Es war die wahrscheinlich schönste Apotheose der Seriengeschichte. Da ritt er einsam dem Horizont zu. Tommy Shelby, der von den Dämonen seiner Gegenwart, seiner Familie und den Traumata des Ersten Weltkriegs versehrte, verjagte legendäre Chef der Peaky Blinders. Am Ende der sechsten Staffel der vielleicht stylishsten aller Netflix-Serien. Die hatte vom Aufstieg der Birminghamer Roma-Gangster erzählt. Aus dem Dreck des Jahres 1919 in den von Faschisten bedrohten Schlamassel der Londoner Politik anno 1934.
Eine Geschichte von shakespearescher Wucht. Königsdrama und Familientragödie. Englische Zeitgeschichtserforschung auch. Eine Art Babylon Birmingham. Und das finstere Gegenstück zu „Downton Abbey“. Ein Hochamt der gebrochenen Männlichkeit. Ein Epos, das Schiebermützen wieder in Mode brachte, Dreiteiler und knöchellange Männermäntel. Und das Cillian Murphy zum Star werden ließ, weil es ohne dessen physische Präsenz, das Leuchten seines Gesichts, ohne seine abgründige Coolness nichts gewesen wäre.
Dann war’s vorbei. Von den Shelbys war kaum einer mehr am Leben. Aber es lagen noch ungefähr so viele lose Fäden herum wie Leichen den Weg des Tommy Shelby bis dahin gepflastert hatten. Das war vor fast vier Jahren. Eine siebte Staffel hatten die „Blinders“-Väter Stephen Knight und Tom Harper aus diversen Gründen – unter anderem wegen des Todes von Helen McCrory, die Tommys charismatische Tante und Gegenspielerin war – ausgeschlossen. Die Lücke war trotzdem entsetzlich. Die Ungewissheit, wie es mit dem dunklen Lord der Midlands am Ende des Horizonts und im drohenden nächsten Weltkrieg weitergehen würde, schwärte. Jetzt ist er wieder da.
Der Winter ist gekommen. Den Kampf um den Thron der Blinders hat Tommy für sich beendet. Wir schreiben den November 1940. Malerisch fällt Schnee über Birmingham. Und es fallen Bomben der Deutschen auf die Stadt. Die lassen in den KZs tonnenweise Falschgeld drucken, um damit und mit der Hilfe britischer Nazis die englische Wirtschaft zu ruinieren. Beckett heißt die Spinne in Britanniens Faschisten-Netz. Tim Roth spielt ihn mit seltsam gebremster Bösartigkeit.
Beckett kauft sich bei den Blinders ein. Deren irrer König ist jetzt Duke, Tommy Shelbys Sohn, den er vor der „Blinders“-Zeitrechnung mit einer Roma-Magierin gezeugt hat. Duke – Barry Keoghan spielt ihn mit hinreißend kindlicher, diabolischer Zerrissenheit – ist ruchloser, gesetzloser, freier von jeder Moral als sein Vater. Der lebt in den Ruinen seines Lebens und seines Landsitzes.
Das sieht aus wie ein Kloster. Ist aber ein Geisterhaus, in dem sich Tommy allmählich bei lebendigem Leib selbst in ein Gespenst verwandelt. Seine Memoiren will er schreiben, um seine Dämonen zu bannen. „The Immortal Man“ sollen sie heißen. Er kommt nicht recht voran. Vor Trauer. Vor Zwiegesprächen mit den Leichen im Keller seiner Seele.
Schöner hat Trauer schon lange nicht mehr ausgesehen wie auf dem Gesicht, in den Bewegungen des Cillian Murphy. Er muss nicht viel sagen. Die Kamera liest ab, was er – ein Meister der minimalen mimischen Beredsamkeit – ins Schweigen malt mit einem Nichts an Gesten. Die Kamera liebkost ihn, hüllt ihn ein mit sanfter Melancholie, selbst wenn er Leute in die Luft sprengt, die ihm krumm kommen.
Eine epische Schlammschlacht
Einmal reitet er seiner Kneipe zu. Er zieht wieder in den Krieg. Eben hat man Cillian Murphy noch losgehen sehen, wie nur er losgehen kann, gebändigt, gespannt, den Kopf nach vorn gebeugt, verschattet von der ikonischen Kappe. Von den Leuten auf der Straße wird Tommy Shelby wie ein Erlöser begrüßt. Er reitet in Small Heath ein wie Jesus in Jerusalem. Wie damals 1919, als alles begann. Dem Erdboden enthoben. Mit seinem Sohn hat er sich gerade eine epische Schlammschlacht in einem Koben voller Schweine geliefert. Die hatte, das merkt man jetzt, Steven Knight zwar auch zum Zwecke der Leichenbeseitigung ins Buch der Blinders geschrieben, vor allem für diese Szene. Tommy Shelby sitzt also auf seinem schwarzen Pferd. Die Schiebermütze auf dem Kopf, den langen, ikonischen Mantel um. Auf dem ist die Schweinescheiße gerade getrocknet. Die Sonne scheint in Tommy Shelbys Rücken. Und die Scheiße auf seinem Rücken leuchtet wie Gold auf einer Ikone.
Solche Szenen hat es in Fülle in „The Immortal Man“. Dazwischen ist nicht viel. Manchmal sieht der Film aus wie die aus acht Folgen zu einem überlangen Trailer zusammengeschnittene siebte Staffel. Die neuen Figuren füllen eher mühsam die Lücken, die Arthur und Michael und Ada Shelby hinterlassen haben. Es ist kitschig. Es ist melancholisch, dreckig, erwartbar und von höchster optischer Eleganz und Coolness. So wie es immer war. Großes und ein bisschen leeres Kino. Und so kommt auch, wie es kommen muss. Und wie man es schon weiß, wenn man Tommy das erste Mal begegnet in „The Immortal Man“.
Tommy zieht ein letztes Mal durch die Schützengräben seiner Seele. Und in ein letztes Shootout, gegen Feinde, die noch kranker sind als er selbst. Er gibt – die Bibel war schon immer einer der zentralen Subtexte dieser Serie – sein Leben für Familie, Vaterland, für die Welt. Liegt wie in einer säkularen Pietà im Arm seines Sohns.
Dann ist es vorbei. Und man ist fast ein bisschen erleichtert. Das Buch seines Lebens wird weitergegeben. Wie es heißt, ist ein Ableger geplant. Zwei Staffeln. Spielt 1953, im Jahr der Krönung von Elisabeth II. und der Everest-Erstbesteigung. Eine Wiederauferstehung des Tommy Shelby allerdings darf man ausschließen.
Source: welt.de