Backöfen-Werk in Baden: Warum Bosch seine Musterfabrik erst modernisiert und dann opfert

Ordentlich aneinandergereiht hängen die in Form gepressten Stahlbleche an Förderbändern und schweben durch die Werkhalle. Düsen sprühen Seitenwände, Boden, Deckel und Rückwand mit einem matt schimmernden Pulver ein. Dann bewegen sich die Bauteile, die Roboter später zu Backöfen zusammensetzen, in die 835 Grad heiße Emaillierungsanlage. Sie brennt das Silikatpulver in die Bleche ein: Die Oberflächen verwandeln sich in typische, porenlose Emaille-Schichten.

Der Emaillierungsofen im Werk des Hausgeräteherstellers Bosch-Siemens Hausgeräte (BSH) in Bretten gehört zu den weltweit modernsten Anlagen dieser Art. Im Jahr 2025 in Betrieb gegangen, hat das Unternehmen sie erst vor wenigen Monaten als Musterbeispiel für Energieeffizienz im Journal des Deutschen Email Verbands vorgestellt.

Laufen wird sie jedoch nur noch bis März 2028. Spätestens dann will die Geschäftsführung um BSH-Chef Matthias Metz das Werk in dem badischen Städtchen 25 Kilometer östlich von Karlsruhe schließen. Für Arbeitnehmervertreter und Oberbürgermeister eine nicht nachvollziehbare Entscheidung – und das Symbol für dieses aus Sicht von Betriebsrat und Stadt irrsinnige Vorgehen ist die gerade neu gebaute Emaillierungsanlage.

Betriebsratschef Kristian Kipcic-Suta: „Das Management in München hat uns 2023 als Fabrik des Jahres im BSH-Verbund ausgezeichnet. Und nicht einmal ein Jahr später erfahren wir, dass man uns dichtmachen will.“Frank Röth

„Für uns ist das alles eine Katastrophe und völlig unverständlich. Wir verstehen nicht, dass man über Jahre investiert und auch jetzt das Werk noch weiter ausbaut und modernisiert und nun alles schließen will“, sagt Kristian Kipcic-Suta, Betriebsratschef des Werkes in Bretten, der F.A.Z. Im Oktober hat die BSH-Geschäftsführung in München bekannt gegeben, dass Europas führender Hersteller von Haushaltsgeräten sein Werk in Bretten aufgeben wird. Dass das Unternehmen nach dem Boom während der Corona-Pandemie Probleme hat, ist seit Anfang 2024 klar. Da kündigte BSH den Abbau von global 3500 Arbeitsplätzen an, erklärte aber, an den sechs deutschen Produktionsstandorten festhalten zu wollen.

„Deshalb war die Nachricht für uns wie ein Schlag ins Gesicht. Die Entscheidung kam völlig überraschend“, erläutert Kipcic-Suta weiter. Er erfuhr einen Tag vor der Verkündung von den Plänen. Brettens Oberbürgermeister Nico Morast bekam die Nachricht noch später: Nur wenige Minuten bevor das Unternehmen die Mitarbeiter in einer Produktionshalle zusammenrief, um den rund 1000 Beschäftigten den Beschluss mitzuteilen, meldete sich ein BSH-Manager im Rathaus. „Wenn ich ein Werk schließe, muss ich alles prüfen und erst mal sparen. Und wenn ich dann noch ein Problem habe, setze ich mich mit den Arbeitnehmern zusammen und überlege, wie ich das Problem in den Griff bekomme“, sagt Kipcic-Suta. „Genau das erwarten wir.“

BSH hat keine andere Fabrik für Dunstabzugshauben

Die Fabrik in Bretten ist eines von sechs BSH-Werken in Deutschland. Das Unternehmen stellt dort Backöfen und Dunstabzugshauben her. Während der Hausgerätehersteller Öfen neben Bretten noch im oberbayerischen Traunreut sowie an fünf weiteren europäischen Standorten fertigt, hat BSH bislang keine andere Fabrik, die in Europa für die Marken Bosch, Siemens, Gaggenau und Neff Dunstabzugshauben produziert. Der Hersteller, den die Konzerne Siemens und Bosch 1967 als Gemeinschaftsunternehmen gegründet haben und den Bosch 2015 vollständig übernommen hat, erlöste 2024 rund 15,3 Milliarden Euro. Die Zahlen für 2025 stellt BSH am nächsten Donnerstag vor. Das Ergebnis nennt das Unternehmen nicht.

BSH hat nach Angaben von Geschäftsführer Metz zuletzt immer Gewinne erwirtschaftet. Im Bosch-Konzern gehört BSH mit der Sparte Elektrowerkzeuge zum Geschäftsbereich Konsumgüter, der 2024 bei einem Umsatz von 20,3 Milliarden Euro eine operative Umsatzrendite von 2,4 Prozent erzielt hat. Den Ergebnisbeitrag von BSH weist Bosch nicht einzeln aus.

Für Bretten ist die BSH-Fabrik allerdings viel mehr als ein Standort im Produktionsnetzwerk von Europas Marktführer für Haushaltsgeräte. Das Werk hat die Wirtschaftsgeschichte der badischen Stadt im vergangenen Jahrhundert maßgeblich geprägt. 1877 gründete der Schlossermeister Carl Andreas Neff mit sechs Gesellen einen Handwerksbetrieb zum Bau von mit Kohle befeuerten Backöfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Unternehmen zum europaweit größten Hersteller von Elektroherden. Infolge eines missglückten Zukaufs übernahm AEG das Unternehmen Ende der 1960er-Jahre. Während der AEG-Krise 1982 rettete die baden-württembergische Landesregierung die Produktion mit der Zahlung von zehn Millionen Euro, bevor Marke und Werk auf BSH übergingen. Jetzt soll die Geschichte von Neff in Bretten endgültig zu Ende gehen – ausgerechnet 2028, ein Jahr nach dem großen Jubiläum: 2027 jährt sich die Gründung des Unternehmens zum 150. Mal.

Schockstarre bei vielen Mitarbeitern nach der Verkündung

Viele Mitarbeiter haben die Entscheidung immer noch nicht verstanden, geschweige denn akzeptiert, erzählt Betriebsrat Thomas Rudolph. Der Tag der Verkündigung im Oktober wirke weiter nach. Zwischen Früh- und Spätschicht hat die Werksleitung die Belegschaft in einer Werkhalle zwischen Paletten und halb verpackten Geräten zusammengerufen, ein Manager aus München verlas ein Schreiben. „Die Kollegen standen mit leerem Blick da. Das war eine Schockstarre, die Kollegen haben das Wochenende gebraucht, um zu realisieren, was passiert ist“, sagt Rudolph.

Was aus Sicht des Betriebsrats nicht zu der Entscheidung passt, sind die gerade erst abgeschlossenen oder noch immer laufenden Modernisierungsmaßnahmen im Werk. Da ist die im Mai 2025 in Betrieb gegangene Emaillierungsanlage. Für die Investition hat BSH eine Förderung in Höhe von einer halben Million Euro erhalten, die das Unternehmen jedoch nicht abruft, weil die Anlage wieder stillgelegt wird. Dann ist da eine neue hoch automatisierte Produktionslinie für Dunstabzugshauben. Gerade erst hat das Unternehmen die Montage für die Ofenproduktion modernisiert. Außerdem baut BSH seit einigen Wochen das „International Training Center“ um, in dem Verkäufer und Händler auf dem Werksgelände geschult werden. „Das Management in München hat uns 2023 als Fabrik des Jahres im BSH-Verbund ausgezeichnet und den hohen Automatisierungsgrad sowie die tolle Standortstrategie gelobt“, sagt Betriebsratschef Kipcic-Suta. „Und nur kurze Zeit später erfahren wir, dass man uns dichtmachen will.“

Das BSH-Werk in Bretten: Die Geschichte der Fabrik beginnt im Jahr 1877.BSH

Mit der IG Metall und seinem Team kämpft Kipcic-Suta gegen den Schließungsbeschluss. Der Betriebsrat hat Wirtschaftsprüfer engagiert, um die vorgelegten Zahlen zu prüfen. Die Arbeitnehmer kritisieren, dass die Geschäftsführung sie vor der endgültigen Entscheidung hätte informieren und einbeziehen müssen. „Wir können das nicht akzeptieren, das Werk schreibt schwarze Zahlen. Hier soll ein Standort geschlossen werden, der wirtschaftlich stabil dasteht. Wir haben tolle Argumente für den Standort“, sagt der Betriebsratschef. Er selbst hat BSH-Chef Metz mehrmals getroffen. Was im Detail besprochen wurde, sagt er nicht. Es gebe verschiedene Sichtweisen auf die Situation.

Genaue Zahlen zum Werk Bretten nennen weder Geschäftsführung noch Betriebsrat. Nach Schätzungen von Branchenexperten kam das Werk 2025 auf einen operativen Gewinn von etwa 23 Millionen Euro – und zwar bei einem Umsatz zwischen 250 und 300 Millionen Euro, woraus sich eine hohe einstellige Umsatzrendite ergibt. Die Auslastung bei den Backöfen liegt bei knapp 60 Prozent, bei den Dunstabzugshauben bei knapp 70 Prozent.

Die Stimmung in Bretten ist kämpferisch. Viele Beschäftigte identifizieren sich mit Neff und arbeiten schon seit vielen Jahren im Werk. Überall hängen Protestplakate mit Slogans wie „Wir sind Bretten“. Erste Protestaktionen gab es im Oktober, im Dezember ist eine Abordnung zur Betriebsversammlung in die Zentrale nach München gefahren, Ende Januar haben 2500 Demonstrierende eine Menschenkette um das Werk gebildet. Besonders getroffen habe die Beschäftigten nach Angaben des Betriebsrats, dass Bosch-Chef Stefan Hartung im Januar von einer „katastrophalen ökonomischen Situation“ im Werk gesprochen habe, obwohl er Bretten nie besucht hat.

Empörung bei den Verantwortlichen im Rathaus

Nur einen knappen Kilometer entfernt im Rathaus ist Oberbürgermeister Nico Morast (CDU) bemüht, seine Empörung zu zügeln. „Für mich stellt sich die Frage: Warum Bretten? Warum ein Standort, der hochprofitabel arbeitet?“, sagt Morast im Gespräch mit der F.A.Z. Er habe Verständnis für unternehmerische Entscheidungen, er wolle sie aber nachvollziehen, um sie seiner Bevölkerung erklären zu können. „Die Begründung der Geschäftsführung liegt mir bis heute nicht vor. Die in Bretten beanstandete Überkapazität gibt es in allen Werken von BSH.“

Besonders wütend ist Morast, dass die Geschäftsführung jedes Gespräch über eine Alternativlösung abblocke. Einmal habe er mit BSH-Chef Metz in der Zentrale in München geredet, dann den Manager in Stuttgart im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium im Beisein von Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) getroffen. „Ministerium, Landkreis und die Stadt Bretten reichen Matthias Metz die Hand. Wir haben gefragt: Was sind die Rahmenbedingungen, die wir ändern müssen? Wie können wir Sie in Ihrem eigentlichen Ziel unterstützen, kein Werk zu schließen?“, berichtet Morast von dem Treffen. „Metz lehnt die Diskussion darüber kategorisch ab. Er hat gesagt, wenn das so einfach wäre, wäre er früher gekommen.“ BSH habe die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Und: Man werde betriebsinterne Zahlen nicht kommentieren.

Morast verweist auf ein Parkhaus, das die Stadt 2022 für 8,5 Millionen Euro vor allem für BSH gebaut habe. Von 590 Stellplätzen sind 336 an das Unternehmen vermietet. „Es ging darum, dass das Unternehmen die begrenzten Flächen auf dem Werksareal für Produktion, Verwaltung und Logistik nutzen kann“, erläutert Morast. „Wir wollten das Unternehmen entlasten, damit die Investitionsmittel in die Produktion fließen können. Für mich war das proaktive Standortsicherung.“ Und nicht die erste: Bereits 1986 habe einer der Vorgänger Morasts, Oberbürgermeister Paul Metzger, eine Schließung des Werkes abgewendet, indem er in nur wenigen Monaten Flächen für eine Standorterweiterung erschlossen habe.

Brettens Oberbürgermeister Nico Morast neben historischen Neff-Herden im Rathaus: „Die Begründung der Geschäftsführung für die Schließung liegt mir bis heute nicht vor.“Frank Röth

Dass eine solche „proaktive Standortsicherung“ nicht uneigennützig ist, macht der Oberbürgermeister im nächsten Satz klar. Nach seinen Schätzungen geht es um 1000 direkte und bis zu 3000 indirekte Arbeitsplätze, die durch die Pläne in Gefahr seien. „Es ist für die Stadt und die Region eine Katastrophe“, sagt Morast. „Das reicht von Gastronomie und Hotellerie über Zulieferer und Handwerker, die teilweise kontinuierlich mehrere Personen in die Werkhallen schicken.“ Fatal nennt er die Aussichten für die Lebenshilfe, die Menschen mit Behinderungen für Handarbeiten in die BSH-Produktion entsende.

In Stuttgart habe BSH-Chef Metz zuletzt mit dem Druck von asiatischen Wettbewerbern argumentiert, damit, dass er die Verantwortung für 57.000 Mitarbeiter trage, die Auslastung in allen Werken sicherstellen müsse und keinen Gesprächsbedarf mehr sehe. „Aber was mir fehlt, ist eine Vorwärtsstrategie, das Werk gehört zu den profitabelsten von BSH in Deutschland“, sagt Morast und wird laut. „Ich bin in großer Sorge. Wenn wir alle in den Abgesang auf den Standort Deutschland einstimmen, kommt er auch.“ Das Werk in Bretten sei aber ein Paradebeispiel dafür, dass eine Fabrik trotz nicht einfacher Rahmenbedingungen wirtschaftlich arbeiten könne.

Bosch-Mutterkonzern verteidigt Entscheidung von BSH

Die BSH-Geschäftsführung nennt die Entscheidung eine „strategisch getroffene Maßnahme“ zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Gesamtunternehmens. Begründet wird sie mit der Unterauslastung der europäischen Werke, der anhaltend schwachen Marktentwicklung, der Preisverschiebung in untere Segmente und nicht absehbaren Marktverbesserungen. „Bretten hat die niedrigste Kapazitätsauslastung im europäischen Backofen-Produktionsnetzwerk und gleichzeitig die höchsten Arbeitskosten innerhalb des europäischen Produktionsnetzwerks“, sagt eine Sprecherin. Dass BSH die angebotene Hilfe nicht angenommen habe, liege daran, dass die Entscheidung „nicht auf Rahmenbedingungen basiert, die das Land Baden-Württemberg, der Landkreis oder die Stadt Bretten beeinflussen könnten“.

Die zurzeit laufende Modernisierung habe das Unternehmen schon „vor Längerem beschlossen und eingeleitet“. In welche europäischen Werke die Brettener Produktion nun verlagert wird, sagt BSH nicht. Die Geschäftsführung äußerte sich zudem weder zu der Frage, warum sie ausgerechnet das Werk schließe, das sie selbst 2023 noch wegen des hohen Automatisierungsgrades als Fabrik des Jahres ausgezeichnet hat, noch zum Ärger der Stadt Bretten, die 2022 vor allem für BSH ein Parkhaus gebaut hat, um die Zukunft der Produktion abzusichern.

BSH plant auch keine weiteren Gespräche mit Landeswirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut. Der Bosch-Konzern als Muttergesellschaft des Haushaltsgeräteherstellers „unterstützt die Entscheidung zur Standortschließung in Bretten ausdrücklich und trägt diese mit“, sagt Christian Fischer, stellvertretender Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung und verantwortlich für die Sparte Konsumgüter. „Auch wenn die Entscheidung schmerzhaft ist, ist sie unternehmerisch notwendig, um den sich deutlich veränderten Marktbedingungen Rechnung zu tragen und die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der BSH sicherzustellen.“

Im Rathaus von Bretten muss Oberbürgermeister Morast tief Luft holen, wenn er solche Antworten im „Sprachjargon von Pressemitteilungen“ hört. Um seine Enttäuschung über die Entwicklung zu verdeutlichen, eilt er ins Foyer seines Amtssitzes. Dort steht neben einigen Herden und Backöfen der Marke Neff auch die Werkbank des Unternehmensgründers. „Bretten ist kein Standort wie jeder andere. Neff ist die älteste Küchengerätemarke in Europa. Carl Neff hat sie an dieser Werkbank gegründet“, sagt der Brettener Oberbürgermeister. „Die ersten Backöfen kamen aus Bretten, es ist der traditionsreichste Standort im Verbund von BSH.“ Ein Standort, dessen Geschichte in zwei Jahren endet.

AllenAndreasArbeitnehmerArbeitskostenArtBaden-Württembergbaden-württembergischenBauBelegschaftBevölkerungBoschCarlCDUChristiancoronaCorona-PandemieDeutschlandEndeEnergieeffizienzEntwicklungEuroEuropaFFischerFörderungFrankGastronomieGeschichteGewinneHandarbeitenHandwerkerHaushaltsgeräteKarlsruheKohleKollegenLaufenLogistikLuftMANManagerMarkenMattMatthiasMillionMünchenNicoNicoleOberbürgermeisterPaulPersonenPlantProduktionProtestaktionenRoboterSelbstSiemensSparenStandort DeutschlandStefanStuttgartTAGThomasUnternehmenVerwaltungWeilWettbewerbsfähigkeitWillWirtschaftsgeschichteWirtschaftsministeriumZZeitZukunftZur