Die Fußballnationalmannschaft ist in ihrer Vielfalt ein Abbild unseres Landes. Gerade das stört die AfD. Die Historikerin Ruth Hoffmann über den Umgang mit der DFB-Elf.
Wer sind wir eigentlich und welches Land wollen wir sein? In ihrem Buch „Raubzug von rechts“ analysiert die Historikerin Ruth Hoffmann, wie rechte Akteure in Deutschland diese Debatte maßgeblich beeinflussen, indem sie politische Begriffe und kulturelle Deutungen verschieben. Was auf den ersten Blick aussieht wie provokante Aussagen Einzelner, ist in Wirklichkeit eine systematische Strategie, mit der rechtsextreme und demokratiefeindliche Positionen schrittweise normalisiert werden sollen.
Am Beispiel der deutschen Fußballnationalmannschaft zeigt Hoffmann, wie diese Strategie funktioniert. Hießen die Nationalspieler lange Zeit ausschließlich Müller, Maier, Kuntz und Völler, bildet die Auswahl seit der Jahrtausendwende verstärkt die Vielfalt des Landes ab. Seither tragen den Adler auf der Brust ganz selbstverständlich Spieler, die Özil, Khedira, Boateng, Asamoah, Gündogan oder Can heißen. Menschen mit ausländischen Wurzeln, die für ein multiethnisches Einwanderungsland stehen.
Wie die AfD darauf reagiert, zeigt Hoffmann im Kapitel ‚Nation‘, aus dem wir hier einen Auszug publizieren.
Die allzu bunte Nationalmannschaft
Im Sprachgebrauch der AfD ersetzt der Begriff „Kultur“ den der „Rasse“. Auf diese Weise lassen sich auch diejenigen mit ins Boot holen, denen völkisches Vokabular zuwider ist. Den radikalen Rand wird man trotzdem nicht enttäuschen, weil die strikte Trennung zwischen „Wir“ und „den Anderen“ dabei ja bestehen bleibt. Mit dem Schlagwort „Kultur“ erweitert sich die feindliche Front sogar noch erheblich, weil sie nicht nur ethnisch Fremde umfasst, sondern alle, die den von der Rechten propagierten Kulturbegriff nicht teilen und darum dem einheitlichen Volksbegriff im Wege stehen.
Auch die Fußballnationalmannschaft repräsentiert nach Ansicht der Partei nicht mehr die „deutsche Leitkultur“ und gilt ihr darum als Beleg für die unheilvolle Wirkung von „Multikulti“: Wegen der vielen „Passdeutschen“ im Kader sei die Mannschaft schon lange nicht mehr „deutsch … im klassischen Sinne“ moserte der damalige Parteichef Alexander Gauland beim Start der Europameisterschaft 2016.
Sami Khedira, Shkodran Mustafi, Leroy Sané, Antonio Rüdiger, Emre Can – 11 von 27 in jenem Sommer aufgestellte Spieler hatten ausländische Wurzeln. Dass diese Männer in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, macht für die AfD keinen Unterschied – nach völkischen Kriterien gehören sie nicht zur Nation. Nachdem die Deutschen im Halbfinale gegen Frankreich ausgeschieden waren, twitterte darum Beatrix von Storch: „Vielleicht sollte nächstes Mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?“ Später löschte sie den Beitrag und machte die Presse für die negativen Reaktionen verantwortlich, die ihr entgegengeschlagen waren.
Ruth Hoffmann: Raubzug von rechts, Goldmann Verlag, 22 Euro © Goldmann
Bei der EM 2024 ging die AfD dann zum Frontalangriff über: Krah beschimpfte die deutsche Mannschaft auf TikTok als „politisch korrekte Söldnertruppe”, die man getrost ignorieren könne. Die niedersächsische AfD-Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt rief auf X zum Boykott der „Deppenveranstaltung“ auf: „Eure sogenannte #Vielfalt sorgt für exorbitanten Anstieg von Gewalt, Auflösung des klassischen Familienbildes, soziale Verwahrlosung und wirtschaftlichen Niedergang.“
In einem Artikel für die Schweizer „Weltwoche” – Überschrift: „Fußball war unser Leben“ – trauerte Höcke unterdessen den ach so guten Zeiten hinterher, als Spieler ihr Leben lang demselben Verein angehörten: Den heutigen fehle es an „heimatlicher Standorttreue“, stattdessen quelle ihnen „aus jeder Pore die Regenbogenideologie“. Sämtliche Akteure des Fußballs seien im „Bekenntnisdelirium“ und produzierten „täglich Phrasenmüll“. Eine der „volkspädagogischen Botschaften“, die den TV-Zuschauern seit Jahren durch die „Staatsmedien ins Hirn gehämmert werden“, laute „Vielfalt statt Vaterland“.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass die AfD mit ihren Ressentiments nicht einmal vor der Nationalmannschaft haltmacht, schließlich hat eine Mehrheit der Deutschen Freude an den Turnieren, ungeachtet der „Abstammung“ der Spieler. Und zeigt sich nicht gerade beim Fußball und im Sport generell, wie produktiv „multiethnische“ Zusammenarbeit sein kann?
Für die AfD scheinen solche Überlegungen nicht von Belang zu sein – die Botschaft ist ihr wichtiger: „Die Mannschaft“ als Sinnbild einer unheilvollen Multikulti-Kultur, die das Eigene verdränge, dazu staatlich gelenkte Medien, die den Deutschen eine Gehirnwäsche verpassen. Dass die AfD mit diesem Mix aus völkischer Ideologie und Verschwörungstheorie sogar gegen die DFB-Elf schießt, zeigt, wie sehr ihr ein auf dem Prinzip der Abstammung beruhender Nationenbegriff am Herzen liegt.
„Pluralismus“ ja, aber nicht innerhalb der Nation
Tatsächlich liegt er praktisch all ihren Argumenten und Forderungen zugrunde und wird zum Beispiel auch als Argument gegen die EU in Stellung gebracht, die nach Meinung der AfD der „Herstellung von Mischvölkern“ diene, „um die nationalen Identitäten auszulöschen“. Gauland verstieg sich bei einer Generaldebatte im Bundestag sogar einmal zu der Behauptung, das „Selbstbestimmungsrecht eines Volkes“ umfasse „natürlich auch das Recht zu bestimmen, mit wem ich zusammenleben will“. Es gebe „keine Pflicht zu Vielfalt und Buntheit“ und „keine Pflicht, meinen Staatsraum mit fremden Menschen zu teilen“.
Da ist sie wieder, die Trennung zwischen „uns“ und den „Fremden“. Ergänzt um die Lüge, es sei ein Zeichen mangelnder nationaler Souveränität, wenn innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik auch Menschen leben, die nicht den Vorstellungen der AfD entsprechen.
In Wirklichkeit kann sich niemand aussuchen, mit wem er ein Staatsgebiet teilt: Die Souveränität des Einzelnen besteht darin, durch Wahlen eine politische Vertretung zu bestimmen, nicht die Zusammensetzung der Nation.
Der Trick, radikale Positionen im Brustton der Selbstverständlichkeit vorzutragen, ist typisch für die Rhetorik der Rechten und folgt der erklärten Strategie, extremes Gedankengut in die allgemeine Debatte einsickern zu lassen. Was sollte schließlich gegen Wahlfreiheit und Souveränität zu sagen sein? Auch der Begriff „Ethnopluralismus“, den die rechtsextreme Identitäre Bewegung seit Langem und die AfD seit ein paar Jahren verwendet, klingt beim ersten Hören harmlos, fast schon weltoffen. Dahinter steht aber das letztlich rassistische Konzept, dass jedes Volk hübsch unter sich bleiben soll: Bloß kein Austausch, sonst ist es vorbei mit Frieden, Kultur und Wohlstand. „Pluralismus“ ja, aber nicht innerhalb der Nation.
Die Menschheit sei nun einmal „in Völker gegliedert“, erklärte Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt schon im September 2018. Der „Ethnopluralismus“ betrachte „diese Völker mit ihrer je eigenen Kultur“ als „erhaltenswert“, und genau das sei auch das „Leitmotiv des AfD-Programms“: Man setze sich „auf allen Gebieten dafür ein, die ethnokulturelle Einheit, die sich deutsches Volk nennt, zu erhalten“. Das ist nichts weiter als intellektuell formulierter Rassismus – und ein Beispiel von vielen für die Strategie, rechtsextreme und menschenfeindliche Ideen hinter harmlos klingenden Bezeichnungen zu verstecken.
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Raubzug von rechts: Familie, Freiheit, Widerstand. Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht” von Ruth Hoffmann. Es ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet 22 Euro.
Source: stern.de