Vom Ende der Ära Kretschmann hätte man erwarten können, dass auch die Ära der Grünen dem Ende entgegengeht. Denn es war verfrüht gewesen, das postmaterialistische Zeitalter auszurufen, das wie gemacht schien für die Grünen. Nicht mehr Geld, Wohlstand, Wachstum, Industrie und Konsum, sondern Vielfalt, Gerechtigkeit, das gute Gewissen und die Natur sollten in diesem neuen Zeitalter den Lauf der Dinge regieren. All die Öko-Werte konnten sich im Klimaschutz wiederfinden, einschließlich der Kapitalismusallergie und Industriekritik, die zum Gründungsmythos der Grünen gehören wie die Sonnenblume.
Doch es ist ganz anders gekommen. Ausgerechnet die „große Transformation“ hat materielle Interessen wieder nach oben gespült, mit denen die Grünen schon nicht mehr gerechnet hatten. Aber hat es ihnen geschadet?
Kretschmann repräsentierte nicht nur die moral- und werteorientierte Seite der grünen Erfolgsgeschichte, sondern auch eine ganz andere, die immer nur unvollkommen mit „Realo“ beschrieben wurde. Der Landesvater wusste sehr wohl, dass es ohne bürgerliches Ethos, ohne Schaffe-schaffe-Häuslebaue nichts werden würde mit einer grünen Volkspartei. Also predigte er Maß und Mitte, pflegte einen guten Draht zur Industrie, entfernte sich zusehends von doktrinären Bundesgrünen und ließ vergessen, dass er eigentlich ein waschechter Grüner ist. Er schrieb ein Buch über eine „neue Idee des Konservativen“.
In Stuttgart ging es auch darum: Was kommt nach Merkel?
Kretschmann war den grünen Schwarzen so nahe wie Angela Merkel den schwarzen Grünen. Die Regierungszeit der beiden war um wenige Jahre zeitversetzt ungefähr gleich lang, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Merkel deshalb so populär war und ist, weil sie die erste grüne Kanzlerin im schwarzen, und Kretschmann, weil er der erste schwarze Ministerpräsident im grünen Gewand war. Im Wahlkampf inszenierte ihn die Partei als Ziehvater eines Politikers, der ganz ähnlich tickt. Cem Özdemir verwandelte sich als Spitzenkandidat zum CDU-Politiker. Auf den Plakaten: kein Hinweis darauf, dass er ein Grüner ist.
Es wird nur konsequent sein, dass CDU und Grüne in Baden-Württemberg wieder zusammen regieren. Sie sind kaum noch auseinanderzuhalten. Die CDU tat vor der Wahl alles, um dieses schwarz-grüne Vexierbild nicht zu zerstören. Sie verpackte ihre wirtschaftsliberale Zackigkeit in homöopathischen Zuckerkügelchen. Manuel Hagel setzte sich im Land zwar so sehr für einen Wirtschaftswachstumskurs ein wie Friedrich Merz im Bund. Aber womit die CDU nicht gerechnet hatte, war die Geschicklichkeit, mit der Özdemir eine grüne Politik präsentieren konnte, die nicht wehtut, sondern Kretschmann-Ruhe ausstrahlt. Sogar Boris Palmer passt in diese Welt, in der auch Grünen der Spruch über die Lippen kommt: Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen. Das Kretschmann-Özdemir-Versprechen ist Multikulti mit Kehrwoche.
Die SPD einer Saskia Esken war schon immer schwach
Wer da nicht mitmachen will, und davon gibt es im industriellen Speckgürtel von Stuttgart sehr viele, wählt schon lange nicht mehr SPD. Sie war hier schon immer schwach, weil die Südwest-CDU ähnlich wie die CSU von jeher das Milieu der Facharbeiter an sich binden konnte. Doch schwach und schwächer wie sie war, warfen die Sozialdemokraten auch noch die Reste von materiellem Verstand über Bord. Sie ähneln jetzt den Grünen, wie sie ohne Kretschmann dastehen würden, nur dass die SPD nicht einmal den Klimaschutz mehr als Dogma hat.
Wer schwarz-grüne Harmonie nicht mitmachen will, wählt aber auch nicht mehr FDP. Es ist ein paradoxer Schicksalsschlag für die Liberalen, dass es in dem Augenblick, da der Liberalismus und die liberale Demokratie in die Defensive gerät, für sie keinen Platz mehr in der deutschen Parteienlandschaft zu geben scheint. Wer die Grünen an der Spitze verhindern wollte, wählte CDU, oder, weil sich an der großen Koalition der beiden Parteien auch dann nichts ändern würde, die AfD. Sie ist nun auch in Baden-Württemberg mit Abstand die größte Oppositionspartei und die Ausgeburt einer radikalen Rückbesinnung auf einen kruden Materialismus: Wachstum statt Klimaschutz, Geld statt Flüchtlinge, Trump statt Ukraine, Putin statt Kretschmann.
Die FDP muss um ihre Existenz fürchten. Ihre Wähler wandern ab zur liberalen CDU, zu den linksliberalen Grünen und zur „neoliberalen“ AfD und suchen dort die Lindner-Reste. Die SPD hingegen kann immerhin noch hoffen. Nicht überall haben die Sozialdemokraten den Zug der Zeit so verpasst wie in der Heimat von Saskia Esken.
Schon am übernächsten Wochenende wird in einem Land gewählt, wo die SPD nicht nur die CDU, sondern auch die Grünen auf Abstand halten konnte. Ihr Cem Özdemir heißt dort Alexander Schweitzer und ist sogar schon im Amt. Nur eines wird dort genauso sein: die große Koalition und die AfD als größte Oppositionspartei. Das eine bedingt das andere, und etwas anderes ist nicht in Sicht.
Source: faz.net