Babymilchskandal: Nestlé kämpft um dies Vertrauen welcher Eltern

Nach dem Skandal um verunreinigte Babymilchprodukte kämpft Nestlé darum, den Rückhalt der verunsicherten Eltern zurückzugewinnen. „Wir wissen, dass Vertrauen aufgebaut und manchmal wiederhergestellt werden muss, und genau das ist unser Ziel“, sagte der Vorstandsvorsitzende Philipp Navratil anlässlich der Vorstellung der Jahresergebnisse. Der 50 Jahre alte Schweizer hat im September die Führung des weltgrößten Lebensmittelproduzenten übernommen, nachdem sein Vorgänger Laurent Freixe wegen einer verdeckten Liebesbeziehung zu einer Untergebenen gehen musste.

Rückrufe in mehr als 60 Ländern

Nestlé hatte Ende November bei Stichproben in einem Werk in den Niederlanden geringe Mengen des Toxins Cereulid festgesellt. Wie sich später herausstellte, gelangte das Gift durch das zugegebene Arachidonsäure-Öl in die Babynahrung. Arachidonsäure ist eine Omega-6-Fettsäure, die wichtig ist für das Wachstum des Gehirns und der Sehkraft. Doch bei der Produktion dieses Öls durch einen chinesischen Zulieferer bildete sich Cereulid. Der Giftstoff bakteriellen Ursprungs kann Erbrechen und Durchfall auslösen. Nestlé rief schrittweise Babymilchprodukte in mehr als 60 Ländern zurück; andere Hersteller, die denselben Lieferanten hatten, zogen später nach.

Der Skandal ist inzwischen ein Fall für die Justiz. Ende Januar hat die Pariser Staatsanwaltschaft fünf Ermittlungsverfahren eingeleitet. Diese betreffen die Säuglingsmilchhersteller Nestlé, Lactalis , Danone , Babybio und La Marque en ­moins. Die Ermittler gehen den Fragen nach, ob Konsumenten getäuscht wurden, notwendige Rückrufe zunächst unterblieben sind und ob gesetzliche Sicherheits- oder Sorgfaltspflichten verletzt wurden. Überdies wird untersucht, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Konsum kontaminierter Milch und dem Tod von drei Säuglingen gibt.

Giftstoff in Danone-Produkten nachgewiesen

„Wir sind traurig darüber, dass drei Babys gestorben sind“, sagte Navratil im Gespräch mit Journalisten. Aber bisher gebe es keinen Hinweis, dass diese Todesfälle mit der Einnahme von Säuglingsnahrungsprodukten zusammenhingen. Nestlé sei von den Behörden dazu noch nicht kontaktiert worden, sei aber bereit, mit diesen zu kooperieren. In der Schweiz sind beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) bisher 20 Meldungen von Krankheitssymptomen eingegangen, die mit verunreinigter Säuglingsmilch im Zusammenhang stehen könnten. Das BLV hat bisher drei Proben betroffener Familien analysiert. Zwei davon enthielten Cereulid. Dabei handelte es sich um Produkte der Marke Aptamil, die der Hersteller Danone am 5. Februar zurückgerufen hatte.

Eine BLV-Sprecherin betonte auf Anfrage der F.A.Z., dass man eine Erkrankung nicht abschließend auf eine konsumierte Säuglingsnahrung zurückführen könne, auch wenn im entsprechenden Produkt Cereulid nachgewiesen werde. Denn es bestehe immer die Möglichkeit, dass ein Kind beispielsweise an einem – möglicherweise unerkannten – Infekt gelitten oder das entsprechende Produkt nicht vertragen habe.

Das BLV untersucht nun, ob die Unternehmen rasch genug und im Sinne des vorgeschriebenen vorsorglichen Gesundheitsschutzes reagiert haben. In der Schweiz müssen Lebensmittel bereits bei einem Verdacht auf eine mögliche Gesundheitsgefährdung zurückgerufen werden. Zudem verlangt das BLV, dass die Unternehmen ihre Qualitätssicherungs- und Prüfprozesse kritisch hinterfragen und ihre Lieferanten besser überwachen. Navratil sagte, dass es sich bei der Kontamination um ein neuartiges Risiko gehandelt habe, von dem zuvor niemand in der Branche gewusst habe. Inzwischen führe Nestlé vor und nach der Zugabe dieser Zutat entsprechende Tests durch.

„Wir haben schnell reagiert, andere nicht.“

Navratil wies den Vorwurf zurück, zu spät und zu zögerlich mit Rückrufen begonnen zu haben. Man habe als Erster die genaue Ursache des Problems identifiziert und Ende Dezember die gesamte Branche gewarnt sowie die Gesundheitsbehörden informiert. Zur gleichen Zeit habe man die Geschäftsbeziehung mit dem chinesischen Lieferanten beendet. „Wir haben schnell reagiert, andere nicht“, sagte Navratil mit Blick auf die betroffenen Konkurrenten wie Danone, die erst einen Monat nach Nestlé ihre Produkte zurückgerufen hätten. Das kontaminierte Öl stammte von der Firma Cabio Biotech. Das Unternehmen aus Wuhan antwortet nicht auf Presseanfragen.

Im Oktober hatte Navratil das laufende milliardenschwere Kostensenkungsprogramm verschärft und den Abbau von 16.000 Arbeitsplätzen angekündigt. Könnte dies direkt oder indirekt zu Defiziten im Qualitätsmanagement führen oder schon geführt haben? Diese Frage verneinte Navratil. Produktqualität und -sicherheit stünden an erster Stelle. „Da nehmen wir keine Abkürzungen.“ Auf diesem Feld sei auch nicht geplant, Investitionen oder Stellen zu streichen. Nestlé folge in seinen Fabriken strengen Vorgaben, die meist über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinausgingen.

Der größte Rückruf in der Unternehmensgeschichte hat das Konzernbetriebsergebnis, das 2025 um gut acht Prozent auf 14,4 Milliarden Franken gesunken ist, mit 75 Millionen Franken belastet. Nach Einschätzung der Nestlé-Finanzchefin Anna Manz dürften im ersten Quartal des laufenden Jahres infolge der Produktrückgaben und Lagerengpässe etwa 200 Millionen Franken Umsatz verloren gehen. Die indirekten Auswirkungen des Vorfalls, der den Ruf von Nestlé beschädigt hat, seien derzeit schwer einzuschätzen. Navratil indes zeigte sich zuversichtlich, dass das Unternehmen keinen dauerhaften (Marken-)Schaden erleiden werde.

Im Jahr 2025 sank der Umsatz des Konzerns um zwei Prozent auf 89,5 Milliarden Franken. Bereinigt um Wechselkurseffekte sowie Zu- und Verkäufe meldet Nestlé ein organisches Wachstum von 3,5 Prozent nach 2,2 Prozent im Jahr zuvor. Hierzu trugen vor allem Preiserhöhungen bei. Für das laufende Jahr peilt Navratil ein organisches Wachstum von drei bis vier Prozent sowie eine operative Ergebnismarge an, die oberhalb der 16,1 Prozent liegen soll, die 2025 erreicht wurde.

Navratil will das Wachstumstempo durch einen Konzernumbau beschleunigen. Er richtet das Geschäft auf vier Kernbereiche aus: Kaffee, Tierfutter, Nutrition und Gesundheit sowie Kulinarikprodukte und Snacks. Die bisher separat geführte Gesundheitssparte (Health Science) wird mit der Nutrition-Einheit zusammengeführt, um Synergien zu heben. Schwach laufende Geschäfte will Navratil konsequenter als bislang aussortieren. Das Speiseeisgeschäft in Asien, Kanada und Lateinamerika, das Nestlé bisher noch in Eigenregie betreibt, soll an das bestehende Eis-Joint-Venture Froneri verkauft werden. Die Pläne kamen bei den Anlegern gut an. Der Aktienkurs von Nestlé stieg am Donnerstag im Verlauf um fast fünf Prozent auf 82 Franken. Hierzu dürfte auch beigetragen haben, dass die Dividende um fünf Rappen auf 3,10 Franken steigen soll.

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