Bedenkliche Methode: Die Schattenseiten dieser Garnelenzucht

Schätzungsweise 2,5 Milliarden Garnelen essen deutsche Verbraucher jedes Jahr. Damit sind sie das in der Stückzahl meistverzehrte Tier in Deutschland. Der Großteil der Garnelen stammt aus dem Ausland. Die Produktion dort ist günstig, doch mit Blick auf das Tierwohl hat sie ihre Schattenseiten. An manchen Zuchtmethoden wird die Kritik nun lauter. Besonders die im Fachjargon Augenstielablation genannte Praxis sorgt für Diskussionen.

Garnelenfarmen im Ausland amputieren dazu weiblichen Muttertieren mit einer erhitzten Zange oder Schere die Augen, um die Fortpflanzung zu stimulieren. Die Augenstiele produzieren ein Hormon, das die Reifung der Eier hemmt. Fällt dieses Hormon weg, produzieren die Garnelen mehr Nachkommen. Für die Methode sprechen ökonomische Gründe. Sie gilt als günstig, einfach und macht die Fortpflanzung der Garnelen planbarer. In den größten Produktionsländern für Garnelen, darunter Indien, Ecuador, Vietnam, Indonesien und Thailand, ist die Methode üblich.

Der Eingriff erfolgt meist ohne Betäubung. Für die Tiere ist er entsprechend schmerzhaft. Darin sind sich Fachleute einig. Dennis Wittmann, Geschäftsführer des Aquaculture Stewardship Council (ASC) in Deutschland, kritisiert die Augenstielablation. ASC ist eine Organisation, die Siegel für Fischzucht vergibt und in Deutschland etwa 80 bis 90 Prozent aller verkauften Garnelen zertifiziert. „Aus heutiger Tierwohlperspektive ist der Eingriff absolut kritisch zu bewerten“, sagt er. „Die invasive Maßnahme ist grausam, sie ist mit Stress und Verletzungen verbunden.“ Mit den Ansprüchen an verantwortungsvolle Aquakultur sei das nicht vereinbar. „Die Ablation muss innerhalb von klaren Zeitplänen beendet werden.“ Damit reduziere man Stress und körperliche Schäden für die Zuchtgarnelen.

Einzig in der Bio-Zucht ist die Amputation verboten

Wie häufig Garnelenzüchter die Methode anwenden, lässt sich nicht klar beziffern. Vor einigen Jahren lag der Anteil in Südamerika laut ASC bei 70 bis 80 Prozent der gesamten Garnelenproduktion, in Südostasien bei 80 bis 90 Prozent.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Garnelen in deutschen Supermarktregalen aus einer Zucht stammen, in der die Methode eingesetzt wurde. Bestehende Siegel für die Fischzucht, wie ASC oder Global-G.A.P., klammern das Thema in ihren Kriterien bislang aus. Auch optisch ist es der Garnele nicht anzusehen. Die Augen werden nur den Elterntieren entfernt, nicht aber den Nachkommen, die schließlich in den Verkauf gelangen. Einzig in der Bio-Garnelenzucht ist die Amputationsmethode verboten. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann alternativ auf Garnelen aus deutscher Produktion zurückgreifen. In Europa ist die Augenentfernung verboten. Allerdings liegt der Anteil deutscher Garnelen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Meist sind diese Produkte teurer.

Untätig bleibt die Branche gleichwohl nicht. Zwar stehe die Augenstielablation weniger im öffentlichen Fokus als etwa die Haltungsformen bei Landtieren, sagt Dennis Wittmann vom ASC. Doch der Handel erwarte zunehmend belastbare Tierwohlkriterien. In deutschen Discountern und Supermärkten werden immerhin rund 90 Prozent des Fisches verkauft. „Möglichst zügig und gleichzeitig glaubwürdig“ wolle man aus der Augenstielablation aussteigen, teilt der Bundesverband des Lebensmittelhandels auf Nachfrage mit. Man setze sich dafür ein, dass ablationsfreie Produktionsmethoden in der Garnelenzucht zum neuen Standard werden.

In den relevanten Zertifizierungssystemen wurden dazu inzwischen verbindliche Schritte verankert. Im Rahmen des Global-G.A.P.-Standards gilt spätestens von diesem Monat an die Vorgabe, dass Larven in zertifizierten Lieferketten ausschließlich von weiblichen Garnelen stammen dürfen, bei denen keine Augenstielablation oder vergleichbare invasive Methoden angewendet wurden. Auch der ASC-Standard sieht einen schrittweisen Ausstiegsprozess aus der Ablation vor, nämlich bis 2029, für einzelne Garnelenarten bis 2030 oder 2031.

„Shrimp-Aquakultur ist eine wichtige Einkommensquelle“

Die Organisation ASC betont, man müsse beim Umstieg stets die Produktionsländer einbeziehen. Vor vorschnellen Vorwürfen gegenüber den Produktionsländern warnt Matthew Slater, Leiter der Forschungsgruppe Aquakulturforschung am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. „Für viele Länder ist Shrimp-Aquakultur eine wichtige Einkommensquelle“, sagt er. „Es ist wichtig, nicht mit dem Finger auf Produzenten zu zeigen und zu sagen: Die sind böse zu den Shrimps, während wir gleichzeitig unsere Produkte und Technik dorthin verkaufen.“ Vielmehr müsse man mit den Produzenten im Ausland und hierzulande arbeiten, um die Haltung tiergerechter zu gestalten.

Weiblichen Muttergarnelen die Augen abzuschneiden, galt in vielen Ländern lange als schnelle und sichere Methode, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Darauf verweist auch Slater. „Inzwischen gibt es aber gute Alternativen“, sagt er. „Weil wir die Tiere inzwischen besser verstehen, können wir die Fortpflanzung über andere Stellschrauben steuern.“ Dazu zählen bessere Haltungsparameter wie Bestandsdichte, Futter und Licht.

Dennis Wittmann vom ASC betont, man dürfe die kulturellen Unterschiede nicht unterschätzen und müsse Verständnis vor Ort schaffen. „Hier im Westen möchten die Abnehmer, dass man auf Ablation verzichtet, aber es muss vor Ort auch wirtschaftlich vertretbar sein“, sagt er. Die Menschen müssten für den Umstieg Investitionen tätigen. Ihr Lebensunterhalt werde womöglich angegriffen, wenn die Garnelenlarven teurer werden. Betriebe müssen ihr Aufzuchtmanagement umstellen und die Pflege der Zuchtgarnelen anpassen.

Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass Garnelen erfolgreich ohne Amputation gezüchtet werden können. Der Umstieg auf andere Methoden könnte zudem positive Nebeneffekte haben. Das fanden Forscher der schottischen University of Stirling heraus. Die Ablation schwäche die Brut und mache die Garnelen anfälliger für Krankheiten. Bessere Haltungsmethoden hingegen sorgen für robustere Larven und Jungtiere, die damit auch finanziell von Vorteil sein können.

Dennoch ist im Bereich Tierwohl von Garnelen noch Forschung nötig, betont Matthew Slater vom Alfred-Wegener-Institut. Dass sich auf diesem Gebiet etwas bewegt, dürfte auch daran liegen, dass Tierwohl bei wirbellosen Tieren inzwischen stärker diskutiert wird. Zusätzlich üben Tierschützer mit Kampagnen und Rankings Druck auf den Handel aus. Die Niederlande haben als erstes Land ein EU-Importverbot für Garnelen aus Zuchten mit Augenstielablation gefordert.

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