Stellantis befindet sich im Umbau, und dieser Prozess hat noch viel Strecke vor sich. Der nun ausgewiesene Milliardenverlust spiegelt den Wechsel von einer Elektrifizierungsstrategie hin zu einem technologisch breiten Angebot wider. Er enthält aber auch das Großreinemachen, das viele Vorstandsvorsitzende nach ihrer Ankunft als Grundlage für neues Wachstum vornehmen. Laut den jüngsten Zahlen gibt es in den Vereinigten Staaten neue Hoffnungszeichen, wo sich die Zulassungszahlen zuletzt mehr als verdoppelt haben. In Europa dagegen ist man noch lange nicht an diesem Punkt. Dort drückt die Konkurrenz auf die Preise, es gab Rückrufaktionen und Qualitätsprobleme. Im Universum der Opel-Muttergesellschaft Stellantis herrschen seit Längerem die zwei großen Welten USA und Europa, doch die Priorität haben jetzt ganz klar die Vereinigten Staaten. Dort will der Konzern in vier Jahren 13 Milliarden Dollar investieren, der größte Betrag seit hundert Jahren. 5000 Arbeitsplätze sollen jenseits des Atlantiks entstehen, die Produktion um die Hälfte durch fünf neue Modelle steigen. 2000 Ingenieure hat Stellantis in jüngerer Zeit eingestellt, auch diese vor allem in den Vereinigten Staaten.
Transatlantischer Spagat
Europa dagegen kommt im Narrativ des italienischen Vorstandsvorsitzenden Antonio Filosa deutlich weniger vor. Dort will der Konzern zwar einige neue Modelle herausbringen, doch ansonsten ist vor allem Rationalisierung angesagt. Dass nicht nur die Gewerkschaften in Italien über gestrichene Prämienzahlungen in Europa klagen, ist keine Überraschung. Die Arbeitnehmer müssen froh sein, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten. Stellantis verfügt über seinen amerikanischen Ableger, seit Fiat vor mehr als zehn Jahren sich die Marken Jeep, Ram, Dodge und Chrysler einverleibte; lange Zeit brachten sie dem Konzern mit seinen europäischen Wurzeln mehr als die Hälfte der Gewinne.
Die getrennten Welten sieht man auch in der Modellpolitik: Dort schwere Pick-ups und SUV, hierzulande vor allem Kleinwagen und mittelgroße Limousinen. Welche Synergieeffekte da noch zu heben sind, muss die neue Stellantis-Führung beweisen. Schon zuvor waren Zweifel an dem transatlantischen Spagat erlaubt, den in dieser Form kaum ein anderer Konzern vollzieht. Doch für solche Grundsatzfragen hat Stellantis derzeit wenig Muße. Erst mal muss der Konzern mit attraktiven Modellen Kunden anlocken und Gewinne machen. Das ist Herausforderung genug.