Banksys Identität gelüftet: Was bedeutet die Enttarnung von Banksy für jedes die Kunstwelt?

Angeschreddert war das Geheimnis um Banksys Identität schon länger: Nun ist es mit ziemlicher Sicherheit zerlegt wie der untere Teil des Kunstwerks „Love is in the Bin“, mit dem er 2018 Auktionsgeschichte schrieb. Damals schnitt im Versteigerungssaal von Sotheby’s in London ein im Rahmen eingebauter Mechanismus teilweise die Leinwand mit Banksys berühmtem Bildmotiv „Girl with Balloon“ in Streifen, nur Sekunden nach dem Zuschlag bei 860.000 Pfund, mit Aufgeld eine gute Million. Die europäische Käuferin trat nicht von ihrer Erwerbung zurück, wohl wissend, dass sie gerade einem Akt produktiver Zerstörung beigewohnt hatte, die ebenso marktkritisch wie affirmativ wirkte. Nur drei Jahre später kam die Arbeit wieder unter den Hammer und spielte netto 16 Millionen Pfund ein: Brutto 18,5 Millionen zahlte der asiatische Sammler, an den es ging.

Banksy ist ein Mythos und eine Marke

Poppige Kapitalismuskritik, in dem kapitale Gewinnmargen stecken, und das alles, ohne dass der anonyme Streetart-Künstler je seine Guerillastrategie der soziale Fragen aufwerfenden Spray-Interventionen verraten hätte: Daraus setzte sich der Mythos Banksy zusammen. Illegalen Graffiti, in Nacht-und-Nebelaktionen mit Schablonen im öffentlichen Raum platziert, bilden die Grundlage seines Werks. Die ersten tauchten Ende der Neunziger in Bristol auf. Nach der Jahrtausendwende hatte Banksy seinen unverwechselbaren Stil gefunden und hinterließ so bekannte Bilder „Girl with Ballon“ in London, den „Flower Thrower“ in Israel oder „Kissing Coppers“ in Brighton – Geschenke an die Allgemeinheit und perfektes Marketing zugleich, dem das Aufkommen sozialer Medien entgegenkam.

Politischer Protest, der Kritik provozierte: Graffito von Banksy an den Royal Courts of Justice in London, 2025Reuters

Wann immer in jüngerer Zeit neue Banksy-Murals auftauchten, ob Antikriegsbilder in der Ukraine, eine Serie von Tieren in London oder zuletzt zwei in den Himmel schauende Kinder in London, wurden sie sofort zu Internetphänomenen, spätestens sobald Banksy seine Urheberschaft auf Instagram bestätigte.

Wolkengucker? Sternenschauer? Flugzeugbeobachter? Banksys jüngstes Werk in Londondpa

Seine Anonymität schützte Banksy vor Strafverfolgung, sie wurde aber vor allem integraler Bestandteil seiner Markenbildung. Eine Galerienvertretung braucht der gesichtslose Brite schon lange nicht mehr, um sich im Geschäft zu halten. Das Business liegt in der Hand der von ihm gegründeten Authentifizierungsstelle Pest Control. Sie vergibt Echtheitszertifikate, über sie läuft der Verkauf von Druckeditionen und Postern zum kleineren Preis oder von teuren Gemälde, die wohl zielsicher privat an Abnehmer herangetragen werden.

Ein Buch, ein Film, ein Pop-up-Store und eine Vergnügungsparkparodie dürften eher Nebenerwerbe gewesen sein. Das ganz große Geld mit Banksy wird auf dem Sekundärmarkt gemacht, ohne dass er daran verdiente, in Galerien und auf Auktionen. Dort trifft sich die Anonymität des Künstlers mit der diskret behandelten Identität vieler Kunden. Die Händler müssen zwar wissen, mit wem sie Geschäfte machen, doch öffentlich preisgeben müssen sie es nicht. Und wer ein Millionenwerk über dem Sofa, im Safe oder dem Zollfreilager hat, will das eher nicht an die große Glocke hängen und agiert gerne über Vermittler.

Teil einer Serie von Wandbildern mit Tieren in London: Banksys umtriebiges NashornReuters

Banksy schien über Jahrzehnte die Quadratur des Kreises gelungen zu sein. Er vereinte subversive Street Credibility mit Massenzuspruch und Finanzelitengeschmack und musste nie mit seiner Person dafür herhalten. Das gehört zum Geheimnis seines Erfolgs, gerade in der Welt des Überwachungskapitalismus und der von Influencern massenweise gesuchten totalen digitalen Öffentlichkeit. Doch der Mensch ist ein neugieriges Wesen und erträgt Geheimnisse – selbst wenn es sich um angeblich in Bristol längst offene handelt – schwer. Eine Zeitlang wurde gemunkelt, Banksy sei Robert Del Naja von der Band Massive Attack, dann, der Franzose Thierry Guetta. Vor drei Jahren schossen Rechercheure sich nach Auftauchen eines alten BBC-Interviews mit entsprechenden Hinweisen auf den 1973 geborenen Künstler Robin Gunningham ein, der sich auch Banks nannte.

Aktenkundig in New York geworden

Auf Gunningham einigten sich nun wieder Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters. Bei einer großangelegten Spurensuche in Großbritannien, der Ukraine und den USA sichteten sie unter anderem Gerichtsdokumente und Polizeiberichte, in denen ein Graffitikünstler unter diesem Namen aktenkundig wurde: Als Mann, der im Jahr 2000 in New York dabei erwischt wurde, ein Werbeplakat von Marc Jacobs zu übermalen – wie Banksy damals. Eine Bestätigung, dass Banksy wirklich Cunnigham ist, gibt es nicht, doch die Sache scheint ziemlich sicher, selbst wenn der Künstler auf der Flucht vor der Identifizierung wieder einen Schritt weiter zu sein schient. Seit 2018 soll er als David Jones leben, also quasi als Max Mustermann oder Michael Müller: ein mittelalter weißer Brite wie zahllose andere. Womöglich hat er sein Namen inzwischen abermals geändert.

Banksy oder Cunningham oder Jones konnte als Anonymus das System bedienen, ohne Teil von ihm zu werden, entzog sich juristischer Verantwortung, institutioneller Kontrolle und der Celebrity-Kultur. Drohungen gegen ihn liefen ins Leere. Als geisterhafte Hand malte er mit scharfem Witz und Hang zum Kitsch Menetekel der Gegenwart an Wände. Jetzt könnte einiges anders werden. Ein nicht mehr anonymer Banksy kann Urheberrechte an seinen Werken geltend machen, aber auch wegen Beleidigung oder Vandalismus belangt werden. Wie etwa Behörden in Venedig künftig reagierten, wenn er wieder ein historisches Gebäude besprayte, hinge davon ab, ob Banksy seine enigmatische Aura als Künstler bewahren kann. Wird die Liebe zu ihm entschwinden, wie es der Herzluftballon aus der Hand des Mädchens auf dem Bild im Begriff ist, das bei Sotheby’s geschreddert wurde? Dafür ist er zu berühmt. Doch viel wird davon abhängen, welche Arbeiten er künftig zeigen wird – wo und unter welchen Bedingungen, und wie das Publikum sie aufnimmt.

Source: faz.net