Fünftausend rheinische Gulden und ein diamantbesetzter Degen: So viel waren dem Fürsten von Liechtenstein am 27. Juli 1700 zwei Gemälde von Peter Paul Rubens wert. Die mit Feder unterzeichnete Kaufurkunde zwischen Johann Adam Andreas I. und dem Kunsthändler Marcus Forchondt besiegelte den Erwerb. Seine Durchlaucht sammelte flämische Barockmalerei, doch für die Fresken seines gerade fertiggestellten Wiener Gartenpalais engagierte er Meister aus Italien. Unter den prächtigen Deckengemälden des Palasts erzählt nun die Ausstellung „Noble Begierden“ von der Entstehung des europäischen Kunstmarkts.
Seit mehr als vierhundert Jahren baut die Adelsfamilie Liechtenstein ihre milliardenschwere Kunstsammlung aus. Mehr als 1700 altmeisterliche Gemälde, hochkarätige italienische Bronzen, antike Skulpturen sowie Kunstkammerobjekte, Tapisserien, Möbel und vieles mehr zählen zum Bestand. Der aktuelle Ausstellungsrundgang setzt in der römischen Antike ein und führt über historische Hotspots wie Florenz, Antwerpen und Paris bis ins Wien des Fin de Siècle.
Nicht nur profitorientiert
Stephan Koja, der Direktor der Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein, schulterte diese Herkulesaufgabe mit der Chefkuratorin Yvonne Wagner und Christian Huemer, dem Leiter des Belvedere Research Center. Damit nicht genug: Das Kuratoren-Trio veranstaltete vorab einen Workshop mit internationalen Expertinnen sowie Experten, und eine umfangreiche Publikation begleitet die Schau.
Das Geschäft mit der Kunst galt lange Zeit als unseriös und rein profitorientiert. Dabei gingen aus dem Dreieck zwischen Künstlern, Händlern und Käufern wichtige Neuerungen wie Werkverzeichnisse oder Sammlungskataloge hervor, die später als Grundlagen der kunsthistorischen Forschung dienten. „Jedes der Werke, die heute in Museen hängen, wurde in einem Marktzusammenhang geschaffen und bewertet“, erklärte Koja. Dafür soll seine kontextreiche Schau die Augen öffnen. Während Albrecht Dürer oder die Bruegel-Sippe sich geschickt selbst vermarkteten, wurden andere Namen mit merkantilem Know-how erst „gemacht“. Über Jahrhunderte hinweg verhehlten Künstler nicht, dass sie gut verdienen wollten.
Schon in der Antike wurde Vervielfältigung zu einem zentralen Aspekt des Kunstmarkts. Im alten Rom befriedigten Kopien die enorme Nachfrage nach griechischer Kunst. So wurde die marmorne Aphrodite aus dem zweiten Jahrhundert, die am Beginn der Schau steht, nach einem 400 Jahre älteren Vorbild gemeißelt. Gegenüber hängt Tizians Porträt des Renaissance-Gelehrten Jacopo Strada. Der als Sammler und Händler tätige Humanist hält in dem Gemälde eine Statuette der antiken Liebesgöttin in den Händen. Strada legte auch den dreibändigen „Codex Miniatus“ an, in dem altertümliche Porträtbüsten dokumentiert sind; darunter ein „Kopf des Ephebos“, ein schöner Jüngling, den die fürstliche Sammlung als Marmorkopie besitzt.
Im Florenz des 15. Jahrhunderts blühten die Künste dank produktiver Werkstätten auf. Der Maler Neri di Bicci erhielt prestigeträchtige Aufträge wie den zu einem großformatigen Altarbild für die Bruderschaft San Giorgio. Derweil bemalten seine Mitarbeiter auch Gipsreliefs kleiner Andachtsbilder in großer Stückzahl. Gemälde in Rundformat kamen ebenso in Mode wie blau-weiß glasierte Tondi aus Terrakotta. Die Medici verschenkten für diplomatische Zwecke die Kleinbronzen ihres Hofkünstlers Giambologna, die dadurch zu gefragten Sammlerstücken wurden.
Zur Messe nach Antwerpen
Die Entstehung der Kunstmesse verorten die Kuratoren in Antwerpen. Mitte des 16. Jahrhunderts wurden in den sogenannten Panden, den großen Verkaufshallen der Hafenstadt, zweimal jährlich auch Luxuswaren wie Gemälde, Drucke oder Wandteppiche feilgeboten. Ähnlich publikumswirksame Kunstmärkte hielten bald auch andere Städte ab, wie das Gemälde einer Bilderschau im Vladislav-Saal der Prager Burg zeigt. In der Bibliothek des Gartenpalais Liechtenstein gruppiert die Ausstellung Malereigenres aus der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts. Die effizient und massenhaft produzierten Landschaften, Seestücke und Stillleben fanden reißenden Absatz. Laut einer Studie besaß eine bürgerliche Amsterdamer Familie zu jener Zeit durchschnittlich 37 Gemälde.
Welch hohe Summen rare Werke schon damals erzielen konnten, überraschte selbst Rembrandt. 1639 verfolgte der Künstler die Nachlassauktion des Kaufmanns Lucas van Uffel, auf der Raffaels „Porträt von Baldassare Castiglione“ versteigert wurde. Rembrandt skizzierte dieses Bildnis auf einem Blatt und notierte daneben den Spitzenpreis von 3500 Gulden. Mit einem Gemälde aus dem Madrider Museo Thyssen-Bornemisza legt die Ausstellung nahe, dass Rembrandt dieses Erlebnis zu seinen späteren Selbstporträts mit Hüten und Goldketten inspiriert haben könnte.
Repräsentative Kunst für das Bürgertum
Auch Kaufleute strebten nach nobler Repräsentation: Zu den Highlights der Schau zählt das wunderbar detaillierte Galerienbild „Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest“ von Willem van Haecht, eine Leihgabe aus dem Antwerpener Rubenshuis. Das Auftragswerk von 1628 breitet die immense Kollektion des Gewürzhändlers aus, wie sie von Erzherzogen, Sammlern, Künstlern und Gelehrten bewundert und studiert wird. Rund hundert Jahre später malte Antoine Watteau für den Pariser Kunsthändler Edme-François Gersaint ein elegantes Ladenschild. Seine Szene stellt das Geschäft auf der Brücke Pont Notre-Dame weitaus größer und mit vornehmer Kundschaft dar – die Galerie wird zum Treffpunkt für Connaisseure. Zu Gersaints Verdiensten zählen auch seine kommentierten Werkverzeichnisse und Auktionskataloge, die bereits Provenienzen auflisteten.
Von Paris führt die Kunstmarkttour über London nach Italien, wohin junge wohlhabende Briten auf ihrer Grand Tour pilgerten. Diese Bildungsreise steigert die Nachfrage nach Bildgattungen wie der Vedute und dem Capriccio. Ansichten von venezianischen Kanälen oder römischen Ruinen wurden zu „Must-haves“ in englischen Villen. Als der dritte Duke of Beaufort 1726 in Florenz weilte, gab er einen enormen Barockschrank mit Pietra-dura-Dekor in Auftrag. Heute zählt das vier Meter hohe „Badminton Cabinet“ zu den Prunkstücken der Liechtensteinschen Sammlungen. Hans-Adam II. ließ es 2004 bei Christie’s für 27 Millionen Euro ersteigern. Den Preis für das „teuerste Möbel aller Zeiten“ verschweigt der Begleittext zur Ausstellung: Sie gibt sich in Bezug auf die hauseigenen Verflechtungen mit dem Kunstmarkt bemerkenswert diskret.
Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Frankreich immer mehr Galerien und Kunsthandlungen, wodurch sich Künstler aus der Abhängigkeit von den Pariser Salons lösen konnten. Der Impressionisten-Galerist Paul Durand-Ruel organisierte unter anderem Ausstellungen von Claude Monets Werkserien. Besonders gefragte Motive wie der „Getreideschober“ oder das „Parlament in London“ wiederholte der Maler in unterschiedlichen Lichtstimmungen – eine moderne Idee, die zugleich die Kassen füllte.
Je professioneller und ausgefeilter die Marktstrategien wurden, desto mehr distanzierten sich Künstler wie die Wiener Secessionisten von kommerziellen Interessen. Den Endpunkt der Schau bildet Gustav Klimts Gemälde „Nuda Veritas“ aus dem Wiener Theatermuseum. „Allen gefallen ist schlimm“, verkündet die Inschrift über der nackten Wahrheitsallegorie. Ein Motto, das auf diese selbstbewusste Ausstellung sicherlich nicht zutrifft.
Noble Begierden. Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts, Gartenpalais Liechtenstein, Wien, bis zum 6. April. Der Begleitband ist von Anfang März an erhältlich und kostet 59 Euro.
Source: faz.net