktuation, sagt Christmann. Und er sieht in der Krise auch die Chance, das Profil des deutschen Spitzenweins vor allem im Ausland noch weiter zu stärken. „Wir haben die Qualität, die Diversität und mit Riesling, Silvaner und Spätburgunder auch die Rebsorten, die weltweit gerade am gefragtesten sind.“
Davon wissen allerdings noch zu viele Weinliebhaber in aller Welt gar nichts, denn beim Export offenbaren sich schonungslos die Schwächen des deutschen Weinbaus. Viele Winzer, auch jene an der Spitze der Qualitätspyramide, sind nach dem eigenen Selbstverständnis eher Weinbauern als Unternehmer und haben sich bisher zu wenig um die internationalen Märkte gekümmert. Deswegen sind die deutschen Weinexporte seit 1990 nur um elf Prozent gestiegen, während es bei Chile 550 Prozent und bei Neuseeland sogar 2600 Prozent sind. Insgesamt hat sich der weltweite Weinexport in den vergangenen 35 Jahren verdoppelt, doch Deutschland spielt noch immer eine Nebenrolle und liegt bei den Ausfuhren sogar hinter Südafrika und Portugal. Und dass die Vereinigten Staaten weit vor den Niederlanden und Norwegen der wichtigste Exportmarkt sind, ist in Zeiten von Trumps Zollirrsinn auch keine gute Nachricht.
Philipp Kuhn verkauft inzwischen jede vierte Flasche im Ausland, obwohl er erst vor 15 Jahren mit dem Export im größeren Stil begonnen hat. Doch er kann sich darauf verlassen, dass sich die wahren Weinkenner nicht an Prestige, Geschichte oder Namen eines Weinguts, sondern allein an der Qualität der Gewächse orientieren – und natürlich an den Preisen, die sie bei deutschen Weinen in Verzückung versetzen. 11,50 Euro kostet bei Kuhn ein Gutswein, 17 Euro ein Ortswein, 28 Euro eine Erste Lage, 40 Euro ein Großes Gewächs. „Im Burgund kann man da jeweils eine Null dranhängen“, sagt Kuhn, der ganz genau weiß, welche entscheidende Lehre ihm das Leben mitgegeben hat: Qualität setzt sich immer durch, verkauft sich immer am besten und ist immer die sicherste Überlebensgarantie für einen Winzer.
Deswegen empfinde er kein Mitleid, wenn die Rebflächen für die Massenware gerodet würden, sagt Kuhn, da sei er Sozialdarwinist. Ein Segen für den deutschen Qualitätswein sei das Verschwinden des Billigweins obendrein. Und ein Optimist ist das Weinwunderkind auch mit Mitte 50 noch. „Die Menschen trinken heute weniger, dafür besseren Wein, und sie wissen, was sie an ihm haben. Wer aber den Wein als Zellgift verteufelt wie die Weltgesundheitsorganisation, hat nur den Körper, nicht den Geist im Blick. Mir jedenfalls geht es gut, wenn ich guten Wein trinke.“ Mit einer solch gesunden Lebenshaltung bewältigt man jede Krise.
Source: faz.net