Man darf sich die Schifffahrt nach der Erfindung der Fresnel-Linse im neunzehnten Jahrhundert als weniger beängstigend vorstellen. Die Idee, in Leuchttürmen nicht wie üblich eine, sondern mehrere stufenförmig angeordnete Glaslinsen für das Lichtsignal zu verwenden, verbesserte dessen Stärke und Reichweite auf nicht gekannte Weise. Die Menschen auf den unter dunklem Himmel und auf dunklem Meer fahrenden Schiffen konnten nun schon aus vierzig Kilometern Entfernung sehen, dass Land nah war, und die potentiellen Gefahren der Küstenlinie klarer erkennen.
Die Fresnel-Linse, die derzeit im Kunstmuseum Wolfsburg rotiert, hat nie von einem Leuchtturm aus die Meeresoberfläche erhellt, dafür das, was darunter liegt. Julian Charrière ließ sie in die Tiefe des Pazifiks sinken, bis zum Beginn der „Midnight Zone“, des unterseeischen Bereichs, den kein Sonnenstrahl mehr erreicht und der einer der raumgreifendsten Arbeiten sowie der bislang umfassendsten Einzelschau des französisch-schweizerischen Künstlers den Titel gibt.
Die Linse ist in der Ausstellung zweimal zu sehen, in echt und bei ihrem Tauchgang in eine Tiefe von tausend Metern. Fast erleichtert nähert man sich der blau-schwarz leuchtenden großen Leinwand, endlich finden die Augen wieder Halt. Die Ausstellungsräume sind selbst fast so lichtlos wie die „Midnight Zone“. Charrière verfolgt eine doppelte Strategie: eine Choreographie der Verunsicherung, bei der man durch eine geräuschvolle Dunkelheit stolpernd begreift, wie ungenügend ausgestattet das visuelle Wesen Mensch schon allein deshalb für die Meerestiefe ist, wird gefolgt von der Einladung, eins zu werden mit der fremden Welt.
Hinein in einen Zustand wohliger Orientierungslosigkeit
Die Kamera, die mit der Fresnel-Linse nach unten gleitet, nimmt mal die drucksicher verpackte Lichtquelle ins Bild, mal die von ihr bestrahlte Wassersäule, in der Wundersames geschieht: angezogen von der ungewohnten Helligkeit, schwimmen Meeresbewohner heran. Man schwebt vorbei an Haien, an Fischschwärmen, durch Wolken flockigen Planktons, hinein in einen Zustand wohliger Orientierungslosigkeit, der nur gestört wird durch ein metallisches Dröhnen und das Auf- und Abblenden des sich drehenden Lichtkegels.
Die Grenze zwischen Erkundung und Eroberung war schon immer fließend, und in einem Leuchtturm glüht nicht nur das beruhigende Feuer der Zivilisation, sondern auch der Drang nach Expansion. Diese Warnung trägt die verirrte Lampe in die nicht zufällig gewählte Tiefe: Wir befinden uns in der Clarion-Clipperton-Zone, auf deren Grund tonnenweise metallhaltige Manganknollen liegen, deren – offiziell noch verbotene – Bergung zwecks Rohstoffgewinnung so einige Unternehmen und Regierungen gar nicht erwarten können.
Die einen Großteil der Ausstellungshalle im Erdgeschoss einnehmende Videoarbeit ist der optische und inhaltliche Anker der Schau, in der Charrière, der als Impresario einer theatralischen Vergegenwärtigung des Zugriffs auf den Planeten zum Shooting Star wurde, Meer und Gletscher in den Mittelpunkt stellt. Dass es sich hier um besonders gefährdete Stellschrauben im Erdsystem handelt, driftet zuweilen ins Aufmerksamkeitsfeld der Öffentlichkeit wie ein Kalmar vor die Kameralinse in „Midnight Zone“ und ebenso schnell wieder hinaus.
Wenn Fakten nicht mehr erzeugen als punktuelles Unbehagen, fragen sich auch Wissenschaftler, was könnte das dann? Charrière gibt eine gewagte Antwort: Kunst kann es. Sie hat die Mittel, die so abstrakt scheinenden Zusammenhänge fühlbar zu machen, und Gefühl schafft Bindung. Gewagt ist die Prämisse, weil sie den Verdacht ökoaktivistischen Kitsches schon formuliert.
Ammoniten im Verkaufsautomaten
Den liefert der multimedial arbeitende Charrière, früherer Meisterschüler von Ólafur Eliasson, aber nicht. Die Übersetzungsarbeit, für die er jede Menge Aufwand betreibt und mit Forschern, Unterwasserkameramännern, Freitauchern, Klangkünstlern reist, erschöpft sich nicht im Appell. Seine Kunst hält der Intention eines „Call to action“, die der Neunundreißigjährige selbst freimütig formuliert, locker stand. Auch ein eher plakatives Werk wie „Spiral economy“ ist mehr als ein hübsches Bild für die Kommodifizierung von Natur.
In den Halterungen eines Verkaufsautomaten sind nicht Colaflaschen und Schokoriegel, sondern fossilierte Ammoniten aufgereiht. Die ausgestorbenen Kopffüßer schwammen in einer geologischen Tiefenzeit durch die Meere, die Millionen Jahre später zu brennfreudiger Kohle gepresste Tier- und Pflanzenreste bereitstellte und damit jene Potenzierung der Konsummöglichkeiten in Gang brachte, zu der auch die Herausgabe von Waren nach Münzeinwurf gehört.
In einem halbblinden Spiegel erblickt man sich selbst
Solcherlei materielle Voraussetzungen auch künstlerisch genutzter Techniken legen Arbeiten wie „Buried Sunshine Burns“ bloß. Die nach den historischen Anfängen bildgebender Verfahren aussehenden Luftaufnahmen in einem ausnahmsweise hell erleuchteten Raum des Museums sind Heliographien: Eine Platte wird mit einer lichtempfindlichen Emulsion bestrichen. Charrière benutzte Erdöl aus exakt den Ölbohrfeldern bei Los Angeles, die auf den Bildern zu sehen sind. Als Nicéphore Niépce 1816 auf diese Weise erstmals ein Abbild der Welt fixierte, hatte er schon den weltweit ersten Verbrennungsmotor entwickelt.
Fast übersehen kann man den kleinen Spiegel, der auf Augenhöhe vor einer Wand schwebt. Dass man sich darin selbst entgegenblickt, liegt an der Schicht Silber auf der Rückseite des Glases, die wiederum in einem aufwendigen chemischen Prozess alten, auf Flohmärkten gesammelten Schwarz-Weiß-Fotografien abgerungen wurde. In dem durch Rohstoffrecycling geschaffenen halbblinden Spiegelchen von „A Thousand Worlds“ steckt nicht nur die eigene Reflexion, sondern die Spuren von Menschen, die einst den Blick auf eine Kamera richteten, damit die den Moment in die Zukunft trägt.
Charrière setzt also auch auf kopflastigen Entschlüsselungswillen, doch der Überwältigungsschwerpunkt dieser Schau begleitet einen bis in die Nebenräume. Überall ist der Unbehagen erzeugende Sound der Unterwasserwelt zu hören, der heutzutage vor allem menschengemacht ist: Schiffsmotoren, Offshore-Windparks, die Schallwellen seismischer Untersuchungen zwecks Rohstofffindung.
Also wieder in die Halle, die Stufen hoch zur zweiten großen Leinwand, sie hängt von der Decke, darunter Kissen und Kopfhörer, so wird das in Ausstellungen aber nicht beschrieben, sondern als: immersive Erfahrung. „Albedo“ schafft es tatsächlich, Gletschern, jener auch im Kunstkontext strapazierten Chiffre für den Klimawandel, noch eine neue Perspektive abzugewinnen. Mit einer Unterwasserdrohne gleitet man an der Unterseite arktischen Eises entlang, schimmernde Umrisse schälen sich aus nachtblauem Dunkel, gewölbte, schimmernde Formationen tauchen auf. Die Oberfläche eines anderen Planeten könnte nicht fremder sein.
Immer wieder während des 42 Minuten langen Videoloops werden die gefrorenen Skulpturen zu Silhouetten vor gleißendem Licht und erinnern daran, was auf der anderen Seite des Eises passiert. Albedo, das ist dessen für den Temperaturhaushalt der Erde wichtige Fähigkeit, Sonnenlicht in den Weltraum zurückzustrahlen. Mit dem Eis geht auch sie verloren.
Julian Charrière: Midnight Zone. Kunstmuseum Wolfsburg; bis 12. Juli. Der Katalog kostet 45 Euro.
Source: faz.net