Die deutsche Industrie schaut mit Sorge auf die gestiegenen Spannungen zwischen der EU und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. „Mögliche neue US-Zölle würden das Wachstum potentiell erheblich drücken“, sagte Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), am Mittwoch in Berlin. Bislang rechnet der Verband für dieses Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,0 Prozent. 0,7 Prozentpunkte davon gehen nach der Rechnung des Verbands auf die schuldenfinanzierten Ausgabenprogramme der Bundesregierung für die Infrastruktur und die Verteidigung zurück. Die Industrie, die in Deutschland für rund ein Fünftel der Wirtschaftsleistung steht, wird nach der Prognose des BDI 2026 kaum wachsen, sondern eher stagnieren. „Wir müssen unser Wachstumspotential auch deshalb erhöhen, um auf der internationalen Bühne nicht immer bedeutungsloser zu werden“, warnte Leibinger.
Ratschläge an Kanzler Friedrich Merz (CDU), wie Deutschland in den Gesprächen mit Trump auftreten soll, wollte Leibinger nicht geben. „Das ist das Primat der Politik zu entscheiden, wo die Grenze des Erträglichen erreicht ist.“ Die Wirtschaft habe diesbezüglich auch eine „Loyalitätspflicht der Regierung gegenüber“.
Leibingers Äußerungen zu Trumps Versuch, durch Zolldrohungen die Kontrolle über Grönland zu erlangen, klingen aber ohnehin ähnlich wie die des Kanzlers: den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen, die Gemeinsamkeiten betonen. Aber auch deutlich machen, dass die EU bereit ist, notfalls die „Handels-Bazooka“ zu zünden, was unter anderem amerikanischen Unternehmen den Zugang zum europäischen Markt erschweren würde. Als im vergangenen Sommer über den Einsatz des sogenannten Anti-Coercion-Instruments diskutiert wurde, sahen das die meisten Wirtschaftsverbände wegen der befürchteten negativen Folgen für sie noch kritisch. Das hat sich mit Trumps Grönlandzöllen geändert. Auch der BDI nannte das Anti-Coercion-Instrument Anfang der Woche explizit als Option. „Wertebasierter Pragmatismus sollte unsere Leitschnur sein“, sagte Leibinger.
Leibinger wirbt für Geduld
Mit Blick auf die Abhängigkeiten der Europäer von amerikanischen Unternehmen – militärisch, im IT-Bereich, aber auch in der Finanzwirtschaft – sagte der BDI-Chef: „Hier muss neu und strategisch gedacht werden.“ Lange Zeit seien diese Abhängigkeiten kein Risiko gewesen. Die Welt sei jetzt aber eine andere. Zugleich dämpfte er die Erwartungen: „Es wäre naiv zu glauben, dass wir schnell eine europäische Autonomie bei diesen Themen aufbauen könnten.“ Umgekehrt seien aber auch die Amerikaner von Europa abhängig, etwa bei den Maschinen für die Chipproduktion.
Die Stimmung in der Industrie ist laut BDI „fragil“. Die im vergangenen Jahr beschlossenen Maßnahmen der Regierung wie die verbesserten Abschreibungsbedingungen und Zuschüsse zu den Energiekosten seien richtig, aber nicht ausreichend. Neben dem Industrieverband zog am Mittwoch auch die Wirtschaftsvereinigung Stahl Bilanz. Demnach ging die Stahlproduktion in Deutschland 2025 gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent auf 34,1 Millionen Tonnen zurück. Einen ähnlich niedrigen Wert habe es seit der Wiedervereinigung nur in der Finanzkrise 2009 gegeben. Die Kapazitätsauslastung sei auf unter 70 Prozent gefallen.
In der Industrie insgesamt sind nach Angaben des BDI die Kapazitäten derzeit im Schnitt zu 78 Prozent ausgelastet. „Die Dauer der Krise belastet am meisten“, sagte Leibinger. Nach zwei bis drei Jahren kämen die Unternehmen an die Substanz. Der Personalabbau in vielen Branchen sei eine Folge, die Verlagerung von Investitionen an ausländische Standorte eine andere. Die Bundesregierung müsse mehr tun, um den Anstieg der Sozialabgaben und damit auch der Arbeitskosten zu bremsen. Gleiches gelte für den Abbau von Bürokratie.
Zur aktuellen Debatte um den hohen Krankenstand in Deutschland und die Sinnhaftigkeit der telefonischen Krankschreibung verwies Leibinger auf die Erfahrungen in seinem Unternehmen, dem schwäbischen Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf. In anderen europäischen Ländern sei der Krankenstand seit Jahren in etwa gleich, betrage rund drei Prozent. Nur in Deutschland habe er sich seit Corona verdoppelt und verharre auf diesem hohen Niveau von sechs Prozent.
Neben seiner Kritik am fehlenden Reformeifer der Bundesregierung zeigte sich der Industriepräsident auch selbstkritisch. „Natürlich haben wir auch in der Industrie Fehler gemacht.“ In den Jahren 2003 bis 2018 hätten für die Wirtschaft „außergewöhnlich günstige Bedingungen“ geherrscht – niedrige Energiepreise, niedrige Zinsen, ein schwacher Euro und viele Arbeitskräfte aus der Generation der Babyboomer. „Auch wir haben in dieser Zeit Kostenstrukturen aufgebaut, die jetzt nicht mehr tragbar sind.“ Das Sicherheitsdenken ziehe sich durch die gesamte Gesellschaft. „Wir haben vermutlich auch Fehler in der Produktpolitik gemacht.“ Nun müssten sowohl Politik als auch Wirtschaft „ihre Hausaufgaben“ machen.