Autor Michael Wildenhain: Erste Liebe, Verrat und Tod in Westberlin

Westberlin, 1969: In Schöneberg gibt es Kuhställe. Rolltreppen sind zum Teil noch aus Holz gemacht. Kinder werden zur Kneipe um die Ecke geschickt, um ein paar Flaschen Bier für den Vater zu holen. Die Kinderärztin raucht Kette, vermutlich HB oder Roth Händle.

Die „BRD“ ist von dieser Stadt, wie sie Michael Wildenhain in seinem neuen Roman beschreibt, sehr weit entfernt. Die Mauer und Ostberlin spielen im Alltag so gut wie keine Rolle. Genauso wenig wie „die 68er“. Sie huschen durchs Bild, agitieren mit mäßigem Erfolg, organisieren sich mehr schlecht als recht und demonstrieren gelegentlich. Einige radikalisieren sich, basteln dilettantisch an Bomben herum und werden vom Verfassungsschutz infiltriert. Wildenhains Protagonisten lässt dieser Stoff für die großen Geschichtserzählungen eher kalt. Sie boxen sich im wahrsten Sinn des Wortes durchs Leben. Wer wen küsst, in die Hose oder unters Hemd fasst, ist für sie sehr viel wichtiger als Attentate, Kalter Krieg oder Weltrevolution.

„Das Ende vom Lied“ collagiert den Motivschatz von Wildhains bisherigen Romanen. Die ungleichen Blutsbrüder sind wieder da, die unsicheren Familienverhältnisse und unaufgeklärten Familiengeheimnisse, die lange Nachkriegszeit, die Schlüssellochperspektiven, das ganze Zeit- und Sprachkolorit. So wie der Ich-Erzähler rund um seinen dreizehnten Geburtstag an einer biographischen Schwelle steht und sein Leben neu sortiert, so verändern sich auch die Verhältnisse insgesamt, nur eben auf eine unheroische Weise im privaten Nahkampf um Beziehungen, Freundschaften, Anerkennung, Beruf und Einkommen.

Auf dem Holzbein zum Arbeitsplatz humpeln

Die Familie des Erzählers ist gerade von Charlottenburg nach Schöneberg in eine größere Wohnung umgezogen, die sich die Eltern knapp leisten können. Das zum Teil noch zerbombte Haus ist zwar so brüchig wie die Ruinen der Umgebung, die den Kindern zunächst einen Spielplatz bieten, bevor sie ordnungsgemäß gesperrt werden. Der Familie bleibt nun aber mehr Platz. Sie kann ein wenig Luft holen. Die Mutter erwartet die Geburt der kleinen Rosa. Der Vater humpelt auf einem Holzbein zum Arbeitsplatz im Straßenbahndepot direkt gegenüber – die Prothese ist ein Andenken an die russische Kriegsgefangenschaft.

Im Roman fährt noch die Tram (tatsächlich wurde der Betrieb in Westberlin bereits 1967 eingestellt). Der einige Jahre jüngere Bruder des Erzählers kommt mit seiner Umgebung nicht so gut zurecht und ist froh, als er auf ein Internat gehen darf. Dass ein Lehrer ihm dort näher kommt als erlaubt, deutet der Erzähler nur an.

Michael Wildenhain: „Das Ende vom Lied“. Roman.Verlag

Am Beginn des Romans zeichnet sich also eine Aufstiegsgeschichte ab. Der Umzug hätte ein Neuanfang sein sollen, aber die Spannung zwischen den Eltern nimmt immer weiter zu. Alkohol spielt dabei eine Rolle, auch die berufliche Situation des Vaters. Zunächst sind es nur Gerüchte, dann steht fest, dass die Straßenbahn in Westberlin keine Zukunft hat und die Werke schließen. Der Vater findet – auch dies nur vorübergehend – einen Job als Nachtwächter. Die Mutter verdingt sich als Putzfrau, um das Auskommen zu sichern. Ihr Sohn sieht, wie sie auf Knien den Boden schrubbt und in einer Villa die Drecksarbeit erledigt.

Dass es im Leben der Familie einfach nicht rundlaufen will, liegt letztlich jedoch weder an den ökonomischen Umbrüchen noch an der sozialen Ungleichheit. Vielmehr ragen die historischen Erblasten in die Gegenwart hinein: Traumatische Erlebnisse, die die Mutter beim Einmarsch der Roten Armee und auf der Flucht gemacht hat. Hier stand ihr ein Mann bei, der sich nun auch ins Leben des Ich-Erzählers drängt, ein Kleinganove, der als V-Mann für den Verfassungsschutz die linke Szene unterwandern soll und sich davon eine finanziell rosige Zukunft erhofft. Wie er ins Familienbild passt, ist das große Rätsel des Romans.

In der größten Not werden Libellen zu Kannibalen

Parallel dazu verläuft die Coming-of-Age-Geschichte des Erzählers, der um seine erste Liebe und einen Platz in den jugendlichen Straßenbanden kämpft. Das Knarren der Prothese im „Spezialschuh“ des Vaters bildet dazu die historische Begleitmelodie des versehrten Lebens, ein anderes Grundmotiv ist das Leben und Sterben von Libellen. Gleich am Anfang beobachtet der Erzähler die letzten Zuckungen eines Insekts, das im Februar zur Unzeit in die Sporthalle Schöneberg geflogen kam. Von da an tauchen die Tiere immer wieder auf als Sinnbild für ein Leben, das, wenn es wirklich darauf ankommt, keine Solidarität kennt – in der größten Not werden Libellen zu Kannibalen.

„Man muss sich wehren. Immer“, lautet einer der ersten Ratschläge des Romans. Am Ende erklärt der Vater dem Erzähler: „Manchmal … hat man die Kraft zu kämpfen. Manchmal hat man sie nicht.“ Es wirkt zunächst ein wenig zu hoch gegriffen, wenn Wildenhain den Nibelungen-Mythos als eine der vielen literarischen Leitreferenzen aufruft. Die ganze Geschichte mündet jedoch konsequent in Tod und vielfachen Verrat.

Wildenhain hat seinen Roman „den Enkeln“ gewidmet. Gewiss lernen sie dabei ein Berlin kennen, das einmal anders aussah, schmeckte, klang und roch, als sie es jetzt auf einer ihrer Klassenfahrten erleben. Viel aufschlussreicher als der Inhalt des Romans sollte für sie allerdings dessen eigentümlich raue Form sein: Manchmal macht es Wildenhain seinen Lesern leicht, der Handlung zu folgen, manchmal verliert er sich in Andeutungen.

Immer wieder unvermittelt andere Stimmen

Einiges ist sehr dick aufgetragen, anderes zart hingetupft. Die Leitperspektive gibt der Ich-Erzähler vor, der ganz aus dem Moment heraus beobachtet, aber auch aus dem Abstand von vielen Jahren rückblickend kommentiert. Und immer wieder kommen ganz unvermittelt andere Stimmen hinzu. Das erzählerische Spektrum ist dabei so breit wie die Lektüren des Erzählers, der sich von „Perry Rhodan“ über Karl May, Jack London und Mark Twain bis zu Franz Kafka und den großen abendländischen Sagen alles einverleibt.

Was also können die „Enkel“ daraus mitnehmen? Vielleicht dies: Dass es eine Geschichte gibt, über die man in Geschichtsbüchern nichts erfährt, sondern nur dank der Vorstellungskraft von Romanen wie „Das Ende vom Lied“, die sich und uns das Erinnern nicht zu einfach machen und die von der Vergangenheit als unheimlichem Gewebe erzählen.

Michael Wildenhain: „Das Ende vom Lied“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 416 S., geb., 26,– €.

Source: faz.net