Eine Erhebung der KfW stellte für das Jahr 2025 fest, dass es in Deutschland bei Schulen einen Investitionsrückstand von knapp 70 Milliarden Euro gibt. Wenn man diese Zahl anlegte, würde nicht viel übrig bleiben. Das Grunddilemma aber ist, dass immer davon ausgegangen wird, Infrastruktur bestehe nur aus Brücken und Straßen – Deutschland, das Autoland. Zur Infrastruktur gehören aber auch Krankenhäuser, Feuerwehren, Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Wir vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) sagen: Wenn wir „Deutschland fit für die Zukunft“ machen wollen; wenn Bildung, Forschung und Innovation einen größeren Stellenwert erhalten sollen – so steht es ja im Koalitionsvertrag –, dann gehören für uns dazu vor allem die Schulen. Es liegt jetzt an den Ländern, wie viel sie den Kommunen für die Schulen ausschütten.
Wie sähe Ihr Vorschlag aus?
Auf Bundesebene handelt es sich bei dem angesprochenen Sondervermögen – das Unwort des Jahres 2025! – um Schulden. Wenn wir der nächsten Generation das Abzahlen dieser Schulden aufbürden, dann ist das Mindeste, im Gegenzug in diese Generation zu investieren. Dann geht es eben nicht um Straßen, sondern um Schulen. Uns vom BDA geht es darum, dafür das Bewusstsein zu schaffen. Investitionen in den Schulbau müssen konsequent eingefordert werden.
Wie sollte künftig gebaut werden?
Wenn wir ehrlich sind, bauen wir Schulen noch immer wie vor 100 Jahren. Der Großteil besteht aus einem Flur und Zimmern rechts und links. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Die Lehr- und Lernkonzepte haben sich derart verändert, dass wir dem beim Schulbau Rechnung tragen müssen. Vor allem muss aber ein Verständnis einsetzen, dass Schule mehr ist als ein Ort, an dem Tafeln stehen und Lehrbücher ausgepackt werden. Schulen sind ganzheitliche Lernorte. In der Schule habe ich meine erste Konfrontation, meine erste Argumentation, den ersten Kuss; ich finde dort heraus, wer ich bin, wie Gemeinschaft funktioniert. Die Schule ist ein Ort der Demokratiebildung, und die ist wichtiger denn je. Wir müssen Schulen auch unbedingt inklusiver machen, und wir müssen es schaffen, dass Schulen so attraktiv sind, dass Schüler hier gerne lernen, dass sie Gemeinschaft schätzen, dass man das Handy gerne beiseitelegt. Architektur hat einen nicht unerheblichen Anteil daran, diese Lernräume zu schaffen: Man spricht nicht umsonst vom Raum als dem dritten Pädagogen.
Wie könnte sichergestellt werden, dass Schulen von dem Sondervermögen angemessen partizipieren?
Es braucht auf Länderebene zunächst die Kenntnis des Zustands der eigenen Schulgebäude. Weiter geht es um zukunftsfähige Raumkonzepte. Oft sind Schulen Orte, die mit einem Zaun umschlossen sind. Die Freiflächen stehen nicht der Nachbarschaft, der Gesellschaft zur Verfügung. Aber das könnten sie. Schulen könnten Orte sein – zum Teil passiert es schon –, an denen Vereine trainieren, an denen sich in den Abendstunden in Foyers Menschen versammeln. Die Schulbibliotheken könnten auch von kleineren Kommunen mitgenutzt werden. Schulen können dritte Orte sein. Darin steckt auch eine Chance, sich auf kommunaler Ebene zu konsolidieren.
Gibt es diese Bedarfsanalyse für die Schulen aus Ihrer Sicht in ausreichender Form?
Die Kommunen haben schon einen guten Überblick, allerdings in unterschiedlicher Qualität: Die eine Kommune ist besser gebrieft als die andere. Das hängt auch davon ab, wie die entsprechenden Verwaltungen aufgestellt sind. Viele Bauämter haben in ihrer personellen Ausstattung durchaus Optimierungspotential. Wo ein Aufzug fehlt oder eine Sanierung angesagt ist, sieht man schnell. Dabei geht es aber nur um kleinere Schönheitsreparaturen. Es fehlt meist an ganzheitlichem Nachdenken darüber, wie zum Beispiel aus einer alten Schule ein zukunftsfähiger Lernort werden kann. Diese Chance böte das Sondervermögen.
Dem BDA ist wichtig, dass die Fördermittelvergabe an Qualitätskriterien gebunden wird. Was ist damit genau gemeint?
Gemeinsam mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) haben wir zu dem Thema im vergangenen Jahr mehrere Symposien veranstaltet. Wir fordern die Kommunen auf, einen Teil des Sondervermögens für eine Qualitätsoffensive zu nutzen. Qualität bezieht sich zum einen auf die Qualität der Räume, der Lernlandschaften. Es geht aber auch um „Qualität im Prozess“. Wie oft ist es so, dass die Modulschule, also ein Typenbauwerk, das für mehrere Orte entwickelt wurde und aus vorgefertigten großen Bauteilen konstruiert ist, als vermeintlich beste Lösung hingestellt wird? Ihre Umsetzung geht schnell, ist überschaubar und verspricht im Kostenrahmen zu bleiben. Für die personell unterdeckte Kommune ist das eine einfache Lösung. Leider bleibt diese hinter den Möglichkeiten zurück, die eine individuelle Lösung verspricht. Qualität gelingt am besten in einem partizipativen Prozess, bei dem alle Seiten gehört werden. Qualität sollte außerdem über einen Wettbewerb sichergestellt werden; das Gegenteil davon sind Gesamtvergaben mit Generalplanern. Wir plädieren für Qualitäts- statt Preiswettbewerbe. Hinzu kommt: Die städtebaulichen Rahmenbedingungen, unter denen Schulen errichtet werden oder, noch besser, Schulen umgebaut oder Bestandsgebäude zu Schulen umgenutzt werden, sind derart individuell, dass man mit seriellen Lösungen oft nicht weit kommt.
Ist es nicht sinnvoll, bei Schulbauten Synergieeffekte zu nutzen, damit nicht bei jedem Projekt das Rad neu erfunden werden muss?
Oft wird davon ausgegangen, man baue entweder modular oder mit einem Architekten. Es gibt aber auch tolle Beispiele für ein „Sowohl als auch“: in Dresden zum Beispiel die Schule Schilfweg – ein Grundschulneubau in Holzmodulbauweise. Das Team von Peter Zirkel Architekten hat diese Schule weniger an der Bau-, sondern an der Straßenverkehrsordnung orientiert – Letztere legt ja am besten fest, wie groß Raummodule sein können. Das Wissen zum Bildungsbau ist bei den Kollegen, die sich darauf spezialisiert haben, vorhanden. Das ist auch bei jenen Kommunen so, die Schulbauämter haben. Aber dort ist es niedergelegt in Richtlinien und Regularien, die unserer Meinung nach regelmäßig angepasst werden müssten. Es ist immer die Rede davon, Deutschland brauche Bürokratieabbau. Wir sind der Meinung, Bürokratie ist gut, ergänzt werden muss sie allerdings durch Ermessensspielräume, um die passgenaue Lösung zu finden und schnellere Verfahren zu ermöglichen.
Wie sind die Gewichte beim Schulbau verteilt – zu welchem Anteil geht es um Neubau, Modernisierung, Umnutzung?
Man kann das zahlenmäßig schlecht herunterbrechen, da es immer von der Bereitschaft der Entscheidungsträger abhängt, in den baulichen Bestand zu investieren. Der Anteil an Neubauten ist beim aktuellen Schulbau aber wohl gering. Die Sanierung ist meist eine Herausforderung, weil die Grundrisse oft nicht mehr den neuen Anforderungen entsprechen, aber das lässt sich bewältigen. Bei der Umnutzung ist die Phantasie der Kommunen gefragt: Gibt es vielleicht Büro- oder Fertigungsgebäude, die in Schulen umgewandelt werden können? Auch dazu gibt es meist gute individuelle Lösungen, und es ist immer ein Vorteil, wenn man ein Gebäude in der Stadt erhalten kann. Diese systematische Herangehensweise könnte übrigens auch beispielhaft sein für den gesamten Umgang mit Bestandsgebäuden. Wir reißen in Deutschland zu viel ab, obwohl wir einen Bestand haben, der es oft wert ist, erhalten zu werden.
Sie fordern in Ihrer Initiative ein Konzept auf der Grundlage einer „zukunftsgerichteten pädagogischen Leitidee“. Aber gibt es die momentan, kann es sie im Föderalismus geben? Schulentwicklung wird ja immer individueller.
Es reicht ja, wenn man ein robustes, anpassungsfähiges, flexibles Gebäude bereitstellt, das eine Entwicklung zulässt. Die Ausdifferenzierung liegt immer auch an der Schulleitung und dem Kollegium, an aktuellen Trends und Entwicklungen. Architektur soll nicht zementieren, sondern zulassen. Der Grundwiderspruch aber ist: Wir sprechen von zukunftsorientierten Lernkonzepten und bauen wie in der Vergangenheit. Es ist unglaublich, wie viele Quadratmeter im Schulbau an Verkehrsflächen draufgehen, die Flure ähneln oft Bundeskegelbahnen. Wenn wir beim Schulbau preisgünstiger bauen wollen, müssen wir schauen, dass ein Flur mehr ist als ein Raum, um von A nach B zu kommen. Es muss auch Gruppenarbeit auf ihm stattfinden können. Ein Großteil dessen, was in den Schulbau investiert wird, geht überdies in die Technik. Technik ist verschleißanfällig und oft übertrieben. Bei der Haustechnik kann man eine Menge sparen. Ein gutes Beispiel ist die Jenaplanschule in Weimar, die im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen entstanden ist. Dort ist haustechnisch nur berücksichtigt worden, was man wirklich braucht. Gelüftet wird, indem die Schüler die Fenster öffnen. Wir müssen dafür sorgen, dass das Geld sichtbar investiert wird, in qualitätvolle Räume und einfache Technik. Eine Lehrkraft muss die Heizung ohne haustechnische Nebenausbildung bedienen können.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus den drei Schulbausymposien des vergangenen Jahres mitgenommen?
Bei dem Schulbausymposium in Berlin hat mich vor allem eine Schülerin beeindruckt, die vor Architekten und Kommunalvertretern die Situation auf den Punkt brachte. Auf die Frage, warum man andere Schulen bauen solle, sagte sie: „Ihr habt ein Sondervermögen aufgenommen, das wir abbezahlen sollen, okay. Ihr habt festgestellt, wir brauchen eine Bundeswehr, und wir Junge sollen das Land verteidigen, okay. Ihr bekommt den Klimawandel und die Nachhaltigkeit nicht in den Griff, das wird auf unseren Schultern landen, okay. Aber dann sorgt bitte wenigstens dafür, dass wir die beste Bildung bekommen, die wir kriegen können – und dazu gehören auch die besten Schulen, die wir bekommen können.“ Besser kann man es nicht sagen. Die Zustimmung war groß.
Gibt es Länderhandschriften beim Schulbau?
Die Stadtstaaten und die südlichen Länder sind investitionsfreudiger, hier gibt es vielleicht auch noch einen anderen Wohlstand. Berlin hat eine Taskforce für den Schulbau eingerichtet, weil man es musste. Ich hoffe, dass die Bildungsministerkonferenz sich gut austauscht und sich die Bundesländer gegenseitig anstecken. Ansonsten ist der Ansatz Bayerns mit dem Gebäudetyp E vielversprechend, mit dem keine bestimmte architektonische Form wie die Berliner Compartmentschule gemeint ist, sondern ein Bauen, bei dem bestimmte Regularien mit der Leitfrage „Was brauche ich wirklich, was kann ich weglassen?“ bewusst zurückgefahren werden, um günstiger und schneller zu werden. Wir müssen weg von der Überregulierung und dem Vollkaskodenken.
Alexander Poetzsch ist Freier Architekt in Dresden und Präsident des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA).
Source: faz.net