Ballsaal am Weißen Haus: Trumps Treppe ins Leere

Das Weiße Haus gehört nicht Donald Trump, er ist nur dessen vorübergehender Hüter: Diese einfache Wahrheit musste Bundesrichter Richard Leon in Erinnerung rufen, als er am Dienstag vergangener Woche entschied, dass Trump für seinen riesigen Ballsaal-Anbau die Zustimmung des Kongresses brauche. Der Streit um den pompösen Bau, der rund 8400 Quadratmeter messen soll, stellt die Frage nach Trumps tatsächlicher Macht – es geht nicht allein um die Verkitschung der Hauptstadtarchitektur, sondern um die Frage, ob der Präsident seinen Amtssitz zu seinem persönlichen Werbeträger machen kann.

Die National Capital Planning Commission, in der viele Unterstützer Trumps sitzen, hat das Projekt nun erwartungsgemäß durchgewinkt, aber nach dem jüngsten Gerichtsurteil bleibt seine Zukunft ungewiss. Jetzt muss entweder der Kongress entscheiden, oder Trump gelingt es, den Anbau per gerichtlicher Revision durchzusetzen. Seine Amtszeit dauert noch etwas weniger als drei Jahre, und ein solches Bauprojekt samt Bunkeranlage im Keller kann leicht deutlich länger dauern.

Abkehr von Rationalität, Klarheit und Bescheidenheit

Zuletzt hatte sich Trump sogar einsichtig gezeigt – zumindest was Details, wenn auch nicht die grundsätzliche Ausrichtung des Gesamtprojekts angeht. Ausgerechnet Trumps konservative Architekten mussten sich von renommierten Kollegen öffentlich vorhalten lassen, was sie sonst ihrerseits den Vertretern der Moderne gern vorwerfen: grundsätzliche Mängel bei Praktikabilität und ästhetischer Glaubwürdigkeit.

Die neoklassizistischen Bauten in Washington sollten einmal etwas ausdrücken, das gerade nicht imperial gedacht war: die Würde und Zivilität eines republikanischen Bürgertums, das keinen König brauchte. Die Prinzipien der damaligen Hauptstadt-Planung brachte Benjamin Latrobe, der Architekt des Kapitols, auf den Begriff der „anmutigen und reifen Einfachheit“. Was heute wuchtig erscheinen mag, galt am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts als Ausdruck dieser Prinzipien (oder Wunschvorstellungen): Rationalität, Klarheit, Bescheidenheit.

Bauherr: Trump zeigte im Oktober 2025 eine Darstellung der damals aktuellen Planung des Ballsaalsdpa

Was immer man von ihrem ästhetischen Wert heute hält, Trump verkehrt diese Tradition ins Gegenteil. Das Goldornament im Oval Office, die Giebel und Portiken am geplanten Ballsaal, all das wird geschichtlicher Bezüge entleert. Anleihen bei barocker Verzierung für Königshäuser und bei Latrobes Neoklassizismus, der sich vom Monarchismus abwandte, werden munter gemixt. So sind auch Trumps Säulen keine bloße Rückkehr zum Neoklassizismus, sondern ein auf Äußerlichkeiten beschränktes Bedienen an dieser Epoche von Regierungsarchitektur, ohne Bezüge auf ihren damaligen Inhalt oder die damals ausgedrückten Wertvorstellungen. Zivilität oder ein Ethos des Dienstes der Institutionen am Bürger und an der Demokratie sollen diese weißen Säulen jedenfalls nicht mehr ausdrücken.

Kritiker wie der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman sehen hinter dem Design des Ballsaals denn auch viel mehr als Kitsch: den Wunsch, einzuschüchtern. „Geschmacklosigkeit und Tyrannei“ gingen Hand in Hand, meint Krugman. Die pompöse Kulisse signalisiere in erster Linie: „Widerstand ist zwecklos.“

„Seelenlosigkeit“ moderner Architektur

Hauptverantwortlich für das Projekt war zuerst James McCrery, der häufig gegen die „Seelenlosigkeit“ moderner Architektur gewettert und Schöpfern solcher Gebäude „Selbstüberhöhung“ vorgeworfen hatte. Jetzt sind er und sein Nachfolger Shalom Baranes es, die Sichtachsen zerstören, die nach klassischen Prinzipien geplant wurden. Da laufen wuchtige Treppen ins Leere, da führt kein Eingang ins Innere, wo alles auf eine Tür zulaufen müsste, und da schlucken überdimensionierte Säulen das Tageslicht. Selbst Trump schien nach der Kritik von Architekten eingesehen zu haben, dass es bei den Plänen von McCrery und nun Baranes Nachbesserungsbedarf gibt.

Denkbar ist, dass Trump das Weiße Haus verlässt und eine Baustelle hinterlässt. Vielleicht baut dann eines Tages jemand den historischen Ostflügel wieder auf: nicht als reine Rekonstruktion, sondern als postmodernen Zacken-Anbau voller Asymmetrien, der an die Abrisstrümmer erinnert – und künftige Generationen an diese Ära.

Source: faz.net