Autonomes Fahren: Wie Hamburg zur Hauptstadt zu Händen Robotaxis werden will

In Hamburg sind autonome Autos schon im Straßenbild angekommen, wenn auch nur in begrenztem Umfang. Die Volkswagen-Tochtergesellschaft Moia schickt in mehreren Stadtteilen nordöstlich der Alster eine kleine Flotte selbstfahrender Shuttles auf die Straße – noch mit Sicherheitsfahrern an Bord, weil die Technik bislang an ihre Grenzen stößt. Nun öffnet sich die Hansestadt für ein weiteres Projekt, dieses Mal mit dem Unternehmen Freenow. Der Taxivermittler mit Hauptsitz in Hamburg will in ausgewählten Vierteln autonome Taxis einsetzen und hat darüber eine Vereinbarung mit dem Senat geschlossen.

„Ein Meilenstein, nicht nur für Hamburg, sondern für ganz Deutschland“, nennt das der Freenow-Chef Thomas Zimmermann im Gespräch mit der F.A.Z. Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) sagt, dass das Vorhaben dazu beitragen werde, die Vorreiterrolle der Stadt weiter auszubauen. Autonome Taxis gehören zu den großen Zukunftsthemen der Autobranche. International macht die Technik rasante Fortschritte. In Deutschland und Europa kommt sie dagegen nur schleppend voran. Hersteller wie Mercedes und BMW konzentrieren sich vor allem auf Assistenzsysteme für Privatkunden, vollautonome Flotten für Rufdienste und geteilte Mobilität in Städten stehen für sie an zweiter Stelle. Der Volkswagen-Konzern musste mit seinem Projekt einige Rückschläge verkraften, bevor es sich nun langsam in Richtung Marktreife bewegt.

Freenow will in Hamburgs Randbezirke

Freenow, früher eine Gesellschaft von BMW und Mercedes, heute eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Fahrdienstvermittlers Lyft, will nun in Hamburg gezielt Randgebiete erschließen. Konkret sei geplant, das Angebot in den Gebieten Altona-West, Hamburg-Nord und Bergedorf im Osten an den Start zu bringen, kündigen Unternehmenschef Zimmermann und Senator Tjarks im Gespräch an. Das Projekt soll eng an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sein und eine Regel aus dem Personenbeförderungsgesetz nutzen, die es Taxiunternehmen schon heute ermöglicht, schlecht angebundene Gebiete mit besonderen günstigen Tarifen zu befahren. Wer etwa im Hamburger Norden wohnt und die „letzte Meile“ von der S-Bahn mit dem Taxi zurücklegen will, soll dafür nur ein paar Euro zahlen müssen.

Das Tarifmodell soll noch in diesem Jahr mit herkömmlichen Taxis und Fahrern starten, parallel beginnen mit Sensoren und Kameras ausgestattete Fahrzeuge damit, das Gebiet für die Robotaxis zu kartieren. Vom kommenden Jahr an sollen Fahrgäste dann auch ohne Fahrer unterwegs sein können. Freenow-Chef Zimmermann spricht von „mehreren Hundert“ autonomen Fahrzeugen, die perspektivisch in die Flotte integriert werden sollen und später auch in weiteren Teilen der Stadt verkehrten.

Zweites Projekt startet in London

Den Pakt mit Hamburg sieht er als erstes Modell dieser Art in Deutschland, in dem „eine Stadt und ein privates Unternehmen gemeinsam einen strategischen Rahmen für die Einführung von Level-4-Fahrzeugen im Taxiverkehr festlegen und klare Regeln für deren Integration schaffen“. „Level 4“ bezeichnet ein hohes Niveau der Automatisierung, bei dem Fahrzeuge ohne Fahrer auskommen. Daran arbeitet auch Volkswagen mit Moia, allerdings nicht als Ruftaxi für Einzelkunden, sondern als Shuttle, in dem sich mehrere Fahrgäste einen Weg teilen.

Für Lyft, den Eigentümer von Freenow, ist Hamburg eines von zwei großen Projekten in Europa. Parallel läuft ein Vorhaben in London, für das die Amerikaner schon einen Technologiepartner benannt haben: Ihre britischen Robotaxis sollen mit Technik des chinesischen Konzerns Baidu fahren, der in China eine ähnliche Stellung hat wie Google in den Vereinigten Staaten. In Hamburg hält sich Freenow über die Wahl der Technik bislang bedeckt – auch, weil die Entscheidung politisch brisant ist. Chinesische Systeme gelten als leistungsfähig, werden jedoch kritisch beäugt – als Problem gelten der Datenschutz und die IT-Sicherheit.

So fanden Techniker in Norwegen kürzlich in chinesischen Elektrobussen einen Mechanismus, den sie als „Killswitch“ einstuften, also ein System, mit dem sich Fahrzeuge aus der Ferne abschalten lassen. Freenow-Chef Zimmermann sagt, man werde sich in den kommenden Monaten mit der Auswahl eines Technologiepartners beschäftigen. Verkehrssenator Tjarks hält sich ganz zurück und sagt, etwaige Fragen zu dem Thema müsse die Bundesregierung beantworten. Denn es gehe um ein Thema, dessen Spektrum „deutlich über eine Hamburger Verkehrsbehörde hinausgeht“.

Die künftige Mobilität in den Städten beschäftigt Unternehmen auf der ganzen Welt. Sie soll sauberer, effizienter und preiswerter werden. Dadurch entstehen viele neue Geschäftschancen. Freenow hatte in Hamburg ursprünglich unter dem Namen „My Taxi“ angefangen – Kunden rufen über eine App auf dem Smartphone ein Taxi, und das Unternehmen vermittelt die Buchung dann an verbundene Taxizentralen oder direkt an Fahrer, mit denen Freenow einen Vertrag geschlossen hat. Lyft wiederum hat seinen Ursprung in Amerika und verfolgt ein Geschäftsmodell, das mit dem weithin bekannten Konkurrenten Uber vergleichbar ist. Mit der Übernahme von Freenow hatten sich die Amerikaner im vergangenen Jahr Zugang zum Taximarkt in ganz Europa verschafft.

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